Staatsangehörigkeit : Lieber zwei Pässe als einer

Migrantenkinder müssen sich für eine Staatsangehörigkeit entscheiden – ein Fehler

Optionspflicht. Schon mal gehört? Sie spielt in Ihrem Leben wahrscheinlich keine Rolle. Als geborener Deutscher mussten Sie das Wort vielleicht bis jetzt nicht nachschlagen oder googeln, weil es sie nicht betrifft, sondern andere: Kinder von Ausländern, die in Deutschland geboren werden und zwei Staatsbürgerschaften haben, die ihrer Eltern und die deutsche. Aber nur bis zur Volljährigkeit, denn dann kommt der Behördenbrief. Und damit die Pflicht zur Entscheidung: Entweder legst du die andere Staatsbürgerschaft ab, oder du verlierst die deutsche.

In den kommenden Jahren werden sich Zehntausende dieser Optionspflichtigen entscheiden müssen: ob sie Deutsch sein wollen oder nicht.

Das zuständige Bundesinnenministerium hat schon mal in einer Studie vorgefühlt. Dabei kam heraus, dass sich die meisten Jugendlichen für die deutsche Staatsbürgerschaft entscheiden. Dieses Ergebnis wertet Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich als Erfolg. Er lobte, dass »junge Menschen pragmatisch mit ihrer Wahlpflicht zwischen den Staatsangehörigkeiten umgehen«. Das heißt: Die Hauptgründe, sich für die deutsche Staatsbürgerschaft zu entscheiden, sind etwa, die Rechte und Vorteile als EU-Bürger weiterhin zu behalten.

Sicher ist es erfreulich, dass sich die meisten Jugendlichen, wenn sie vor die Wahl gestellt werden, für die Staatsbürgerschaft des Landes entscheiden, in dem sie leben. Aber ist »Pragmatismus« bei dieser Entscheidung tatsächlich etwas, über das sich Vertreter des Staates freuen sollten? Ausgerechnet die Partei, die traditionell das Deutschsein als einen Wert ansieht, ja den Stolz auf Land, Nation und Kultur hochhält wie keine andere, bejubelt nun, dass junge Leute es einfach nur bequem finden, deutsch zu sein. Das ist nicht nur bescheiden – es ist eine politische Niederlage, die als Erfolg verkauft wird.

Doch es ist alles andere als erfolgreich, wenn, auch das belegt die Studie, Jugendliche es nicht richtig finden, dass sie sich überhaupt entscheiden müssen (40 Prozent, 23 Prozent sind unsicher), oder jeder dritte froh wäre, nicht vor die Wahl gestellt zu werden. Viele zögern die Antwort hinaus, weil sie hoffen, dass das Gesetz doch noch geändert wird und sie beide Staatsbürgerschaften behalten können – sie fühlen sich eben auch dem Land ihrer Eltern verbunden.

Vor allem aber kann es nicht froh stimmen, wenn jeder zweite von ihnen es als ungerecht empfindet, dass ihnen als Türken oder Araber etwas abverlangt wird, was Franzosen, Italienern und anderen EU-Bürgern erspart bleibt: Die nämlich dürfen ihre frühere Staatsangehörigkeit behalten, wenn sie wollen.

Da klingen die alten Reden über Identitäten und Loyalitäten nicht gerade glaubwürdig. Glaubwürdig wäre es, ein deutsches Selbstbewusstsein zu leben, das Doppelpässe gelassen hinnimmt; die Menschen als Teil der Gesellschaft anerkennt, die zwei oder mehr, eben andere, neue Identitäten ausbilden. Vieles sind und sein wollen.

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Kommentare

299 Kommentare Seite 1 von 31 Kommentieren

Auch das ist eine Entscheidung

Dass man sich mit der doppelten Staatsbürgerschaft um eine Entscheidung drücken möchte stimmt so nicht. Im Gegenteil, es ist genau das! Die Entscheidung für beides, weil die Zugehörigkeit zu beiden Nationen die Realität vieler Migranten, insbesondere derer aus der 2.Generation ist. Ich bin durch beide geprägt und erlebe dies als Bereicherung und wollte keine missen. Das hab ich mir nicht ausgesucht, aber genau dies ist,aufgrund der Geschichte, wie sie stattgefunden hat, die Realität.

