Mordprozess Gottes Mühlen
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Der Ermittler war sich sicher: Es gibt einen Mitwisser

Fünf Jahre lang war der Fall Lolita Brieger dann in der Vermisstenkartei der Trierer Polizei verschimmelt. Erst 1987 wurde endlich eine Sonderkommission zusammengestellt, die der Frage nachgehen sollte, ob Lolita etwa Opfer eines Tötungsdelikts geworden sein könnte. Der ehemalige Liebhaber der Vermissten, Josef K., und dessen Vater wurden wiederum vernommen. Es gab Widersprüche in den Aussagen. Doch zur Anklage gegen einen der beiden reichte es nicht. Noch im selben Jahr wurde das Verfahren eingestellt.

Jetzt sollte also Schu ein drittes Mal die Akte prüfen. Auf neue Untersuchungsmöglichkeiten, neue Ermittlungsansätze. Schu befragte Zeugen, forschte, ließ DNA-Tests machen, die es in den Achtzigern ja noch nicht gegeben hatte. Trotzdem: Eindeutige Hinweise auf einen Täter tauchten nicht auf, ebenso wenig wie Lolitas Leiche. Was blieb, war die Akte, die für Schu ein Buch voller Hinweise war. Ein Verdacht keimte schnell in ihm, irgendwann war er für den Kriminalbeamten Schu zur persönlichen Gewissheit geworden. Lolita Brieger, da war Schu sicher, war einem Verbrechen zum Opfer gefallen. Und noch etwas: Schu glaubte zu wissen, wer der Täter war. Mehr noch: Er war sich sicher, es gab einen Mitwisser. Es gibt ihn noch.

Allerdings wusste der Kripobeamte auch, dass es nicht leicht sein würde, diesen Menschen zum Reden zu bringen. Es war viel Zeit vergangen. Wer so lange schweigt, würde es weiter tun. Aktenzeichen XY … ungelöst ist Schus letzter Versuch. Ein letztes Rütteln am Gewissen eines kleinen Dorfes in der Eifel. Jenes Dorfes, in dem Lolita Brieger lebte und in dem auch jeder jeden kennt. Vielleicht würde es gegen alle Wahrscheinlichkeit doch neue Hinweise geben, vielleicht würde der Verdächtige einen Fehler machen. Die polizeiliche Telefonüberwachung des Josef K. lief bereits seit Tagen. Später würde vor Gericht zu hören sein, dass Josef K. Lolita am Telefon »Fraumensch« nennt, dass er im Gespräch mit seinen Nachbarn von »es« und »dat« spricht und damit sie meint. Kein einziges Mal nennt er ihren Namen.

Der Moderator von Aktenzeichen XY … ungelöst nickt Wolfgang Schu zu. Das ist sein Zeichen. Jetzt kommt es darauf an. Die Sendung wird live ausgestrahlt, er hat nur einen Versuch.

Nah, immer näher zoomt die Kamera auf das Gesicht des Kriminalhauptkommissars. Jede Falte des 56-Jährigen wird sichtbar. Schu blickt ernst. Durch seine Brille fixiert er die Zuschauer. Kein Zwinkern, kein Zucken. Als würde er jedem einzelnen gegenüberstehen. Auf einmal atmet er tief durch. Dann spricht er ihn an, ohne seinen Namen zu nennen. Ihn, den er für den Täter hält: »Wenn Sie zuschauen, bedenken Sie doch bitte die unerträgliche Situation für die Angehörigen. Insbesondere für die fast 80-jährige Mutter, die nach 29 Jahren endlich wissen will, was ihrer Tochter zugestoßen ist.«

In Frauenkron, einem kleinen Dorf in der Eifel, sitzt die alte Frau in ihrem Ohrensessel und lauscht den Worten des Kommissars, der aus dem Fernseher spricht. Sie kennt den Beamten, erinnert sich noch daran, als er das erste Mal an ihrem Küchentisch gesessen hat. Ein Polizist mit einer angenehmen Stimme und schönem schwarzen Haar. Inzwischen sind die Haare des Kommissars grau, und seine Worte jagen ihr Schauer über den Rücken.

