Kunst : Rettet die Gemäldegalerie!

Diese Sammlung in Berlin ist eine der schönsten der Welt. Jetzt sollen weite Teile im Depot verschwinden – auf unabsehbare Zeit.

Was für ein Geschenk, 10 Millionen Euro! Bernd Lindemann aber verzieht das Gesicht, als hätte er pochendes Zahnweh. Er weiß, die 10 Millionen werden alles verändern. Sie werden die Gemäldegalerie in Berlin, eine der großartigsten Kunstsammlungen der Welt, zerstückeln und verstümmeln. Nie wieder wird man die Bilder von van Eyck, von Botticelli, Caravaggio, Rembrandt, Vermeer so schön und dicht und vollständig vereint sehen können wie im Augenblick. Die 10 Millionen werden die Sammlung ins Abseits drängen – und wenn es schlecht läuft, wird ihr Direktor, Bernd Lindemann, als großer Kulturschänder in die Museumsgeschichte eingehen.

Dabei klingt der Plan erst einmal plausibel: Die Museen sollen wachsen, sie sollen sich wandeln, und deshalb wird kräftig gebaut, saniert, erweitert. Auch andere Städte berauschen sich gern an neuen Kulturhäusern; nirgendwo aber fließt so viel Geld in den Museumsbau wie in Berlin. Milliarden werden für Beton, Stahl und Glas ausgegeben. Seltsam nur, dass die Kunst am Ende immer das Nachsehen hat.

Vor 14 Jahren erst bekam die Gemäldegalerie einen stolzen Neubau am Kulturforum, gleich hinter dem Potsdamer Platz – Kosten: rund 145 Millionen Euro. Vor gerade mal sechs Jahren zog die nicht minder bedeutende Skulpturensammlung auf die Museumsinsel, eigens wurde dafür das Bode-Museum grundüberholt – Kosten: rund 160 Millionen Euro. Beide Bauten wurden bejubelt, viele priesen die wunderbare Architektur – nur um jetzt zu fordern, dass alles wieder ganz anders werden müsse. Abermals soll ein Neubau her, direkt gegenüber dem Bode-Museum, verbunden mit einer Brücke – denn hier, in Neu- und Altbau, will man nun die zwei Sammlungen zusammenführen, die Skulpturen und die Gemälde. Offiziell geschätzte Kosten: 150 Millionen Euro. Realistisch ist das Doppelte, mindestens.

Eigentlich hatte Bernd Lindemann sich und der Welt geschworen, dass die Gemäldegalerie bleibt, wo sie ist – jedenfalls solange mit dem Neubau an der Museumsinsel nicht begonnen wurde. Jetzt zeigt sich: Es war ein hohler Schwur. Es gibt keinen Neubau, und es wird auch keinen geben, jedenfalls nicht in den kommenden zehn Jahren. Es gibt keine Beschlüsse, keinen Zeitplan, keinen Etat. Es gibt nur die 10 Millionen Euro, mit denen jetzt das Stammhaus der Gemäldegalerie umgebaut werden soll, damit sich dort künftig die Werke des 20. Jahrhunderts ausbreiten können. Deshalb müssen die Alten Meister weichen und in eine beengte Wohngemeinschaft umziehen, zu den Skulpturen ins Bode-Museum. Beide Sammlungen leiden bereits unter Platznot, in beiden Häusern werden viele großartige Werke ins Depot verbannt. Doch nun soll alles noch knapper werden. Mindestens die Hälfte der heute noch gezeigten Gemälde und Skulpturen verschwindet zwangsweise im Dunkel der Keller. Es ist ein barbarischer Akt: Zwei Sammlungen von Weltrang werden umstandslos amputiert. Und bei dieser Selbstverstümmelung dürfte es auf absehbare Zeit bleiben.

Denn wenn sich Lindemann und seine Kollegen erst mit der Platznot arrangiert haben, wird ihnen so schnell niemand einen Neubau für viele Hundert Millionen Euro spendieren. Auch hier gilt die Berliner Regel: Nichts ist dauerhafter als das Provisorium.

Lindemann bleiben zwei Optionen: Entweder er inszeniert die Gemälde und Skulpturen so klug und anregend, dass die Besucherzahlen emporschnellen. Dann wird die Politik begeistert darauf hinweisen, dass offenbar auch eine kleine Auswahl an Werken völlig ausreiche, um große Wirkung zu erzielen. Oder aber Lindemann quetscht die Bilder und Skulpturen derart unattraktiv zusammen, dass sich kaum jemand dafür interessiert. Dann wird sich die Politik fragen, warum sie ausgerechnet ein erfolgloses Museum mit einem Neubau belohnen soll – und wird im Zweifel abwinken. Die Gemäldegalerie ist sich selbst in die Falle gegangen.

Um der Falle zu entkommen, rühren die Museumsoberen jetzt mächtig die Werbetrommel. Von einer »Kunstsensation des 21. Jahrhunderts« ist die Rede, vom »Beginn einer neuen Ära« und davon, dass nun visionäre Ausstellungsideen von einst das Museum neu beleben sollen. Man will zurück zu Wilhelm von Bode, der als Direktor vor bald 110 Jahren damit begann, die Sammlungen bunt zu mischen: Gemälde, Skulpturen, Möbel, Kunstgewerbe, alles wurde vereint, um so ein anschauliches Bild der Epochen zu zeichnen. Dieses Konzept habe einst »weltweit große Bewunderung« gefunden, rühmen sich die Museen heute. Und hoffen, es möge nun den ebenso teuren wie unsinnigen Umzug erträglicher machen.

