Wenn er Lolita heiratete, würde Josef den Hof verlieren
Kurz vor ein Uhr mittags, so rekonstruierten es die Strafverfolger, verlässt Lolita ihre Wohnung. Steigt ins Auto der Arbeitskollegin ein. Es ist nicht besonders kalt draußen, recht mild für November. Lolita trägt nur einen grünen Armeeparka mit Kapuze, einen dünnen Pullover mit V-Ausschnitt, ein kariertes Hemd und die Schwangerschaftshose mit dem rot-weißen Pepitamuster, die sie sich selbst genäht hat.
Es war nie leicht gewesen, seit Lolita ihr Jüppchen im Winter des Jahres zuvor kennengelernt hatte. Sie war gerade siebzehn, er drei Jahre älter. Ihr erster richtiger Freund. Eine Beziehung, die nicht nur Lolitas, sondern vor allem Josefs Vater nicht akzeptierte. »Die Brieger kommt mir nicht auf den Hof, die hat nichts an den Füßen«, soll er gesagt haben. Denn der Sohn Josef sollte den Hof übernehmen. Das war sein vom Vater beschlossenes Schicksal. Seine Bürde. Der ältere Bruder hatte sich früh davongemacht, das andere Geschwisterkind war ein Mädchen und kam schon deshalb nicht infrage. Bleibt nur er: Josef fügt sich. Hält still. Hält durch. Aus Angst vor dem übermächtigen Vater. Eine Angst, die ihn sein Leben lang begleiten wird. Eine Angst, die, so schildert es eine Lebensgefährtin später dem Gericht, so groß gewesen sein muss, dass er sich im Alter von vierzig Jahren noch nicht getraut hat, in Gegenwart seines Vaters zu rauchen. Dabei war Josef K. senior selber Raucher.
Wenn er Lolita heiratete, würde Josef den Hof verlieren. Das Wohlwollen seines Vaters. Und, so sieht es die Staatsanwaltschaft, noch etwas anderes: seinen Status im Dorf. Briegers galten als ärmlich, Zugezogene mit sechs Kindern. Die Asozialen, heißt es. Zuerst hat Josef trotzdem zu Lolita gestanden. Am Küchentisch der Briegers hat er gesessen und mit der Faust auf den Tisch gehauen: »Ich heirate die Lolita, da kann mein Alter sich auf den Kopf stellen.« Und Lolita hatte ihm geglaubt, sie wollte ihm glauben. Sie war siebzehn und verliebt. Heimlich trafen sie sich. Im Wald gleich hinter seinem Hof, wo sie immer mit ihrem Pony ausritt. Zwei junge Leute, die ihre Liebe nicht öffentlich zeigen konnten. Im ganzen Dorf war das Paar schon Gesprächsthema. Das kann nicht gut gehen, sagten die Frauen am Gartenzaun.
Die Kollegin fährt Lolita bis nach Hallschlag. Dorthin, wo die Straße nach Scheid hinaufführt. Lolita will den Rest des Weges zu Fuß gehen. Es ist nicht weit bis zu Jüppchens Hof.
Lolita stapft den Weg hinauf. Mühsam muss es gewesen sein, denn es geht steil bergan. Es gibt nicht viele Häuser hier in Scheid, die sie nicht kennt. Kaum hundert Einwohner zählt das Dorf. Josefs Hof liegt etwas abseits. Genau in der Mitte zwischen Scheid und Frauenkron, dem Ort, in dem Lolitas Familie wohnt.
Im Sommer hatte Josef das erste Mal mit Lolita Schluss machen wollen. Der Druck seines Alten sei zu groß, er könne nicht mehr. Am selben Abend hat Lolita ihren ersten Selbstmordversuch unternommen. Mit Herztabletten vom Vater. Da war sie ein halbes Jahr mit Josef zusammen und bereits schwanger.