Nein das hat nichts mit

zusammenraffen zu tun, sondern ist ein Niederknien vor nicht autochonen Dt.. Denn als Dt.haben sie nicht die Möglichkeit zwei Staatsbürgerschaften anzunehmen, da müssen sie sich entscheiden, ob sie ihre Dt. behalten wollen oder sie abgeben müssen, wenn sie eine andere durch Heirat bekommen können.
Und ihre Kinder haben auch nicht die Möglichkeit, wie gewisse Italiener mit dt. Mutter und Vitamin B die deutsche Staatsbürgerschaft zu bekommen, denn bis zu einem gewissen Alter war die Voraussetzung dafür, dass der Vater Deutsch sein musste.

Zweiter Pass für erwachsene Deutsch

@ TinaKaren:

Was Sie schreiben, stimmt so nicht:

Nehmen Sie eine 2. Staatsangehörogkeit an, ohne dass Sie zuvor eine Beibehaltungsgenehmigung beantragt und genehmigt bekommen haben, sind Sie Ihre deutsche Staatsangehörígkeit los.

Was der andere Staat dazu sagt, ist egal, relevant ist die Ansicht des deutschen Staates.

In ihrem Beispiel hätten Sie nun eine neue Staatsagnehörigkeit, die deutsche aber verloren.
Das ist schon so einigen Leuten passiert..., also Vorsicht mit solche Tipps! In deutschen Amtsstuben gilt nicht die Auskunft anderer Amtsstuben aus dem Ausland, hier gelten nur die Weisungen des eigenen Innenministeriums...

Dazu die Stimme aus der Wissenschaft

Sehr geehrter Zack34, in den Jahren 1990-2007 wurden über 3 Millionen eingebürgert. Der führende Migrationsforscher St. Luft schreibt: "Der Gesetzgeber hatte in der 1993 in Kraft
getretenen Reform erhebliche Einbürgerungserleichterungen
und sogar einen
Rechtsanspruch auf Einbürgerung
nach 15 Jahren rechtmäßigen Aufenthalts
und gesichertem Lebensunterhalt
geschaffen – eine in Europa singuläre
Regelung.15 Seit Jahren verfügt die
Mehrheit der hier dauerhaft lebenden
ausländischen Staatsangehörigen (ab
16 Jahren) über die Mindestaufenthaltsdauer
von acht Jahren, die wiederum
Voraussetzung für eine Anspruchseinbürgerung
ist. Ende 2007
waren es 70% (4,1 Millionen Personen)." (http://www.hss.de/downloa... hier: S.44)

Späte Antwort, aber...

... das Problem mit der zweiten Staatsbürgeschaft (durch den 2. Staat anerkannte "zusätzliche" Staatbürgerschaft) taucht dann auf, falls es durch irgendeinen Zufall (Wehrdienst, Rechtskonflikt, Internat. Konflikt, Immobilienerwerb im Ausland, der nur Staatsangehörigen möglich ist z.B) in Dtl. auffliegt.

Dann sind Sie Ihre deutsche Staatsbürgerschaft sofort los. Auch der Pass bedeutet nichts. Er ist nur ein Indiz für die Staatsangehörogkeit, nicht aber ein Beweis...

Der Verlust der dt. Staatsangehörigkeit tritt nach dt. Gesetz automatisch bei Annahme einer 2. Staatsbürgerschaft ein (Ausn. sind Beibehaltungsgenehmigungen... die müssen vorher beantragt werden).

Bei Minderjährigen gelten Ausnahmen.
Einfach mal § 19 StaG lesen. Steht alles drin.., ist schnell zu ergoogeln.

