Mordprozess Gottes Mühlen
Seite 6/8:

Wegen dringenden Mordverdachts verhaftet

Einen Tag nach der Vernehmung seines Freundes Michael, es ist der 9. September 2011, wird Josef K. wegen dringenden Mordverdachts an Lolita Brieger verhaftet, vier Wochen später beginnen die Grabungen auf der ehemaligen Müllkippe in Frauenkron.

Es ist der 11. Tag der Grabung. Schu erzählt, er habe genau gewusst, heute ist der letzte Tag. In ein, höchstens zwei Stunden werden sie alles umgewühlt haben. 600 Quadratmeter, bis zu sechs Meter tief. Tierkadaver haben sie gefunden, Autoreifen. Aber keine Leiche. Jeden Tag war Schu vor Ort, jeden Tag hat er gehofft. Jetzt kommen ihm selber Zweifel. Als der Staatsanwalt anruft, gibt sich Schu dennoch optimistisch. »Wir finden sie!«, prophezeit er. »Deinen Glauben möchte ich haben«, antwortet der Staatsanwalt. Sie reden noch, als ein Mann von der Kreisverwaltung auf den Kommissar zurennt. »Herr Schu, kommen Sie schnell.« – »Du, bleib mal dran«, spricht Schu ins Telefon. »Ich glaube, wir haben sie.«

Schu braucht nur einen Blick, um zu wissen, dass sie aufhören können zu suchen. In einem hellgrünen Plastiksack, die offene Seite mit Eisendraht verschnürt, liegt sie. Liegt es. Das Skelett der Lolita Brieger. Es ist die selbst genähte Schwangerschaftshose mit dem rot-weißen Pepitamuster, die er erkennt, noch halb um den Beinknochen herum. Auch, wenn nur noch Gebeine übrig sind, fast alles ist an seinem Platz: Lolitas Socken sind ordentlich angezogen, ihre skelettierten Füße stecken in den Schuhen, die Schleife ist gebunden. Nur den Pullover, an dem kleine Drahtstücke haften, hat ihr jemand über den Schädel gezogen. Josef K., so wird es die Staatsanwaltschaft später rekonstruieren, habe den Anblick Lolitas, nachdem er sie in dem Schuppen vermutlich mit einem Eisendraht erdrosselt hat, nicht ertragen können, deshalb der hochgezogene Pullover.

In Schus Kopf dürfte gleich der übliche Maßnahmenkatalog abgelaufen sein: Gerichtsmedizin, Kriminaltechnik und so fort. Doch vorher muss er noch etwas erledigen. Etwas, das wichtiger ist als alles andere. Schu greift zum Telefon. Es ist Petra Brieger, Lolitas Schwester, die den Anruf entgegennimmt.

»Ja, hier Schu.« Er stockt.

»Herr Schu, sind Sie noch dran?«

»Ja, ich bin noch dran. Wir haben sie gefunden.«

Schu erzählt. Dass sie in Lolitas Parka Reste einer Geldbörse gefunden haben, ein Ticket von der Bundesbahn, gültig bis Februar 1983, einen Labellostift. Doch Petra Brieger hört nicht mehr zu. Sie weint leise am Telefon. Irgendwann legt sie auf. Mutter Brieger sitzt im Wohnzimmer, schaut fern und sieht doch nicht hin. Sie weiß es, bevor die Tochter etwas sagt: »Haben sie sie endlich gefunden.«

Lolita lag nie weit entfernt. Hildegard Brieger hätte nur vor die Tür gehen müssen, am Haus des Pastors vorbei, dann rechts den Weg hoch. 647 Schritte sind es bis zur alten Kippe. Bis zu dem kleinen Wäldchen, das darauf wuchs und auf das sie so oft geschaut hat, wenn sie im Sommer auf der Bank vor dem Haus saß. Bis zu dem Ort, an dem ihr Kind 29 Jahre lang lag. Es grüßt Dich Dein letztes Stück Dreck. »Auf einer Müllkippe«, sagt Hildegard Brieger leise.