Ganz still ist es in der kleinen Stube des alten Bauernhauses. Auf der Couch sitzt Lolitas Schwester Petra, daneben ihr Bruder Markus. Fast scheint es, so erzählt es Petra später, als hielten sie alle miteinander den Atem an. Lolita. »Vatern« hat sie so getauft, weil er die gleichnamige Schlagersängerin so mochte. Es ist ihre Lolita, von der sie dort reden. Es ist ihr Kind, auf das die alte Frau so sehr wartet. Seit jenem Tag.

Der 4. November 1982 ist grau und neblig. Lolita Brieger arbeitet bis mittags in der Näherei Werdel. Zu Fuß geht sie nach Hause. Dort will sie nur kurz bleiben, eine Arbeitskollegin wird sie danach mit nach Scheid nehmen, zu ihrem Josef, dem Vater ihres ungeborenen Kindes. Es sind nur ein paar Schritte bis zu ihrer Zweizimmerwohnung in der Kletterbachstraße. Seit dem Sommer wohnt sie hier. Bei den Eltern hat sie es nicht mehr ausgehalten. Dauernd gab es Streit mit dem Vater. Heinz Brieger hatte eine Menge gegen die Beziehung zwischen Lolita und ihrem Josef einzuwenden, überhaupt hatte er oft etwas gegen die Liebschaften seiner Töchter. Der ist nichts für dich, hieß es immer. Ende der Diskussion. Immer wenn ihr Vater von Montage nach Hause kam, gab es Krach. Meistens, so erzählen es Familienangehörige, hatte er da schon ein paar Bier im Bauch. Manchmal musste Lolita fühlen, weil sie nicht hören wollte, weil sie zum Beispiel ihren Josef, den sie »Jüppchen« nannte, nicht aufgeben wollte. Das letzte Mal schlug der Vater sie so hart, dass Lolita ihre Sachen gepackt hat und gegangen ist.

Leserkommentare
  1. Also verstehen kann das wohl keiner wie sowas zu standekommtund dann solch ein urteil gefällt werden muß.

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  2. Warum die Autorin sich am moselfränkischen Dialekt so reibt, verstehe ich nicht.

    »das Fraumensch«, die Binäropposition zu »der Mannskerl« (in beiden Fällen ist Aussprache ungleich Wortlaut), ist da nun mal ein stehender Begriff.

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    eine alte Regionalsprache,
    die bereits ein paar Jahrunderte Schriftsprache war,
    lange bevor Luther durch seine Bibelübersetzung dem sächsischen Kanzleideutsch, sprach- und geistesgeschichtlich ungerechtfertigt, zur deutschen Hochsprache verhalf.

    • Nest
    • 05.07.2012 um 23:11 Uhr

    vielleicht sollte man noch erwähnen, dass "et" und "dat" (bei Männern "en" und "deä") gebräuchlich sind und nicht wertend verstanden werden.
    Ansonsten: toller Text, wirklich fesselnd geschrieben!

    eine alte Regionalsprache,
    die bereits ein paar Jahrunderte Schriftsprache war,
    lange bevor Luther durch seine Bibelübersetzung dem sächsischen Kanzleideutsch, sprach- und geistesgeschichtlich ungerechtfertigt, zur deutschen Hochsprache verhalf.

    • Nest
    • 05.07.2012 um 23:11 Uhr

    vielleicht sollte man noch erwähnen, dass "et" und "dat" (bei Männern "en" und "deä") gebräuchlich sind und nicht wertend verstanden werden.
    Ansonsten: toller Text, wirklich fesselnd geschrieben!

  3. Spielen wir mal ein anderes Szenario durch. Natürlich rein fiktiv.

    Der Sohn kommt in die Scheune und sieht darin seinen Vater stehen. Vor ihm auf dem Boden liegt seine Geliebte von der er sich auf das Geheiß seines Vaters hin trennen sollte (vielleicht obwohl er sie noch liebte?). Sie hat seinen Vater damit konfrontiert, dass sie schwanger von seinem Sohn ist, das Kind austragen wird und auf den Hof ziehen will. Da hat er sie getötet.

    Der Sonh steht nun da. Die Freundin ist tot. Wenn er zur Polizei geht kommt sein Vater ins Gefängnis. Also ruft er einen Freund an und man beseitigt zusammen die Leiche.