Aber ich weiß schon, was Sie meinen: Man kann so einiges verheimlichen. Da gibt es einige. Da gibt es auch ne Menge netter Gerichtsurteile; ist ja nichts Neues.
Denn: Die Staaten sind nicht meldepflichtig anderen Staaten gegenüber. Und daher kann man glauben, man habe mehrere Staatsangehörigkeiten wenn man sich nicht auskennt.

Wenn man jedoch richtig übel Pech hat, hat man plötzlich gar keine mehr. Alles schon vorgekommen.

Ja ja, die politische Correctness

Haben Sie den Wiki-Artikel denn selbst gelesen? Vielleicht hätten Sie diesem Absatz etwas mehr Aufmerksamkeit schenken sollen:

"Der Begriff wird ... auch als bewusste Selbstbezeichnung von meist jugendlichen Ausländern verwendet. Hierdurch wird das Schimpfwort umgewertet, in dem es durch "Aneignung" seinen herabwürdigenden Charakter verliert und zum Ausdruck einer eigenen, positiv verstandenen Identität werden soll."

@15 Deutsch sein ...

... heißt, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun.

Nur als Beispiel:

In Untertürkheim und Sindelfing werden in der Produktion der aktuellen C-Klasse die Windschutzscheiben mittels eines adaptiv gesteuerten Systems eingeklebt, wobei die Vermessung mit Laserinterferometern erfolgt und die Klebung durch Robotersysteme. Die Montage und Justageder Scheiben und Klebenähte erfolgen in den schwäbischen MB Werken in einem unglaublich komplexen Vorgang mit höchster Genauigkeit und das Ergebnis nimmt der Kunde anschließend leider nur nie war, weil nicht vorhandene Windgeräusche kein Verkaufsargument sind.

DB hat in dieses System in 20 Jahren ungefähr 100.000 Ingenieurstunden investiert und ich behaupte, in keiner anderen Kultur als der Deutschen (vielleicht noch Japan) wäre das möglich gewesen - nicht weil die anderen nicht technisch dazu in der Lage wären - sondern weil es eine 'Kultur' braucht, die sich an nicht wahrnehmbaren Windgeräuschen so stört, dass sie Windschutzscheiben Mikrometer genau einbaut.

Cacau hat das begriffen und lebt das auch - sogar in einer Art und Weise, die viele 'deutsche' Deutsche gar nicht mehr begreifen.

Den Ehepartner sucht man sich aus...

...in diese Situation wird man geboren. Migrantenkinder sind in beiden Kulturen beheimatet und haben es sich nicht ausgesucht. Sie fühlen sich in beiden Kulturen verankert und beheimatet. Wie Sie schon ganz richtig schreiben, Sie "unterstellen", dass es sich nicht um eine Herzensangelegenheit handelt. Denn ich kann aus eigener Erfahrung und der Erfahrung vieler anderer Migranten behaupten, dass es sich genau darum handelt. Meine Lebensrealität ist genau die, dass ich mich mit beiden Nationen, Kulturen und mit der Mentalität beider Völker identifiziere und beide mich in vielseitiger Weise geprägt haben. Nun soll ich mich entscheiden, für die Einen und gegen die Anderen. Keine möchte ich missen. Im Herzen wird das nicht so sein. Und hierbei geht es nicht darum, sich durch die deutsche Staatsbürgerschaft Vorteile zu verschaffen, sondern sich als Steuerzahler auch die selben Rechte zu sichern, angefangen vom Wahlrecht bis hin zur freien Berufswahl ( ich denke z.B. an einen Beamtenposten). Die Wurzeln sind dennoch ein nicht unerheblicher Teil der Identität und daher fällt es schwer eine Entscheidung dagegen zu fällen, denn symbolisch fällt man eine Entscheidung gegen die eigene Herkunft.

@ceylo

Aus eigener Erfahrung kann ich Sie gut verstehen, Ceylo! Ich bin mit einem Migranten verheiratet und liebe sein Land inzwischen (fast) wie mein eigenes, Deutschland.
Meine Tochter hat als bi-nationales Kind beide Pässe. Es würde sie auch zerreissen, wenn sie sich für eine ihrer Identitäten entscheiden müßte, denn obwohl sie hier aufgewachsen ist, hat sie eben auch sehr viel vom Land ihres Vaters mitbekommen.