Als Lolita kurz nach ihrem Selbstmordversuch von zu Hause auszog, fuhr Josef heimlich jeden Abend zu ihr in die kleine Wohnung und blieb bis spät in die Nacht. Auch die Schwangerschaft hielt er geheim. Doch auf Dörfern bleibt nichts verborgen. Irgendwann erfuhr sein Vater davon. Und Josef saß in der Falle. Wieder entschied er sich gegen ein Leben mit Lolita. Am Abend bevor Lolita verschwand, beendete er die Beziehung. Endgültig.
Doch Lolita will noch einmal mit Josef reden. Über die Liebe, das Kind, die Zukunft. An dem Feldweg, kurz vor Jüppchens Hof, bleibt Lolita stehen. Ihre Schwägerin fährt mit dem Auto vorbei. Lolita hebt die Hand, grüßt. Es ist kurz nach 14 Uhr. Die Schwägerin ist die Letzte, die das Mädchen lebend sieht. Es ist Donnerstag. So steht es in den Akten.
Am Samstag ruft Lolitas Vermieterin bei Hildegard Brieger an. Lolita ist seit zwei Tagen nicht nach Hause gekommen. Mutter Brieger schickt die Schwester in die Wohnung. Die findet einen Abschiedsbrief. Es fehlt eine Anrede, die braucht es auch nicht. Der Brief ist für Josef. Lolita schreibt: »Was Du gesagt hast, hat mir ganz schön weh getan« … »Ich bin Dir im Weg und dabei ist es besser, wenn ich gehe« … »Du willst ja einen neuen Anfang ohne mich und Dein Kind«. Und dann: »Ich liebe Dich! Es grüßt Dich Dein letztes Stück Dreck«.





Also verstehen kann das wohl keiner wie sowas zu standekommtund dann solch ein urteil gefällt werden muß.
Warum die Autorin sich am moselfränkischen Dialekt so reibt, verstehe ich nicht.
»das Fraumensch«, die Binäropposition zu »der Mannskerl« (in beiden Fällen ist Aussprache ungleich Wortlaut), ist da nun mal ein stehender Begriff.
eine alte Regionalsprache,
die bereits ein paar Jahrunderte Schriftsprache war,
lange bevor Luther durch seine Bibelübersetzung dem sächsischen Kanzleideutsch, sprach- und geistesgeschichtlich ungerechtfertigt, zur deutschen Hochsprache verhalf.
vielleicht sollte man noch erwähnen, dass "et" und "dat" (bei Männern "en" und "deä") gebräuchlich sind und nicht wertend verstanden werden.
Ansonsten: toller Text, wirklich fesselnd geschrieben!
eine alte Regionalsprache,
die bereits ein paar Jahrunderte Schriftsprache war,
lange bevor Luther durch seine Bibelübersetzung dem sächsischen Kanzleideutsch, sprach- und geistesgeschichtlich ungerechtfertigt, zur deutschen Hochsprache verhalf.
vielleicht sollte man noch erwähnen, dass "et" und "dat" (bei Männern "en" und "deä") gebräuchlich sind und nicht wertend verstanden werden.
Ansonsten: toller Text, wirklich fesselnd geschrieben!
Spielen wir mal ein anderes Szenario durch. Natürlich rein fiktiv.
Der Sohn kommt in die Scheune und sieht darin seinen Vater stehen. Vor ihm auf dem Boden liegt seine Geliebte von der er sich auf das Geheiß seines Vaters hin trennen sollte (vielleicht obwohl er sie noch liebte?). Sie hat seinen Vater damit konfrontiert, dass sie schwanger von seinem Sohn ist, das Kind austragen wird und auf den Hof ziehen will. Da hat er sie getötet.
Der Sonh steht nun da. Die Freundin ist tot. Wenn er zur Polizei geht kommt sein Vater ins Gefängnis. Also ruft er einen Freund an und man beseitigt zusammen die Leiche.
Ist dieses Szenario wirklich so abwegig? Dann wäre der Sohn kein Totschläger, sondern nur jemand der versucht hat die Familie zu schützen. Das wäre dann ein Ende für einen ARD/ZDF-Krimi...
