Mordprozess Gottes Mühlen
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Mord ist nicht nachzuweisen, Totschlag verjährt

Irgendwann hat sie Josef dann darauf angesprochen. »Er sagte bloß, dass das eine Exfreundin von ihm wäre. Sie hätte damals 20.000 Mark Abfindung für die Abtreibung in Holland bekommen. Da sei sie auf die schiefe Bahn geraten, habe Drogen genommen und arbeite jetzt als Prostituierte in Holland.« Britta B. schüttelt den Kopf. Heute erscheint ihr die Geschichte abwegig. Damals hatte sie Josef geglaubt oder glauben wollen, wie so viele. Denn die Hollandgeschichte ist bloß eine von vielen Legenden, die Josef K. im Laufe der Jahre erfunden hat.

Legenden wie die, dass Lolita noch mehrfach in Kall gesehen worden sei, wo sie ein Haus verlassen habe. Der Kurt habe »es«, »das Fraumensch«, auch gesehen, ein halbes Jahr nach ihrem Verschwinden auf Langen am Zebrastreifen. Und auch der Kramers Fip aus Berk und der Albert hätten »dat« abends nach den Suchmaßnahmen der Polente noch in einer Telefonzelle in Hallschlag gesehen. Die angeblichen Zeugen, von denen Josef K. spricht, sind alle tot. Die Legenden schützten ihn, halfen ihm dabei, seine eigene Scheinwelt zu konstruieren. 29 Jahre lang. »Wenn du Dreck am Stecken hast, musst du stillhalten und so lange warten, bis er von alleine abfällt«, soll er zu einem Freund gesagt haben. Und Josef K. hielt still.

Die Jahre vergingen. Und beinahe sah es so aus, als würde der Dreck von ihm abfallen. Josef K. muss sich zuletzt sicher gefühlt haben. So sicher, dass er sich einen letzten miesen Triumph über die Gerechtigkeit gönnte. Vor zwei Jahren begann K. eine Affäre. Nicht mit irgendwem – nein. Josef, Lolitas Jüppchen, ging mit einer Verwandten von Lolita ins Bett. Wieder eine aus der Familie Brieger. Und wieder kam es zu einer Schwangerschaft. Doch als es fast so schien, als würde sich die Geschichte wiederholen, ließ die Frau abtreiben. Und Josef trennte sich von ihr. Das alles, so ergibt es sich aus dem Verfahren, passierte nur ein paar Monate vor Ausstrahlung der Aktenzeichen XY … ungelöst -Sendung. Also kurz bevor K. wegen seiner Tat verhaftet wurde. Beinahe so, als hätte er den Bogen jetzt überspannt.

Neun Monate lang sitzt Josef K. in Untersuchungshaft, 14 Wochen dauert die Verhandlung, 26 Zeugen werden gehört. Was am Ende bleibt, ist die Gewissheit, dass Josef K. Lolita getötet hat. Auch wenn er kein Geständnis ablegt. Aber klar wird auch, dass ihm ein Mord nicht nachzuweisen ist, weil man nicht mit Sicherheit weiß, ob Josef K.s Tat das Mordmerkmal der Heimtücke erfüllte, als er Lolita Brieger das Leben nahm. Vielleicht geschah ja alles im Affekt, ein unkontrollierter Zornausbruch, bei dem Lolita durch einen unglücklichen Zufall zu Tode kam. Kein Richter kann es widerlegen. Und niemand kann mit Sicherheit sagen, ob die kleinen Drahtstücke an Lolitas Pullover früher wirklich eine Eisenschlinge bildeten. Es sind nur Knochen von Lolita übrig. Die Todesursache lässt sich nicht mehr feststellen.

Es ist wohl die Zeit, die Josef K. vor einer langen Gefängnisstrafe bewahrt hat. Mord ist ihm nicht nachzuweisen, Totschlag verjährt nach zwanzig Jahren. Für die weltliche Gerechtigkeit ist der Fall abgeschlossen. Die Strafjustiz hat K. gestellt und seine Tat öffentlich gemacht, aber sie wurde seiner zuletzt doch nicht habhaft. Sie hat Recht gesprochen, muss die Gerechtigkeit aber anderen, höheren Mächten überlassen.