29 Jahre lang hat Hildegard Brieger auf ihre Tochter gewartet. Genauso lange hat Josef K. mit dem Geheimnis gelebt, sie getötet zu haben. Jeden Morgen, wenn er aus seinem Schlafzimmerfenster blickte, sah er die Deponie, auf der er Lolita entsorgt hatte. Jeden Tag fuhr er am Haus ihrer Mutter vorbei. Manchmal saß die auf der Bank ihrer kleinen Veranda, ebenfalls mit Blick auf die aufgelassene Deponie. Täter und Opfer, ganz eng.

Wie hält ein Mensch das aus? Jeden Tag im Angesicht der eigenen Tat. Beinahe Tür an Tür mit der Mutter, deren Tochter er getötet hat. Der wegen Mordes angeklagte Landwirt Josef K. gibt keine Antworten. Er tut vor Gericht das, was er am besten kann und was er drei Jahrzehnte lang getan hat. Er schweigt. Er macht keine Angaben zu den Vorwürfen gegen ihn, nicht einmal Angaben zu seinem Lebenslauf. Josef K., graue Haare, Schnauzer, von normaler Statur, sitzt nur da, mit hochrotem Kopf, immer im selben schwarzen Anzug. Auch seine Haltung ist den gesamten Prozess über immer dieselbe, als wäre er tiefgefroren: Die Schultern sind nach vorn gebeugt. Seinen Blick hat er nach unten gerichtet auf seine von der Landwirtschaft schwieligen Hände, die er zu Fäusten geformt hat, die Daumen liegen oben auf. Fast scheint es, als halte er sich an etwas fest. Nur selten schaut er hoch. Ein paar Sekunden lang blickt er der Wirklichkeit ins Gesicht, dann hält er es nicht mehr aus, senkt den Kopf tief auf seine Brust, zieht sich zurück. Erstarrt wieder.

Leserkommentare
  1. Also verstehen kann das wohl keiner wie sowas zu standekommtund dann solch ein urteil gefällt werden muß.

    3 Leserempfehlungen
  2. Warum die Autorin sich am moselfränkischen Dialekt so reibt, verstehe ich nicht.

    »das Fraumensch«, die Binäropposition zu »der Mannskerl« (in beiden Fällen ist Aussprache ungleich Wortlaut), ist da nun mal ein stehender Begriff.

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    eine alte Regionalsprache,
    die bereits ein paar Jahrunderte Schriftsprache war,
    lange bevor Luther durch seine Bibelübersetzung dem sächsischen Kanzleideutsch, sprach- und geistesgeschichtlich ungerechtfertigt, zur deutschen Hochsprache verhalf.

    • Nest
    • 05.07.2012 um 23:11 Uhr

    vielleicht sollte man noch erwähnen, dass "et" und "dat" (bei Männern "en" und "deä") gebräuchlich sind und nicht wertend verstanden werden.
    Ansonsten: toller Text, wirklich fesselnd geschrieben!

    eine alte Regionalsprache,
    die bereits ein paar Jahrunderte Schriftsprache war,
    lange bevor Luther durch seine Bibelübersetzung dem sächsischen Kanzleideutsch, sprach- und geistesgeschichtlich ungerechtfertigt, zur deutschen Hochsprache verhalf.

    • Nest
    • 05.07.2012 um 23:11 Uhr

    vielleicht sollte man noch erwähnen, dass "et" und "dat" (bei Männern "en" und "deä") gebräuchlich sind und nicht wertend verstanden werden.
    Ansonsten: toller Text, wirklich fesselnd geschrieben!

  3. Spielen wir mal ein anderes Szenario durch. Natürlich rein fiktiv.

    Der Sohn kommt in die Scheune und sieht darin seinen Vater stehen. Vor ihm auf dem Boden liegt seine Geliebte von der er sich auf das Geheiß seines Vaters hin trennen sollte (vielleicht obwohl er sie noch liebte?). Sie hat seinen Vater damit konfrontiert, dass sie schwanger von seinem Sohn ist, das Kind austragen wird und auf den Hof ziehen will. Da hat er sie getötet.

    Der Sonh steht nun da. Die Freundin ist tot. Wenn er zur Polizei geht kommt sein Vater ins Gefängnis. Also ruft er einen Freund an und man beseitigt zusammen die Leiche.

