Das Urteil ist gesprochen, und Josef K. ist auf der Flucht. Durch den Hinterausgang verlässt er das Landgerichtsgebäude. Seine Anwälte bugsieren ihn in ein Auto. Josef K. liegt auf der Rückbank, das Jackett seines Verteidigers über dem Gesicht. Zu einer Autobahnraststätte wollen seine Anwälte ihn fahren, dort wird sein Bruder ihn übernehmen. Der wird ihn fortbringen. Raus aus Trier, raus aus der Eifel, raus aus Deutschland. Josef K. ist freigesprochen, obwohl er einen Menschen getötet hat. Die Tat ist unbestritten, nur – der Mordvorwurf ließ sich nicht erhärten, und Totschlag ist verjährt. Jetzt muss K. untertauchen.

Nach Hause kann er nicht mehr. Aufhängen sollte man ihn, sagen sie dort. Die Dorfbewohner aus jenem Örtchen, in dem er bisher lebte und in dem er jeden mit Namen kennt. Ein-, zweimal die Stunde fährt die Polizei langsam an seinem Bauernhof vorbei, um mögliche Übergriffe zu verhindern. Manchmal bewegt sich hinter der Gardine im Küchenfenster eine schmale Gestalt. Es ist K.s Mutter, eine Frau von mehr als 90 Jahren. Sie sitzt da und wartet. Auf ihren Sohn, der neun Monate lang in Untersuchungshaft saß. Für eine Tat, die er vor langer Zeit begangen hat und für die er jetzt zur Rechenschaft gezogen worden ist. Gottes Mühlen mahlen langsam, aber stetig, sagt der Volksmund. Um Josef K. zu zermalmen, brauchten sie dreißig Jahre.

Es war der Abend des 24. August 2011, an dem die Gerechtigkeit über Josef K. kam. Wolfgang Schu, Kriminalhauptkommissar aus Trier, steht im Fernsehstudio, in dem die Sendung Aktenzeichen XY … ungelöst produziert wird. Soeben ist der Einspieler abgelaufen. Ein kurzer Film, der in wenigen Minuten zusammenfasst, welches Verbrechen aufgeklärt werden soll. Der Kurzfilm, der Schus Fall skizziert, ist untypisch für die Sendung. Statt eines Verbrechens sieht der Zuschauer einen nachgestellten Film über ein junges Paar, das unglücklich verliebt ist. Eine Liebesgeschichte, so alt wie die Menschheit: Reicher Bauernsohn verliebt sich in armes Mädchen aus dem Nachbardorf. Der Vater des jungen Mannes ist gegen die Verbindung. Das Mädchen, Lolita Brieger, damals 18 Jahre alt, wird schwanger. Deshalb gibt es Streit zwischen ihr und dem Bauernsohn, der hin- und hergerissen ist zwischen seiner Liebe und seinem Elternhaus. Plötzlich verschwindet die junge Frau. Sie sei auf dem Weg zu ihrem Freund gewesen, sagt der Sprecher aus dem Off, und im vierten Monat. Seither hat es kein Lebenszeichen von Lolita gegeben. An die dreißig Jahre ist das her.

Vor neun Jahren hat Schu die Akte Brieger auf den Tisch bekommen. Die Polizei überprüft routinemäßig alte Fälle, um sie mithilfe moderner Technik oder neuer Hinweise vielleicht doch noch zu lösen. Über tausend Seiten umfasste Lolitas Akte damals. Bereits 1982 hatte die Polizei den Liebhaber der verschwundenen jungen Frau und dessen Vater befragt, Zeugen aus dem Umfeld vernommen. Nichts.