EU-GipfelDer Euro erzwingt den europäischen Superstaat

Ohne den Euro gäbe es die Krise nicht. Um die Währungsunion zu erhalten, müssen alle verzichten. Frankreich auf Souveränität und Deutschland auf Geld. von 

Bundeskanzlerin Angela Merkel in Brüssel

Bundeskanzlerin Angela Merkel in Brüssel  |  © dpa

Es gibt in Georg Büchners Revolutionsdrama Dantons Tod eine Stelle, an der Mercier, der im Kerker auf die Hinrichtung wartet, über das Verhältnis von Idee und Wirklichkeit reflektiert: »Geht einmal euren Phrasen nach bis zu dem Punkt, wo sie verkörpert werden. Diese Elenden, ihre Henker und die Guillotine sind eure lebendig gewordnen Reden.«

Wenn die Europäische Union heute in der tiefsten Krise ihrer Geschichte steckt, dann hat auch das mit der Verwirklichung einer Idee zu tun: der Idee, dem vereinten Kontinent eine gemeinsame Währung überzustülpen. Gäbe es den Euro nicht, dann gäbe es diese Krise nicht – diese schmerzhafte Erkenntnis muss am Beginn jedes Versuchs stehen, die Misere zu bewältigen.

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Auch vor der Einführung des gemeinsamen Geldes existierten auf dem Kontinent starke und schwache Staaten. Sie hatten aber gelernt, mit ihren Stärken und Schwächen zu leben. Der Euro zerstörte das Gleichgewicht. Eine Flut billigen Kapitals strömte vom Norden in den Süden – und trieb dort die Verschuldung in die Höhe, ohne dass ein realer Gegenwert geschaffen wurde.

Griechenland etwa hatte auch vor dem Beitritt zum Währungsraum schon große Probleme, doch zu Zeiten der Drachme musste es mit seinen Mitteln auskommen. Erst die Einführung des Euro ermöglichte das dauerhafte Leben auf Pump.

Kreditboom war zwangsläufig

Ein solches Verhalten moralisch zu verurteilen hilft nicht weiter. Die Griechen reagierten schlicht auf das veränderte wirtschaftliche Umfeld. Wenn, wie es praktisch in ganz Südeuropa geschehen ist, die Zinsen schlagartig um mehr als die Hälfte fallen, dann ist ein ungesunder Kreditboom fast zwangsläufig, weil die Wirtschaft das viele Geld nicht verarbeiten kann. Dieser Boom mag sich in den einzelnen Länder auf verschiedene Weise manifestiert haben – in Spanien und Irland finanzierte es eine Immobilienblase, in Griechenland zusätzliche Staatsausgaben –, er wurde aber in allen Fällen durch die gemeinsame Währung ausgelöst.

Die hat auch Deutschland nicht nur Gutes getan. Die Exporterfolge der vergangenen Jahre wären ohne den Euro nicht denkbar gewesen, denn die D-Mark hätte angesichts der Überschüsse in der deutschen Außenhandelsbilanz längst dramatisch an Wert gewonnen und die Exporte gebremst. Das klingt erst einmal wie ein Nachteil, hätte aber vielleicht dafür gesorgt, dass die hiesige Wirtschaft stärker von Binnenkräften getragen worden wäre.

Man kann es auch so sagen: Der Euro hat dafür gesorgt, dass die eine Hälfte des Kontinents permanent über ihre Verhältnisse leben konnte – und die andere darunter.

Leserkommentare
  1. Da freuen sich anscheinend einige usnerer Eliten und Meinungsmacher, dass der Euro mehr Intergartion erzwingt. Aber das widerspricht unserer Auffassung von einem demokratischen Gemeinwesen. Wenn wir keinen Superstaat wollen, das sollte uns auch nicht die Wöhrung dazu zwingen können. Und was soll dieses Aufgewiegen und die Forderung nach einem deutschen Tribut an Europa? Will uns der Autor zur Kolonie von Brüssel machen? Zuerst muss es gemeinsame Regeln geben, deren >Einhaltung transparent kontrolliert wird. Dann kann man mal über mehr reden wie gemeinsamer Haftung. Alles andere ist elitäre Allmachtsphantasie und funktioniert nicht. Und ist nicht gewollt von vielen Bürgern unseres Landes. Ich WILL KEINE gemeinsame Haftung.