    Ist dieses Szenario wirklich so abwegig? Dann wäre der Sohn kein Totschläger, sondern nur jemand der versucht hat die Familie zu schützen. Das wäre dann ein Ende für einen ARD/ZDF-Krimi...

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Hätte es sich so zugetragen - der Vater hat das Mädchen getötet, der Sohn lediglich die Spuren der Tat beseitigt - dann hätte Josef K. das Jahrzehnte später , lange nach dem Tod seines Vaters, vor Gericht (oder wenigstens seinem Anwalt gegenüber) zugeben und sich somit in seinem Dorf vor dem Stigma des Mörders bewahren können. Sein Schweigen ist vielsagend.

    Hätte es sich so zugetragen - der Vater hat das Mädchen getötet, der Sohn lediglich die Spuren der Tat beseitigt - dann hätte Josef K. das Jahrzehnte später , lange nach dem Tod seines Vaters, vor Gericht (oder wenigstens seinem Anwalt gegenüber) zugeben und sich somit in seinem Dorf vor dem Stigma des Mörders bewahren können. Sein Schweigen ist vielsagend.

  4. ...sind mir immer wieder grausige Schauder gekommen.
    In Dörfern gibt es mancherorts eine so starke, undurchdringbare Barriere und Mauer, dass es einem als Außenstehenden mehr als nur merkwürdig vorkommt: Wie kann es dazu kommen, dass sich nicht ein Einziger der in Frage kommenden Zeugen bis dato mit klarem Hinweis geäußert hatte? Ist die Angst vor dem Verlust des Status quo oder der eigenen Position in dieser "Gemeinschaft" zu groß gewesen, als dass man es hätte riskieren können- hatte man solche schlimmen Folgen zu befürchten, dass nicht mal die Überlegung, zur Polizei zu gehen,in den Sinn kam?
    Auch die Polizei selbst hat sich nicht mit Ruhm bekleckert, indem sie dem Busfahrer und seiner Aussage zu sehr Gehör geschenkt hatte.

    Wenigstens Herr Schu hat in diesem Falle sehr ausdauernd und, wie ich finde, bewundernswert alles Mögliche und Machbare versucht. Bis zum Ende, der Aufklärung.
    Ja, die Justiz hatte das Nachsehen gehabt und konnte da keinen Erfolg für sich in Anspruch nehmen, das war wohl doch zu schwierig, Josef K. zu einer Aussage zu bewegen.
    Die Mutter und die Familie müssen nun mit der Gewissheit leben, dass Herr K. nicht mehr von einem Gericht bestraft werden kann. Und dass dieser eines Tages wieder im Dorf seinen Geschäften nachgeht. Unbehelligt!

    4 Leserempfehlungen
  5. ... die Autorin. Sehr schoen erzaehlt, auch wenn die Geschichte an sich traurig und irgendwo auch wuetend macht.

    13 Leserempfehlungen
  6. 6. danke

    für diese ausführliche und gute Reportage!

    3 Leserempfehlungen
  7. die Autorin hat den Begriff "Fraumensch" dem Hochdeutschen angepasst. Normalerweise heißt es "Framensch" und ist eine abwertende Bezeichnung für Frau.
    So, wie Josef K. die Tat begangen hat, könnte es genau so in den zwanziger, dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts passiert sein und nicht in den aufgeklärten Achtzigern.

    Die Stellung der Frau zu dieser Zeit war eh nur der eines Gebrauchsgegenstands und nicht der eines Menschen. Und von Flüchtlingen aus dem Osten hieß es: Im Osten geht die Sonne auf und im Westen geht sie unter, wohlgemerkt auf die Flüchtlinge bezogen, mit Flüchtlingen gab man sich nicht ab. Höchstens noch, um die Mädchen ins Bett zu kriegen. Aber Liebe? Nein, das traue ich einem reichen Bauerssohn nicht zu. Weil das Mädchen schwanger war, wurde diese Beziehung beendet und ja, die 20.000 Mark für nach Holland waren wohl zuviel, um sich ihrer zu entledigen.

    Es ist bitter für die Gesellschaft, dass jemand, der eine schwangere Frau umbringt, den Gerichtssaal als freier Mensch verlässt.

    5 Leserempfehlungen
  8. 8. [...]

    Entfernt. Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich und respektvoll. Danke, die Redaktion/ls

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service