Philipp Lahm"Einer muss verlieren"

Kapitän Philipp Lahm über Realismus im Sport, große Emotionen und das Leben nach dem Fußball

Philipp Lahm, Kapitän der deutschen Nationalelf

Philipp Lahm, Kapitän der deutschen Nationalelf  |  © Gabriel Bouys/AFP/Getty Images

DIE ZEIT: Herr Lahm, eine spanische Zeitung beschrieb Ihr Tor gegen Griechenland: »Der Brasilianer Lahm zog nach innen, schoss mit Entschlossenheit, und der Ball schlug ein wie eine Mörsergranate.« Brasilianer und Granate – beschreibt das die Bandbreite des deutschen Spiels?

Philipp Lahm: Unser Spiel hat sich verändert, wir haben die deutschen Tugenden, wie man so schön sagt, immer noch. Wir können schießen und köpfen, Mats Hummels, Holger Badstuber, unsere Stürmer – das sind robuste Spieler, die ihren Körper einsetzen. Und wir haben technisch herausragende Spieler wie Mesut Özil, leichtfüßig, immer in der Lage, einem Spiel Glanz zu verleihen. Eine gute Mischung.

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ZEIT: Und dann noch Sie als »Brasilianer«...

Lahm: ...da muss ich dann doch zugestehen: Die Brasilianer haben mir technisch noch das ein oder andere voraus.

ZEIT: Nun geht es gegen Italien im Halbfinale, ein Gegner, gegen den Deutschland bei Turnieren immer ausgeschieden ist. Joachim Löw sagt, die Zeit sei reif, auch mal zu gewinnen.

Lahm: Wenn der Trainer das sagt, stimmt das. Zumal er ja hier bei der EM auch immer die richtigen Entscheidungen getroffen hat. Er wird uns natürlich auch wieder auf das Italien-Spiel optimal vorbereiten. Gegen Griechenland mussten wir gewinnen, weil unsere Qualität einfach höher war. Aber im Halbfinale stehen jetzt die besten vier Mannschaften des Turniers. Da kann es immer passieren, dass man ausscheidet.

ZEIT: Was würden Sie sich selbst für Noten geben für Ihre bisherigen Spiele bei diesem Turnier?

Lahm: Ich gebe mir keine Noten, aber ich habe ein sehr gutes Gefühl dafür, wie meine Leistung war. Ich habe mich von Spiel zu Spiel gesteigert, im ersten Spiel gegen Portugal war ich nicht gut. Es war das schwerste Spiel meiner Karriere, und ich spiele schon lange Fußball! Nach fünf Minuten habe ich gedacht: Puh, noch 85 Minuten? Das wird heute schwer für mich... Vielleicht war die Pause vor dem Spiel zu lang, ich bin es ja gewohnt, alle drei bis vier Tage zu spielen. Die Luftfeuchtigkeit war auch extrem hoch.

ZEIT: Wie befreien Sie sich von so einem Gefühl?

Lahm: Ich versuche, mich über gute Aktionen zu pushen. Aber wenn man solche Aktionen nicht hat, wird es schwierig. Deswegen war es ja eines meiner schwersten Spiele. Ich habe mich nicht gut gefühlt, nicht fit, obwohl ich ja fit war! Wichtig ist, dass man so ein Spiel gewinnt, das beruhigt einen dann immer sehr. Und dann kann man in das nächste Spiel unbeschwerter reingehen.

ZEIT: Was ist das für ein Gefühl: Wenn Sie geahnt haben, wo ein Pass hingeht, und ihn dann unterbinden oder abfangen?

Lahm: Das ist etwas Schönes. Man läuft dazwischen, man nimmt Tempo auf, treibt den Ball nach vorn – ein gutes Gefühl. Es muss nicht immer ein Tor sein, es gibt auch in der Defensive schöne Momente.

ZEIT: Man merkt, dass Sie Ihren Sport lieben. Wie schwer fällt Ihnen das in Momenten wie dem Champions-League-Finale im Mai, als Sie mit dem FC Bayern im Elfmeterschießen verloren?

Lahm: Gar nicht! Ich bin da ziemlich realistisch. Einer muss verlieren.

Leserkommentare
  1. Schon bei den ersten Interviews mit Phllip Lahm fiel mir auf, wie nüchtrn, sachlich und korrekt der Mann seine und die Leistung Anderer zu beschreiben in der Lage ist. Er könnte ein sehr erfolgreicher Trainer werden, wenn seine Fußballerkarriere einmal beendet sein wird. Ach wenn unsere Politiker doch ein einziges Mal ihre Leistungen so kritisch un "ergebnisoffen" hinterfragen würden.

  2. War das Interview mit Jewgenja Timotschenko und Natalia Lysowa alles zum Thema Lahm, oder wie ist das nun zu verstehen, was die Redaktion da publiziert ?

    • Afa81
    • 28. Juni 2012 19:33 Uhr

    Schweinsteiger hat heute die Möglichkeit, seine unangenehmen Erinnerungen über den verschossenen Elfmeter (und wenn man ihn sich ansieht, dann war der garnicht so schlecht geschossen... www.youtube.com/watch?v=N... ... es hat sich ja gezeigt, dass Cech noch mit den Fingerspitzen dran war...) zu verdrängen. Ich denke, würde Deutschland Europameister werden, und würde Schweinsteiger damit Europameister werden, dann wäre der unglückliche Elfmeter nicht vergessen, aber Vergangenheit.

    Das war jetzt viel Gedankenspiel. Aber ich meine, er kann dieses Tounier auch als Chance sehen - und dadurch Antrieb erhalten. Es ging nicht um drei, sondern um vier Titel. Und der größte ist noch offen...

    Viel Spaß heute Abend.

  3. ... hatte ich mich darüber, dass Lahm der vor vier Jahren etwas zu häufig den begriff "Nation" im Mund führte, einer der wenigen Nationalspieler war, die Auschwitz besucht haben.

  4. Internationale Titel

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