Muss man die Piraten sympathisch finden? Wahrscheinlich ja, zumindest wenn man es für seine zeitgenössische Pflicht hält, einem Trend aufgeschlossen gegenüberzustehen. Hat man sich indes eine gewisse Unbefangenheit gegenüber den Wucherungen des Zeitgeistes bewahrt, wird man vielleicht dem SPD-Politiker Tom Schreiber zustimmen, der sich über den modischen Auftritt der Piraten im Berliner Landtag mit den Worten beschwerte: »Seitdem die Piraten da sind, verfallen die optischen Sitten, das ist unwürdig.«

Manche werden wahrscheinlich seine Empörung über bunt gefärbte Haare, grelle Logos und Shorts an Männerbeinen spießig finden – und noch spießiger seine Parteigenossin Corinna Gödecke, Vizepräsidentin des nordrhein-westfälischen Landtages , die den Piraten als parlamentarischen Mindeststandard vorschlug, Männer sollten »zumindest ein Jackett tragen«, bei Frauen »die Schultern bedeckt sein« und beide Geschlechter auf lustige Kopfbedeckungen verzichten.

Tatsächlich sind in diesem Falle jedoch nicht die Sozialdemokraten die Spießer. Es ist gerade umgekehrt: Spießig ist der Mangel an Geschmack, Tradition und Respekt – und noch spießiger, diesen Mangel zum Maßstab der individuellen Befreiung zu erklären. Die Piraten haben sich mit ihrem Auftritt in den Parlamenten genau als die entwurzelten Kleinbürger gezeigt, die sie sind. Davon gibt es schon eine Menge, wenn nicht Mehrzahl in Deutschland; es komme also niemand auf die Idee, die Piraten für originell zu halten.

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Nun lassen sich Tradition und Geschmack natürlich nicht einklagen, wohl aber Respekt vor dem Parlament und vor der Rolle eines Abgeordneten. In der repräsentativen Demokratie gibt es kein imperatives Mandat, das den Abgeordneten an seine Wähler bindet; er hat sich im Gegenteil zu einem gewissen Maße von seinem Milieu zu lösen und das Wohl des ganzen Landes zu bedenken. Dazu passt es nicht, als Clown seiner Peergroup aufzutreten. Es muss ja nicht gleich der Dreiteiler sein, aber das eine oder andere Teil aus dem Bestand der konventionellen Garderobe könnte doch helfen, Distanz zum eigenen Milieu zu gewinnen.

Andersherum gesagt: Der Piraten-Politiker, der immer weiter als Computernerd auftritt, zeigt damit, dass er keine Verantwortung übernehmen will, sondern sich nur als Führer einer Pressuregroup von chipsknuspernden Raubkopierern versteht, die im Parlament mit etwas klotzen möchten, womit sie an der heimischen Tastatur sonst nur kleckern und krümeln können.