Dabei mischen sich schon heute 150 Gemälde unter die Skulpturensammlung, in vielen Räumen lassen sich die Bode-Ideen schon besichtigen. Wie beeinflussten sich die Maler und Bildhauer? Warum eignen sich für manche Sujets die Gemälde besser als Skulpturen? Das sind die Themen, denen man hier nachgehen kann. Nicht uninteressant, doch niemand würde es eine »Kunstsensation« nennen. Und auch die Besucher scheinen nur mäßig beeindruckt. Denn so erhellend das Miteinander der Gattungen im Einzelfall sein mag, es macht die Konzentration nicht einfacher. Fast immer obsiegen die Gemälde, die bunt und wirkmächtig die Blicke auf sich ziehen. Alles andere gerät leicht zur Dekoration. Und so bereichern sich die Sammlungen nicht, sondern machen sich auf ungute Weise Konkurrenz. Auch deshalb ist kein anderes großes Museum der Welt (bis auf das Metropolitan in New York) den Bode-Ideen gefolgt. Nur die Berliner wollen darin eine große Verheißung erkennen. Und das, obwohl es für wichtige Teile ihrer Gemäldesammlung, vor allem für die Niederländer, keine Skulpturen gibt, die sich kombinieren ließen.

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Kommentare

27 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Unterschriftenliste

Auch der Verband Deutscher Kunsthistoriker protestiert vehement und der Unterschriftenliste haben bereits sich zahlreiche Personen, durchaus in relevanter fachlicher Stellung angeschlossen: http://bit.ly/LWhNnG
Es macht Sinn, sich in beide Listen einzutragen, um seinen Unmut zu äußern.
Das Problem ist ja nicht der Umzug zur Museumsinsel, welche in Fachkreisen nicht als problematisch erachtet wird, sondern dass man ohne Not eine Sammlung von Weltrang zum allergrößten Teil auf unbestimmte Zeit ins Depot verbannt. Und dies gerade mal nach sechs Jahren (Bode-Museum) bzw. 12 Jahren (Gemäldegalerie), nachdem die Sammlung endlich seit dem Zweiten Weltkrieg wieder mit viel Aufwand (und Kosten) der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden konnte. Kein Wunder, dass sich die Fachwelt angesichts dieser absurden Pläne empört und die Petition und die Unterschriftenliste zahlreiche Unterstützer findet. Es macht kulturpolitisch, aber auch aus konservatorischen Gründen keinerlei Sinn, einen derartig gewaltigen Bilderumzug zu starten, bei dem der Ankunftsort noch gar nicht existiert.

Wie lange ist die Übergangszeit? 10 Jahre? Mehr?

Wer fordert denn, dass der Plan der Umsiedlung rückgängig gemacht wird? Ich kann das nirgendwo lesen, außer in den reflexartigen Stellungnahmen der Berliner Museen bzw. der Stiftung. Die Fachwelt ist schon lange dafür, da können sich die Verantwortlichen nicht hinter irgendwelchen Scheinargumenten verstecken. Alle fordern lediglich die Rücknahme der absurden Pläne zur Verfrachtung zweier hochkarätiger Sammlungen ins Depot. Es gibt ja nicht einmal Baupläne, geschweige denn einen erfolgreichen Archtiketurwettbewerb und eine gesicherte Finanzierung des Neubaus. Das kann und wird lange dauern.

Und dann auch Surrealismus...

Frage ist natürlich auch - mal abgesehen davon, dass der ort in der Tat nicht besonders geeignet scheint - was da konkret rein soll. Zeitgenössische Kunst wird meiner Meinung nach hoffnungslos überschätzt; wahrscheinlich eine Schwäche jeder Epoche. Da, wo in der ersten Hälfte des 20. Jhdts die Brüche und Umbrüche unserer Gesellschaft noch direkt in die Kunst eingingen, und auch nachvollziehbar sind, scheint die zweite Hälfte schon wesentlich schwächer, flacher, und ärmer an wirklich großen Talenten.
Aber auch der Surealismus - nur , weil hier gerade die Rede davon ist - gibt nicht viel her. Er ist zwar ausgesprochen polpulär - und das dürfte auch hier der ausschlaggebende Grund sein (Besucherzahlen...) - hat aber als Richtung weder wirklich unumgägliche Werke oder Talente hervorgebracht, noch auf Dauer wirklich die Kunst beeinflusst.

schöne neue surrreale Welt

"gerade der Surrealismus in seinen vielgestaltigen und multimedialem Ausprägungen hat auf ganz unterschiedliche Weise nachfolgende Künstlergenerationen beeinflußt".
Eine korrekte Diagnose; und darum leben wir jetzt fatalerweise in einem >surrealen Biedermeier<, in dem der Multimedialismus als der optimale Werbeträger für die Elektronikkonzerne figuriert bevor der Surrealismus die Matrix für die Propagandamaschienen des Turbokapitalismus installiert hat.