    Ist dieses Szenario wirklich so abwegig? Dann wäre der Sohn kein Totschläger, sondern nur jemand der versucht hat die Familie zu schützen. Das wäre dann ein Ende für einen ARD/ZDF-Krimi...

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    Hätte es sich so zugetragen - der Vater hat das Mädchen getötet, der Sohn lediglich die Spuren der Tat beseitigt - dann hätte Josef K. das Jahrzehnte später , lange nach dem Tod seines Vaters, vor Gericht (oder wenigstens seinem Anwalt gegenüber) zugeben und sich somit in seinem Dorf vor dem Stigma des Mörders bewahren können. Sein Schweigen ist vielsagend.

    Hätte es sich so zugetragen - der Vater hat das Mädchen getötet, der Sohn lediglich die Spuren der Tat beseitigt - dann hätte Josef K. das Jahrzehnte später , lange nach dem Tod seines Vaters, vor Gericht (oder wenigstens seinem Anwalt gegenüber) zugeben und sich somit in seinem Dorf vor dem Stigma des Mörders bewahren können. Sein Schweigen ist vielsagend.

  4. ...sind mir immer wieder grausige Schauder gekommen.
    In Dörfern gibt es mancherorts eine so starke, undurchdringbare Barriere und Mauer, dass es einem als Außenstehenden mehr als nur merkwürdig vorkommt: Wie kann es dazu kommen, dass sich nicht ein Einziger der in Frage kommenden Zeugen bis dato mit klarem Hinweis geäußert hatte? Ist die Angst vor dem Verlust des Status quo oder der eigenen Position in dieser "Gemeinschaft" zu groß gewesen, als dass man es hätte riskieren können- hatte man solche schlimmen Folgen zu befürchten, dass nicht mal die Überlegung, zur Polizei zu gehen,in den Sinn kam?
    Auch die Polizei selbst hat sich nicht mit Ruhm bekleckert, indem sie dem Busfahrer und seiner Aussage zu sehr Gehör geschenkt hatte.

    Wenigstens Herr Schu hat in diesem Falle sehr ausdauernd und, wie ich finde, bewundernswert alles Mögliche und Machbare versucht. Bis zum Ende, der Aufklärung.
    Ja, die Justiz hatte das Nachsehen gehabt und konnte da keinen Erfolg für sich in Anspruch nehmen, das war wohl doch zu schwierig, Josef K. zu einer Aussage zu bewegen.
    Die Mutter und die Familie müssen nun mit der Gewissheit leben, dass Herr K. nicht mehr von einem Gericht bestraft werden kann. Und dass dieser eines Tages wieder im Dorf seinen Geschäften nachgeht. Unbehelligt!

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  5. ... die Autorin. Sehr schoen erzaehlt, auch wenn die Geschichte an sich traurig und irgendwo auch wuetend macht.

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  6. 6. danke

    für diese ausführliche und gute Reportage!

    3 Leserempfehlungen
  7. die Autorin hat den Begriff "Fraumensch" dem Hochdeutschen angepasst. Normalerweise heißt es "Framensch" und ist eine abwertende Bezeichnung für Frau.
    So, wie Josef K. die Tat begangen hat, könnte es genau so in den zwanziger, dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts passiert sein und nicht in den aufgeklärten Achtzigern.

    Die Stellung der Frau zu dieser Zeit war eh nur der eines Gebrauchsgegenstands und nicht der eines Menschen. Und von Flüchtlingen aus dem Osten hieß es: Im Osten geht die Sonne auf und im Westen geht sie unter, wohlgemerkt auf die Flüchtlinge bezogen, mit Flüchtlingen gab man sich nicht ab. Höchstens noch, um die Mädchen ins Bett zu kriegen. Aber Liebe? Nein, das traue ich einem reichen Bauerssohn nicht zu. Weil das Mädchen schwanger war, wurde diese Beziehung beendet und ja, die 20.000 Mark für nach Holland waren wohl zuviel, um sich ihrer zu entledigen.

    Es ist bitter für die Gesellschaft, dass jemand, der eine schwangere Frau umbringt, den Gerichtssaal als freier Mensch verlässt.

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  8. 8. [...]

    Entfernt. Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich und respektvoll. Danke, die Redaktion/ls

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