Mordprozess : Gottes Mühlen
Der Landwirt Josef K. bringt seine schwangere Geliebte Lolita um und verscharrt sie auf einer Müllkippe. Fast dreißig Jahre lang lebt er unbehelligt. Dann redet einer. Eine Geschichte von Recht und Gerechtigkeit
Das Urteil ist gesprochen, und Josef K. ist auf der Flucht. Durch den Hinterausgang verlässt er das Landgerichtsgebäude. Seine Anwälte bugsieren ihn in ein Auto. Josef K. liegt auf der Rückbank, das Jackett seines Verteidigers über dem Gesicht. Zu einer Autobahnraststätte wollen seine Anwälte ihn fahren, dort wird sein Bruder ihn übernehmen. Der wird ihn fortbringen. Raus aus Trier, raus aus der Eifel, raus aus Deutschland. Josef K. ist freigesprochen, obwohl er einen Menschen getötet hat. Die Tat ist unbestritten, nur – der Mordvorwurf ließ sich nicht erhärten, und Totschlag ist verjährt. Jetzt muss K. untertauchen.
Nach Hause kann er nicht mehr. Aufhängen sollte man ihn, sagen sie dort. Die Dorfbewohner aus jenem Örtchen, in dem er bisher lebte und in dem er jeden mit Namen kennt. Ein-, zweimal die Stunde fährt die Polizei langsam an seinem Bauernhof vorbei, um mögliche Übergriffe zu verhindern. Manchmal bewegt sich hinter der Gardine im Küchenfenster eine schmale Gestalt. Es ist K.s Mutter, eine Frau von mehr als 90 Jahren. Sie sitzt da und wartet. Auf ihren Sohn, der neun Monate lang in Untersuchungshaft saß. Für eine Tat, die er vor langer Zeit begangen hat und für die er jetzt zur Rechenschaft gezogen worden ist. Gottes Mühlen mahlen langsam, aber stetig, sagt der Volksmund. Um Josef K. zu zermalmen, brauchten sie dreißig Jahre.
Es war der Abend des 24. August 2011, an dem die Gerechtigkeit über Josef K. kam. Wolfgang Schu, Kriminalhauptkommissar aus Trier, steht im Fernsehstudio, in dem die Sendung Aktenzeichen XY … ungelöst produziert wird. Soeben ist der Einspieler abgelaufen. Ein kurzer Film, der in wenigen Minuten zusammenfasst, welches Verbrechen aufgeklärt werden soll. Der Kurzfilm, der Schus Fall skizziert, ist untypisch für die Sendung. Statt eines Verbrechens sieht der Zuschauer einen nachgestellten Film über ein junges Paar, das unglücklich verliebt ist. Eine Liebesgeschichte, so alt wie die Menschheit: Reicher Bauernsohn verliebt sich in armes Mädchen aus dem Nachbardorf. Der Vater des jungen Mannes ist gegen die Verbindung. Das Mädchen, Lolita Brieger, damals 18 Jahre alt, wird schwanger. Deshalb gibt es Streit zwischen ihr und dem Bauernsohn, der hin- und hergerissen ist zwischen seiner Liebe und seinem Elternhaus. Plötzlich verschwindet die junge Frau. Sie sei auf dem Weg zu ihrem Freund gewesen, sagt der Sprecher aus dem Off, und im vierten Monat. Seither hat es kein Lebenszeichen von Lolita gegeben. An die dreißig Jahre ist das her.
Vor neun Jahren hat Schu die Akte Brieger auf den Tisch bekommen. Die Polizei überprüft routinemäßig alte Fälle, um sie mithilfe moderner Technik oder neuer Hinweise vielleicht doch noch zu lösen. Über tausend Seiten umfasste Lolitas Akte damals. Bereits 1982 hatte die Polizei den Liebhaber der verschwundenen jungen Frau und dessen Vater befragt, Zeugen aus dem Umfeld vernommen. Nichts.





Also verstehen kann das wohl keiner wie sowas zu standekommtund dann solch ein urteil gefällt werden muß.
Warum die Autorin sich am moselfränkischen Dialekt so reibt, verstehe ich nicht.
»das Fraumensch«, die Binäropposition zu »der Mannskerl« (in beiden Fällen ist Aussprache ungleich Wortlaut), ist da nun mal ein stehender Begriff.
eine alte Regionalsprache,
die bereits ein paar Jahrunderte Schriftsprache war,
lange bevor Luther durch seine Bibelübersetzung dem sächsischen Kanzleideutsch, sprach- und geistesgeschichtlich ungerechtfertigt, zur deutschen Hochsprache verhalf.
vielleicht sollte man noch erwähnen, dass "et" und "dat" (bei Männern "en" und "deä") gebräuchlich sind und nicht wertend verstanden werden.
Ansonsten: toller Text, wirklich fesselnd geschrieben!
eine alte Regionalsprache,
die bereits ein paar Jahrunderte Schriftsprache war,
lange bevor Luther durch seine Bibelübersetzung dem sächsischen Kanzleideutsch, sprach- und geistesgeschichtlich ungerechtfertigt, zur deutschen Hochsprache verhalf.
vielleicht sollte man noch erwähnen, dass "et" und "dat" (bei Männern "en" und "deä") gebräuchlich sind und nicht wertend verstanden werden.