Hätte es sich so zugetragen - der Vater hat das Mädchen getötet, der Sohn lediglich die Spuren der Tat beseitigt - dann hätte Josef K. das Jahrzehnte später , lange nach dem Tod seines Vaters, vor Gericht (oder wenigstens seinem Anwalt gegenüber) zugeben und sich somit in seinem Dorf vor dem Stigma des Mörders bewahren können. Sein Schweigen ist vielsagend.
Hätte es sich so zugetragen - der Vater hat das Mädchen getötet, der Sohn lediglich die Spuren der Tat beseitigt - dann hätte Josef K. das Jahrzehnte später , lange nach dem Tod seines Vaters, vor Gericht (oder wenigstens seinem Anwalt gegenüber) zugeben und sich somit in seinem Dorf vor dem Stigma des Mörders bewahren können. Sein Schweigen ist vielsagend.
...sind mir immer wieder grausige Schauder gekommen.
In Dörfern gibt es mancherorts eine so starke, undurchdringbare Barriere und Mauer, dass es einem als Außenstehenden mehr als nur merkwürdig vorkommt: Wie kann es dazu kommen, dass sich nicht ein Einziger der in Frage kommenden Zeugen bis dato mit klarem Hinweis geäußert hatte? Ist die Angst vor dem Verlust des Status quo oder der eigenen Position in dieser "Gemeinschaft" zu groß gewesen, als dass man es hätte riskieren können- hatte man solche schlimmen Folgen zu befürchten, dass nicht mal die Überlegung, zur Polizei zu gehen,in den Sinn kam?
Auch die Polizei selbst hat sich nicht mit Ruhm bekleckert, indem sie dem Busfahrer und seiner Aussage zu sehr Gehör geschenkt hatte.
Wenigstens Herr Schu hat in diesem Falle sehr ausdauernd und, wie ich finde, bewundernswert alles Mögliche und Machbare versucht. Bis zum Ende, der Aufklärung.
Ja, die Justiz hatte das Nachsehen gehabt und konnte da keinen Erfolg für sich in Anspruch nehmen, das war wohl doch zu schwierig, Josef K. zu einer Aussage zu bewegen.
Die Mutter und die Familie müssen nun mit der Gewissheit leben, dass Herr K. nicht mehr von einem Gericht bestraft werden kann. Und dass dieser eines Tages wieder im Dorf seinen Geschäften nachgeht. Unbehelligt!
... die Autorin. Sehr schoen erzaehlt, auch wenn die Geschichte an sich traurig und irgendwo auch wuetend macht.
für diese ausführliche und gute Reportage!
die Autorin hat den Begriff "Fraumensch" dem Hochdeutschen angepasst. Normalerweise heißt es "Framensch" und ist eine abwertende Bezeichnung für Frau.
So, wie Josef K. die Tat begangen hat, könnte es genau so in den zwanziger, dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts passiert sein und nicht in den aufgeklärten Achtzigern.
Die Stellung der Frau zu dieser Zeit war eh nur der eines Gebrauchsgegenstands und nicht der eines Menschen. Und von Flüchtlingen aus dem Osten hieß es: Im Osten geht die Sonne auf und im Westen geht sie unter, wohlgemerkt auf die Flüchtlinge bezogen, mit Flüchtlingen gab man sich nicht ab. Höchstens noch, um die Mädchen ins Bett zu kriegen. Aber Liebe? Nein, das traue ich einem reichen Bauerssohn nicht zu. Weil das Mädchen schwanger war, wurde diese Beziehung beendet und ja, die 20.000 Mark für nach Holland waren wohl zuviel, um sich ihrer zu entledigen.
Es ist bitter für die Gesellschaft, dass jemand, der eine schwangere Frau umbringt, den Gerichtssaal als freier Mensch verlässt.
Entfernt. Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich und respektvoll. Danke, die Redaktion/ls
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