Dexys Midnight RunnersGefühlsaktivitäten

Schluchzen, schmachten, schmettern, hadern: Mit seinem Comeback-Album "One Day I'm Going To Soar" führt Kevin Rowland den weißen Soul zu neuen Ufern. von Arno Frank

Pete Williams, Kevin Rowland und Mick Talbot von der britischen Band Dexys (von links)

Pete Williams, Kevin Rowland und Mick Talbot von der britischen Band Dexys (von links)  |  © Chiko Ohayan

Tiefpunkte erzählen manchmal mehr über einen Künstler als Höhepunkte. Den absoluten Tiefpunkt seiner Karriere erreichte Kevin Rowland an einem Nachmittag 1999, als er in einem weißen Kleid und Strapsen die Bühne des Rockfestivals von Reading in England betrat, um ausgerechnet dort, begleitet von zwei Stripperinnen, The Greatest Love Of All von Whitney Houston zu singen: »No matter what they take from me/ They can’t take away my dignity«.

Das Publikum bewarf die groteske Gestalt mit Bierbechern und buhte sie gnadenlos von der Bühne. Wer war das denn? Eines der größten musikalischen Talente der achtziger Jahre: ausgebrannt, von Drogen gezeichnet, mit Depressionen geschlagen. Fertig.

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Dass er mit seinen Dexys Midnight Runners jetzt zurückkehrt, mehr als ein Vierteljahrhundert nach ihrem letzten Album, das ist daher mehr als ein Comeback. One Day I’m Going To Soar ist so unwahrscheinlich und erhaben wie eine Wiederauferstehung. Es dauert nur wenige Sekunden, und alles, alles ist wieder da. Die Melodien, die Bläsersätze, die Streicher und die Rhythmuswechsel. Und dieser quecksilbrige Gesang, der so ergreifend zwischen Trotz und Trauer, Wollust und Wut wechselt. So wie damals, 1980, als ihr Debüt Searching For The Young Soul Rebels erratisch wie ein Findling in der Musiklandschaft herumstand.

Die Band trat uniform auf wie eine Straßengang und überführte Vorbilder wie Geno Washington oder Van Morrison in die Ära des Punk. Nicht zeitgemäß wollte sie sein, sondern rein und radikal: »The only way to change things is to shoot men who arrange things«. Mit dem makellosen Song Come On Eileen vom zweiten Album Too-Rye-Ay gelang den Dexys nach diesem Rezept vielleicht der Nummer-ein-Hit schlechthin. Ein Song, so groß, dass Rowland ihn für einen Freibrief hielt – aber er wurde ihm zum Fluch. Mit dem ambitionierten Album Don’t Stand Me Down verspielte er die Gunst von Publikum und Kritikern. Die Midnight Runners stolperten über ihre eigene Popularität – und fielen ins Nichts. Alle Anläufe zu einer Reunion scheiterten seitdem ebenso kläglich wie Rowlands Solokarriere.


Erst jetzt, mit 58 Jahren, konnte er einige seiner damaligen Mitstreiter versöhnen, unter dem verkürzten Namen Dexys um sich versammeln – und den Faden wieder aufnehmen, den er in seiner Jugend so achtlos aus der Hand hatte gleiten lassen. Auch One Day I’m Going To Soar ist der jugendlich-romantische Drang nach Tiefe und Transzendenz in jeder Note anzuhören. Es klingt nach Bedürfnis, nicht nach Berechnung. Der keltische Folk früherer Tage tritt zugunsten eines entspannten Motown-Sounds ein wenig in den Hintergrund, ganze Passagen werden eher rezitiert als gesungen. Anders als im ersten Lauf aber klingt dieser Entwurf plötzlich aktuell.

Nicht nur weil das Album mit dem Rückenwind des derzeit angesagten Retro-Soul im Stil von Amy Winehouse, Adele oder Michael Kiwanuka dahinsegelt. Sondern auch weil Rowland sich hier ein traditionell weibliches Rollenfach aus männlicher Sicht aneignet: »When I show them that I’m soft«, barmt Rowland, »they take the piss out of me«. Schluchzen, schmachten und bisweilen auch im Selbstmitleid baden – für solche Gefühle bietet sich dem heterosexuellen Mann keine passendere Sprache als Soul.

Hier kann er ausbreiten, was er aus dem Brunnen seiner Seele zutage gefördert hat, und singen, als hinge sein Leben davon ab – was es im Fall von Kevin Rowland wahrscheinlich sogar tut. In den Songs von One Day I’m Going To Soar spiegelt sich weniger ein modisches Rollenverständnis als vielmehr die grundsätzliche Härte des Schicksals, ein Mann zu sein.

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