Ansonsten: toller Text, wirklich fesselnd geschrieben!
Spielen wir mal ein anderes Szenario durch. Natürlich rein fiktiv.
Der Sohn kommt in die Scheune und sieht darin seinen Vater stehen. Vor ihm auf dem Boden liegt seine Geliebte von der er sich auf das Geheiß seines Vaters hin trennen sollte (vielleicht obwohl er sie noch liebte?). Sie hat seinen Vater damit konfrontiert, dass sie schwanger von seinem Sohn ist, das Kind austragen wird und auf den Hof ziehen will. Da hat er sie getötet.
Der Sonh steht nun da. Die Freundin ist tot. Wenn er zur Polizei geht kommt sein Vater ins Gefängnis. Also ruft er einen Freund an und man beseitigt zusammen die Leiche.
Ist dieses Szenario wirklich so abwegig? Dann wäre der Sohn kein Totschläger, sondern nur jemand der versucht hat die Familie zu schützen. Das wäre dann ein Ende für einen ARD/ZDF-Krimi...
Hätte es sich so zugetragen - der Vater hat das Mädchen getötet, der Sohn lediglich die Spuren der Tat beseitigt - dann hätte Josef K. das Jahrzehnte später , lange nach dem Tod seines Vaters, vor Gericht (oder wenigstens seinem Anwalt gegenüber) zugeben und sich somit in seinem Dorf vor dem Stigma des Mörders bewahren können. Sein Schweigen ist vielsagend.
Hätte es sich so zugetragen - der Vater hat das Mädchen getötet, der Sohn lediglich die Spuren der Tat beseitigt - dann hätte Josef K. das Jahrzehnte später , lange nach dem Tod seines Vaters, vor Gericht (oder wenigstens seinem Anwalt gegenüber) zugeben und sich somit in seinem Dorf vor dem Stigma des Mörders bewahren können. Sein Schweigen ist vielsagend.
...sind mir immer wieder grausige Schauder gekommen.
In Dörfern gibt es mancherorts eine so starke, undurchdringbare Barriere und Mauer, dass es einem als Außenstehenden mehr als nur merkwürdig vorkommt: Wie kann es dazu kommen, dass sich nicht ein Einziger der in Frage kommenden Zeugen bis dato mit klarem Hinweis geäußert hatte? Ist die Angst vor dem Verlust des Status quo oder der eigenen Position in dieser "Gemeinschaft" zu groß gewesen, als dass man es hätte riskieren können- hatte man solche schlimmen Folgen zu befürchten, dass nicht mal die Überlegung, zur Polizei zu gehen,in den Sinn kam?
Auch die Polizei selbst hat sich nicht mit Ruhm bekleckert, indem sie dem Busfahrer und seiner Aussage zu sehr Gehör geschenkt hatte.
Wenigstens Herr Schu hat in diesem Falle sehr ausdauernd und, wie ich finde, bewundernswert alles Mögliche und Machbare versucht. Bis zum Ende, der Aufklärung.
Ja, die Justiz hatte das Nachsehen gehabt und konnte da keinen Erfolg für sich in Anspruch nehmen, das war wohl doch zu schwierig, Josef K. zu einer Aussage zu bewegen.
Die Mutter und die Familie müssen nun mit der Gewissheit leben, dass Herr K. nicht mehr von einem Gericht bestraft werden kann. Und dass dieser eines Tages wieder im Dorf seinen Geschäften nachgeht. Unbehelligt!
... die Autorin. Sehr schoen erzaehlt, auch wenn die Geschichte an sich traurig und irgendwo auch wuetend macht.
für diese ausführliche und gute Reportage!
die Autorin hat den Begriff "Fraumensch" dem Hochdeutschen angepasst. Normalerweise heißt es "Framensch" und ist eine abwertende Bezeichnung für Frau.
So, wie Josef K. die Tat begangen hat, könnte es genau so in den zwanziger, dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts passiert sein und nicht in den aufgeklärten Achtzigern.
Die Stellung der Frau zu dieser Zeit war eh nur der eines Gebrauchsgegenstands und nicht der eines Menschen. Und von Flüchtlingen aus dem Osten hieß es: Im Osten geht die Sonne auf und im Westen geht sie unter, wohlgemerkt auf die Flüchtlinge bezogen, mit Flüchtlingen gab man sich nicht ab. Höchstens noch, um die Mädchen ins Bett zu kriegen. Aber Liebe? Nein, das traue ich einem reichen Bauerssohn nicht zu. Weil das Mädchen schwanger war, wurde diese Beziehung beendet und ja, die 20.000 Mark für nach Holland waren wohl zuviel, um sich ihrer zu entledigen.
Es ist bitter für die Gesellschaft, dass jemand, der eine schwangere Frau umbringt, den Gerichtssaal als freier Mensch verlässt.
Entfernt. Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich und respektvoll. Danke, die Redaktion/ls
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