Aber vielleicht half dem Josef auch das Schweigen derer, die doch mehr wussten. Nur selten bekommt man als Reporter Einlass, wenn man durch die zwei Dörfer geht. Die Türen der 299 Einwohner von Scheid und Frauenkron bleiben verschlossen, die Münder auch. »Gott weiß alles, die Nachbarn wissen mehr« steht auf einem kleinen Holzschild im Flur der Hildegard Brieger.

Am 11. Juni 2012 wird Josef K. freigesprochen und ist weg. Irgendwann, sagt sein Verteidiger, will er wieder nach Scheid zurückkehren. Auch wenn er dann im Dorf ein Aussätziger sein wird, Hildegard und Josef werden wieder Nachbarn sein. Wie einst. Vielleicht wird er wieder mit dem Trecker an ihrem Haus vorbeiknattern. Vielleicht wird Hildegard Brieger auf ihrer Veranda sitzen und auf das Wäldchen starren, wo einst die alte Deponie war. Doch nicht alles wird so sein, wie es früher war. »Ich weiß jetzt, wo mein Mädchen ist«, sagt Hildegard Brieger. Im Grab beim Vater. Vergangenen November, auf den Tag genau 29 Jahre nach ihrem Verschwinden, haben sie Lolita beerdigt. Ein schlichtes Holzkreuz: Hier ruht in Frieden Lolita Brieger. Lolita ist heimgekehrt. Doch die Kerze im Küchenfenster brennt immer noch.

 
Leserkommentare
  1. Also verstehen kann das wohl keiner wie sowas zu standekommtund dann solch ein urteil gefällt werden muß.

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  2. Warum die Autorin sich am moselfränkischen Dialekt so reibt, verstehe ich nicht.

    »das Fraumensch«, die Binäropposition zu »der Mannskerl« (in beiden Fällen ist Aussprache ungleich Wortlaut), ist da nun mal ein stehender Begriff.

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    eine alte Regionalsprache,
    die bereits ein paar Jahrunderte Schriftsprache war,
    lange bevor Luther durch seine Bibelübersetzung dem sächsischen Kanzleideutsch, sprach- und geistesgeschichtlich ungerechtfertigt, zur deutschen Hochsprache verhalf.

    • Nest
    • 05.07.2012 um 23:11 Uhr

    vielleicht sollte man noch erwähnen, dass "et" und "dat" (bei Männern "en" und "deä") gebräuchlich sind und nicht wertend verstanden werden.
    Ansonsten: toller Text, wirklich fesselnd geschrieben!

    eine alte Regionalsprache,
    die bereits ein paar Jahrunderte Schriftsprache war,
    lange bevor Luther durch seine Bibelübersetzung dem sächsischen Kanzleideutsch, sprach- und geistesgeschichtlich ungerechtfertigt, zur deutschen Hochsprache verhalf.

    • Nest
    • 05.07.2012 um 23:11 Uhr

    vielleicht sollte man noch erwähnen, dass "et" und "dat" (bei Männern "en" und "deä") gebräuchlich sind und nicht wertend verstanden werden.
    Ansonsten: toller Text, wirklich fesselnd geschrieben!

  3. Spielen wir mal ein anderes Szenario durch. Natürlich rein fiktiv.

    Der Sohn kommt in die Scheune und sieht darin seinen Vater stehen. Vor ihm auf dem Boden liegt seine Geliebte von der er sich auf das Geheiß seines Vaters hin trennen sollte (vielleicht obwohl er sie noch liebte?). Sie hat seinen Vater damit konfrontiert, dass sie schwanger von seinem Sohn ist, das Kind austragen wird und auf den Hof ziehen will. Da hat er sie getötet.

    Der Sonh steht nun da. Die Freundin ist tot. Wenn er zur Polizei geht kommt sein Vater ins Gefängnis. Also ruft er einen Freund an und man beseitigt zusammen die Leiche.

    Ist dieses Szenario wirklich so abwegig? Dann wäre der Sohn kein Totschläger, sondern nur jemand der versucht hat die Familie zu schützen. Das wäre dann ein Ende für einen ARD/ZDF-Krimi...

