Mr. Spock sitzt auf der Enterprise herum und wirkt belämmert. Kein Wunder, man hat ihm bei lebendigem Leib das Gehirn entfernt, fragen Sie nicht, wie das geht. Jedenfalls haben sich ein paar Aliens mit seinen grauen Zellen davongemacht, und die Crew um Captain Kirk muss das wertvollste Accessoire ihres Wissenschaftsoffiziers wiederbeschaffen. Das hat 1968 im Fernsehen sicher genauso ausgesehen, wie es sich anhört: brainless. Dabei hielt sich Star Trek, die Originalserie, etwas auf ihre Autoren zugute, die sie gern unter renommierten Science-Fiction-Schriftstellern rekrutierte. Selbst hartgesottenen Fans verschlug der hirnlose Spock damals den Atem. Und Spock’s Brain wurde zum Kürzel für den Totalaussetzer, für das Kreativdesaster, mit dem Serienliebhaber früher stets rechnen mussten. Ja, Fernsehen war einmal ein unedles, zerstreutes Medium, in dem sich das Erhabene und der Murks verschwägerten. Ein Medium, dem man bestenfalls in Hassliebe verbunden sein konnte.

Heute ist das anders. Kann man sich ein Spock’s Brain in Serien wie The West Wing vorstellen, in Breaking Bad oder Mad Men? Im 21. Jahrhundert, das darf man den Feuilletonbeiträgen, wissenschaftlichen Aufsätzen und Symposien zum Serienphänomen entnehmen, widerlegt ausgerechnet dieses Fernsehprodukt die Vorstellung, dass es mit der Kultur immer nur bergab gehe: Es hat einen beispiellosen Komplexitätssprung gemacht und möchte als Herausforderung ernst genommen werden. Wenn Sie heute in den DVD-Player eine von den einstündigen, dramatischen, aufwändig produzierten Premiumserien aus den USA einschieben – dann räumen Sie gefälligst das Bügelbrett weg! Nebentätigkeiten sind bei den Serien unserer Zeit nicht mehr drin, denn wir haben es hier mit dem erzählerischen Erbe von Dickens und Balzac zu tun, wenn nicht gar mit dem Äquivalent zur griechischen Tragödie, jedenfalls aber mit den Visionen von auteurs, die entweder vom Kino kommen oder mit ihm in Konkurrenz treten.

In der White-House-Saga The West Wing steckt eine Handbibliothek Staatskunde, Martin Scorseses Boardwalk Empire erkundet detailliert ein unterbelichtetes Kapitel der Prohibitionsära, Thriller- und Action-Serien wie Lost oder 24 wirken im Vergleich zu einem beliebigen Blockbuster experimentell, und kein Spielfilm kann mit dem Kapital wuchern, über das das Amerika-Panorama The Wire, die Königin der Serien, so großzügig verfügt: Zeit. Zeit, Figuren zu entwickeln, Szenen auszuspielen, Milieus bis in ihre Mikrostrukturen zu erkunden. Schließlich hat sich das Serienfernsehen auch inhaltlich emanzipiert. Sex, Gewalt und Drogen, Tod und Trauma, Gender, »Rasse« und Klasse – zwischen den Bestattern von Six Feet Under und den Zombies von The Walking Dead, der Drogen-Küche des Chemielehrers in Breaking Bad und der Al-Kaida-Connection in der Polit-Serie Homeland ist kein Tabuthema unerledigt liegen geblieben.

Ist Fernsehen also doch gehaltvoll, die Medienkritik ausgehebelt? Aber könnte es nicht sein, dass hinter all dieser Perfektion, hinter der Smartness und den ausgetüftelten Fabeln der Keim der Langeweile nistet? Der deutsche Regisseur Dominik Graf meint, »dass die neuen amerikanischen Serien, die wir jetzt alle so lieben, reine Dramaturgiemaschinen sind. Jede Sekunde Erzählzeit wird effektivst genutzt.« Kaiser Augustus in der großartigen alten BBC-Adaption von Ich, Claudius, die angeblich zum Remake ansteht, würde sagen: »Das flutscht wie gekochter Spargel.« Deshalb ist Serienfernsehen heute ein bisschen so, als würde man immer nur dann Fußball gucken, wenn die Champions League läuft. Kann das Stammpublikum von HBO, der Heimat der Sopranos, dem Sender, der die meisten hochgelobten Serien produziert, eigentlich noch nachempfinden, was es heißt, ein handelsübliches Bügeleisen als futuristische Technik zu akzeptieren (Raumschiff Orion) oder sich vierzehn Jahre lang zu fragen, was vier Männer allein auf einer Ranch machen (Bonanza). Und gehört zum wahren Serienerlebnis nicht auch diese prickelnde Angst vor dem Abstieg, dokumentiert in Webseiten wie Bone the Fish , vormals Jump the Shark, wo die Zeichen registriert werden, die darauf hinweisen, dass die Lieblingsshow schwächelt? Wer noch dabei war, als Bobby Ewing starb, weiß, worum es hier geht.

In den Achtzigern haben Kulturwissenschaftler und Fanforscher begonnen, das Fernseherleben der Massen als »Wohnzimmerkriege«, als soziale Praxis und permanenten, hoch engagierten Prozess der Auseinandersetzung zu beschreiben. Aber in der Ära des alten, durchformatierten Fernsehens musste stets damit gerechnet werden, dass die Erwartungen an die Charaktere, die Konflikte, die Erzählung enttäuscht wurden. Wer Serien liebte, der lernte, zwischen den Zeilen zu lesen, das Unausgesprochene und Uneingelöste zu schätzen, im Dreck nach Gold zu schürfen. Oder sogar: die Serien zu bearbeiten, zu redigieren, buchstäblich umzuformulieren, wie es die von den Cultural Studies »entdeckten« Medienfankulturen seit Jahrzehnten in eigenen Texten, Videos und Songs tun. Studien über den »aktiven Zuschauer«, über Trekkies, Dr. Who-Followers, X-Philes und Buffy-Buffs, füllen inzwischen fast so viele Regalmeter wie die VHS-Kassetten, die das »Wiederschauen, Wiederlesen und Umschreiben« (so definiert der Medienwissenschaftler Henry Jenkins die Fantätigkeit) überhaupt erst möglich gemacht haben.