Ich hätte auch gern die zweite Staatsbürgerschaft. Warum?
Nun, weil ein Teil von mir über die Jahre auch dort verwurzelt ist; weil ich evtl. gerne dort begraben würde, weil ich ohne die Staatsbürgerschaft meines Mannes kein Haus erwerben kann usw. usw.

Was ist so falsch daran, wenn man sich in zwei Ländern zuhause fühlt??

Ich hätte gern einen zweiten Pass von meiner "2. Heimat" und kann Migrantenkinder gut verstehen, dass sie das auch wollen.

Danke, Frau Topcu, für Ihren Artikel!

Auch ich musste mich entscheiden

Auch ich musste mich damals Entscheiden. Die Gründe, sich für die deutsche Staatsbürgerschaft zu entscheiden, sind natürlich nicht nur die im Artikel genannten Vorteile als EU Bürger. Das allein wäre schwach.

Für mich waren es vielmehr Gründe wie die Kultur und auch Heimat, in der ich geboren und aufgewachsen bin. Und das macht ja auch das deutsch sein aus. Ich als Kulturwesen fühle mich der Lebensweise und den Gesetzen Deutschlands verbunden. Aber man darf dabei nicht nur vergessen dass man auch viele Bürgerpflichten auf sich nimmt, die ich wahrnehme. Und ich bereue meine Entscheidung bisweilen nicht.

ich nicht

ich musste mich nicht entscheiden, damals vor 30 Jahren, als ich neben der Ungarische auch die Deutsche bekommen habe(durch meine Eltern). Und heute benutze ich meistens meinen Ungarisches Reisepass, und meine Kinder sind Ungar und nicht Deutsch.

Aber ich arbeite sehr gern mit deutschen, war in einem deutsch-französischem Stammtisch, rede gerne deutsch ...

Was kann man davon ableiten ?

Ich will Ihnen nicht widersprechen...

... und schon mal gar nichts absprechen. Eigentlich habe ich nur eine Frage.

Ist es nicht so, dass eben diese Staatsbürgerschaft in diesem Fall etwas besonderes ist?

Sie stellen es ja selber so dar, Sie haben es hervor, und Sie schreiben voller Pathos darüber. Sehen Sie, ich hatte das nie nötig, ich bin nie danach gefragt worden, und ich musste mich nie in der einen oder anderen Weise rechtfertigen. Nun habe ich aus das Glück, unter einem deutsche klingenden Namen geboren zu sein und auch so auszusehen.

Und jetzt nochmal die Frage: Macht Sie die Staatsbürgerschaft nicht letztendlich nur zu einer anderen Art Sonderling? Oder haben Sie wirklich das Gefühl, dazu zu gehören? Lassen Sie mich ironisch anmerken, dass Sie ja sehr gut deutsch sprechen, das haben Sie sicherlich auch nicht zum ersten Mal gehört;)

Und irgendwo da liegt das eigentliche Problem, und es ist nicht eines der Integration. Und, so nebenbei, auch nicht eines der Staatsbürgerschaft. Als ob ein Paß jemals Loyalitäten verraten hätte - im Sinne von "kenntlich machen" ebenso wie im Sinne von "verkaufen"?!

Wie ein Mitforist...

...schon anmerkte, schreiben Sie gutes Deutsch.
Allerdings möchte ich Sie hier auf einen gemeinen, kleinen Ausdrucksfehler hinweisen. Das Wort, welches sie verwenden, bedeutet mitnichten das, wonach es für Sie klingen mag:

"Und ich bereue meine Entscheidung bisweilen nicht."

Ich glaube, Sie möchten etwas anderes ausdrücken.
Inhaltlich teile ich Ihre Ansichten übrigens überhaupt nicht.
Schöne Grüße