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    Hätte es sich so zugetragen - der Vater hat das Mädchen getötet, der Sohn lediglich die Spuren der Tat beseitigt - dann hätte Josef K. das Jahrzehnte später , lange nach dem Tod seines Vaters, vor Gericht (oder wenigstens seinem Anwalt gegenüber) zugeben und sich somit in seinem Dorf vor dem Stigma des Mörders bewahren können. Sein Schweigen ist vielsagend.

    Hätte es sich so zugetragen - der Vater hat das Mädchen getötet, der Sohn lediglich die Spuren der Tat beseitigt - dann hätte Josef K. das Jahrzehnte später , lange nach dem Tod seines Vaters, vor Gericht (oder wenigstens seinem Anwalt gegenüber) zugeben und sich somit in seinem Dorf vor dem Stigma des Mörders bewahren können. Sein Schweigen ist vielsagend.

  4. ...sind mir immer wieder grausige Schauder gekommen.
    In Dörfern gibt es mancherorts eine so starke, undurchdringbare Barriere und Mauer, dass es einem als Außenstehenden mehr als nur merkwürdig vorkommt: Wie kann es dazu kommen, dass sich nicht ein Einziger der in Frage kommenden Zeugen bis dato mit klarem Hinweis geäußert hatte? Ist die Angst vor dem Verlust des Status quo oder der eigenen Position in dieser "Gemeinschaft" zu groß gewesen, als dass man es hätte riskieren können- hatte man solche schlimmen Folgen zu befürchten, dass nicht mal die Überlegung, zur Polizei zu gehen,in den Sinn kam?
    Auch die Polizei selbst hat sich nicht mit Ruhm bekleckert, indem sie dem Busfahrer und seiner Aussage zu sehr Gehör geschenkt hatte.

    Wenigstens Herr Schu hat in diesem Falle sehr ausdauernd und, wie ich finde, bewundernswert alles Mögliche und Machbare versucht. Bis zum Ende, der Aufklärung.
    Ja, die Justiz hatte das Nachsehen gehabt und konnte da keinen Erfolg für sich in Anspruch nehmen, das war wohl doch zu schwierig, Josef K. zu einer Aussage zu bewegen.
    Die Mutter und die Familie müssen nun mit der Gewissheit leben, dass Herr K. nicht mehr von einem Gericht bestraft werden kann. Und dass dieser eines Tages wieder im Dorf seinen Geschäften nachgeht. Unbehelligt!

    4 Leserempfehlungen
  5. ... die Autorin. Sehr schoen erzaehlt, auch wenn die Geschichte an sich traurig und irgendwo auch wuetend macht.

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  6. 6. danke

    für diese ausführliche und gute Reportage!

    3 Leserempfehlungen
  7. die Autorin hat den Begriff "Fraumensch" dem Hochdeutschen angepasst. Normalerweise heißt es "Framensch" und ist eine abwertende Bezeichnung für Frau.
    So, wie Josef K. die Tat begangen hat, könnte es genau so in den zwanziger, dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts passiert sein und nicht in den aufgeklärten Achtzigern.

    Die Stellung der Frau zu dieser Zeit war eh nur der eines Gebrauchsgegenstands und nicht der eines Menschen. Und von Flüchtlingen aus dem Osten hieß es: Im Osten geht die Sonne auf und im Westen geht sie unter, wohlgemerkt auf die Flüchtlinge bezogen, mit Flüchtlingen gab man sich nicht ab. Höchstens noch, um die Mädchen ins Bett zu kriegen. Aber Liebe? Nein, das traue ich einem reichen Bauerssohn nicht zu. Weil das Mädchen schwanger war, wurde diese Beziehung beendet und ja, die 20.000 Mark für nach Holland waren wohl zuviel, um sich ihrer zu entledigen.

    Es ist bitter für die Gesellschaft, dass jemand, der eine schwangere Frau umbringt, den Gerichtssaal als freier Mensch verlässt.

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  8. 8. [...]

    Entfernt. Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich und respektvoll. Danke, die Redaktion/ls

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