    • Kiira
    • 28. Juni 2012 9:21 Uhr

    "Die "entfesselten deregulierten Finanzmärkte" sind die einzigen, die sich von Träumen und Luftschlössern der Europa-Politiker nicht beeindrucken lassen, weil für sie keine Scheinwelten zählen, sondern allein der Profit. Das kann man schlecht finden, hilft aber zu erkennen, dass die ewige Schuldenmacherei nicht so weitergehen kann."

    Sie verdrehen völlig die tatsächlichen Zusammenhänge. In den letzten zwei Jahrzehnten ist es den Finanzmarktakteuren gelungen, mit geborgtem Zentralbankgeld gigantische Luftschlösser zu bauen. Da wurden ohne jeden Bezug zur Realwirtschaft Geldmengen in der Größenordnung von ganzen Volkswirtschaften aus dem Nichts erschaffen. Die Verzinsung dafür muss aber am Ende von tatsächlich arbeitenden Menschen aufgebracht werden. Es muss erkannt werden, dass d i e s e traumtänzerische Schuldenmacherei reiner Finanzakrobaten nicht so weitergehen kann.

  2. Das Recht auf Selbstbestimmung ist ein hohes Gut. Deutschland sollte sich zu gar nichts zwingen lassen.

    Der Euro ist ein gescheitertes Projekt, das Europa zum Scheitern bringt, wenn man an ihm festhält. Er muss abgewickelt werden.

    Europa braucht den Euro nicht. Er schadet ihm massiv.

  3. ...wieder zurück bezahlt bekommt, profitabel ist, das müssen Sie mir mal erklären :o

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    rechnet er sich gewiss nicht. Darüber sollte man sich keine Illusionen machen. Wenn man also einen Kredit schon gegeben hat, sollte man alles vermeiden, was die Pleite des Schuldigers wahrscheinlicher macht. Bisher profitiert Deutschland als Staat von den niedrigen Zinsen, die Deutschland am Kapitalmarkt zahlt, und deutsche (u.a.)Gläubiger profitieren (buchweise!) von den hohen Zinsen, die andere Europäer zahlen. So kann man sich Profit so lange in die Tasche lügen, bis die hohen Zinsen dem Schuldner den Rest gegeben haben.

    • ngw16
    • 28. Juni 2012 9:23 Uhr

    so war Griechenland fast immer über 100% Verschuldung über dem BIP

  4. Aha. "Niemals!" Warum?

    Weil nicht sein kann, was nicht sein darf?
    Was ist eigentlich so schlimm an einem derartigen Staat?
    Unsere Identität kann uns niemand nehmen, egal wie das Staatengebilde, in dem wir leben, heißt.

    Aber ich bin lieber ein Europäer, der mit seinen Nachbarn in Eintracht lebt, als ein Deutscher, der wegen seiner uneinsichtigen Haltung als Pharisäer angefeindet wird – und das zu Recht.

    Zumal die Situation in Deutschland auch nicht so rosig bleiben wird, wie sie sich momentan noch darstellt, wenn erstmal unsere ganzen Banken bei uns Schlange stehen, weil ihre Kredite an das Ausland samt und sonders geplatzt sind.

  5. Ich sehe einen roten Faden: Zuerst war es "jeder gegen jeden", dann kam "Unternehmen gegen Unternehmen", darauf folgte "Nationen gegen Nationen" und jetzt, in der Endphase des Systems, die sich durch Ultraverschuldung (= Unnachhaltigkeit) und massiver Zerstörung der Ökosysteme des Planeten kennzeichnet, ist es "Wirtschaftsraum gegen Wirtschaftsraum". Die finale Phase des kapitalistischen, globalisierten Wettbewerbs wird ein Kampf zwischen Amerika, Europa und Asien werden oder, um aus George Orwell's 1984 zu rezitieren, ein Kampf zwischen Oceania, Eurasia and Eastasia. Glücklicherweise besitzen wir heute jedoch die ausgeklügelsten Kommunikationssysteme und es bleibt zu hoffen, dass wir auf globaler Ebene durch Bürgerengagement, Transparenz und Dialog eine bessere Zukunft gestalten können, ohne vorher ein mörderisches Chaos anzurichten.

  6. 96. [...]

    Entfernt. Bitte bemühen Sie sich um einen sachlichen und verständlichen Diskussionsbeitrag. Danke. Die Redaktion/ag

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