Paulo Coelho"Twittern ist Kunst"

Raubkopien seiner Bücher begrüßt er, der Intellektuelle alten Schlags ist für ihn gestorben, das Internet ist ihm ein globales Dorf. Der brasilianische Bestsellerautor Paulo Coelho feiert im Skype-Gespräch die digitale Revolution – mitsamt ihren Folgen für den Buchmarkt. von Maximilian Probst und Kilian Trotier

DIE ZEIT : Herr Coelho, was bedeuten Ihnen Buchläden?

Paulo Coelho: Buchläden sind Tempel für mich. Du siehst Bücher, du kannst stöbern, du kannst mit den Buchhändlern reden. Das ist ganz toll.

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ZEIT: Haben Sie keine Angst, dass diese Tempel schließen müssen, wenn Bestsellerautoren wie Sie E-Books zum Ramschpreis von 99 Cent verkaufen?

Coelho: Lassen Sie es mich so sagen: Als Gutenberg den Buchdruck erfand, riefen die Mönche: »O Gott, wir ziehen uns lieber aus dieser Welt zurück, sie ist zu schnell geworden. Früher haben wir Zeichnungen gemacht, unsere Bücher waren Kunstwerke, und jetzt haben wir diesen billigen Gutenberg-Druck!« Aber: Jede technologische Revolution schafft eine Plattform für eine kulturelle Revolution. Und ich glaube wirklich nicht, dass diese Tempel, die Buchläden, verschwinden werden. Der Film hat auch nicht das Theater gekillt.

ZEIT: Wie wirkt sich die Revolution, von der Sie sprechen, auf die Verlage aus?

Coelho: Ich habe über acht Millionen Fans auf Facebook, mein Blog lesen zwei Millionen Menschen im Monat. Ich kann dort direkt zu meinen Lesern sprechen. Die Verlage haben keine Ahnung davon, wie wichtig so etwas ist. Trotzdem ist die traditionelle Marketingmacht der Verlage und der Buchläden weiterhin unverzichtbar. Das können wir Autoren nicht allein stemmen.

ZEIT: Viele Schriftsteller nörgeln über die Sozialen Netzwerke: Sie würden nur die Zeit auffressen, die sie fürs Bücherschreiben brauchten. Und die Leser sollten doch lieber die Schnauze halten und lesen.

Coelho: Das finde ich seltsam. Ich habe immer Zeit dafür: Ich habe Zeit, um meine Bücher zu schreiben, ich habe Zeit zu arbeiten, ich habe Zeit, ein bisschen Sport zu machen. Deshalb denke ich: Einer der wichtigsten Teile im Leben eines Autors ist es, direkt mit seinen Lesern in Kontakt zu treten. Dadurch versteht man sich selbst besser. Es hilft mir als Mensch, nicht nur als Schriftsteller. Gestern habe ich mit einem Freund aus Montenegro gesprochen, der mir von montenegrinischen Legenden erzählte, dann habe ich mit einem Chinesen gechattet. Sie sind meine Freunde, auch wenn ich sie physisch nie getroffen habe. Ich unterhalte mich mit ihnen, ich lerne extrem viel und habe extrem viel Spaß dabei. Es ist, als würde man in eine Bar gehen. Schriftsteller sollten unbedingt in Bars gehen!

ZEIT: Warum gehen denn viele Schriftsteller nicht in die digitale Bar?

Coelho: Sie haben Angst vor dem direkten Kontakt, das ist ganz menschlich. Was man nicht kennt, stößt man erst mal ab.

ZEIT: Müssen wir uns eigentlich vor Amazon fürchten? Und der Netzlogik The winner takes it all?

Coelho: Das ist nicht die Logik des Netzes. Das ist die Logik unserer Welt. Jetzt ist gerade die Fußballeuropameisterschaft. Ist es wichtig, wer Zweiter oder Dritter wird? Nein, es geht nur darum, wer gewinnt. Und ich bin mir sicher, dass Deutschland gewinnt. Aber ehrlich, heute sieht es so aus, als ob Amazon alles übernehmen würde. Nur: Morgen erfindet ein Konkurrent etwas anderes, und die Situation ändert sich total. Wir können doch den Fortschritt nicht stoppen. Wir können uns anpassen, aber der Wandel muss weitergehen. Lasst uns doch alle Möglichkeiten der neuen Technologien ausnutzen.

ZEIT: Wie machen Sie das?

Coelho: Vor ein paar Wochen habe ich meinen Verleger gefragt, ob er alle meine E-Books auf 99 Cent runterstufen kann, außer dem Alchimisten. Er hat es gemacht, drei Wochen lang, weil es keine Verbreitungs- und keine Druckkosten bei E-Books gibt. Dann haben wir die Promotion gestoppt. Was ist passiert? Die 99-Cent-Bücher haben den Alchimisten mitgezogen. Er kletterte die New York Times-Bestsellerliste vom, ich weiß nicht, 39. auf den 7. Platz hinauf. Für mich heißt das: Wenn du nicht geizig bist, wird dein Einsatz belohnt.

Leserkommentare
  1. ein Bestsellerautor, der eine Mening vertritt, wie man sie sich nur wünschen kann.

    Das sollten all die kleinen "Ich-bin-ein-Urheber"Autoren mal lesen. Und dann die Klappe halten. (Sorry, musste aber sein !)

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    • tgam
    • 06. Juli 2012 13:48 Uhr

    [...]

    Bitte setzen sie sich ohne pauschale Herabwürdigungen oder persönliche Angriffe mit anders lautenden Ansichten auseinander. Danke, die Redaktion/fk.

    coelho lenkt uns in richtung zukunft, wer großzügig ist, wird dann beschenkt, wenn wir erkannt haben, unsere gedanken werden uns geschenkt, warum sollten wir sie nicht weiter verschenken, wenn wir ohne geld miteinander verbunden sind. im moment spielt geld und eigentum noch eine rolle, doch da selbst der bundesbankpräsident von luftgeld spricht, wird sich das monopolyspiel in absehbarer zeit in luft auflösen, wie die grauen herren im buch MOMO von michael ende, jeder ist besitzer, doch wo ist der eigentümer? der wird vielleicht etwas eigentümlich schauen. doch mehr nicht, er kann auch nur mit einem löffel essen, warum sollten die anderen für ihn die suppe auslöffeln. alles kommt zur richtigen zeit, doch wer ahnt das schon außer coelho?

    • joG
    • 06. Juli 2012 13:12 Uhr

    ....als ginge er mit der Welt um, wie sie ist.

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    • tgam
    • 06. Juli 2012 13:48 Uhr
    3. [...]

    [...]

    Bitte setzen sie sich ohne pauschale Herabwürdigungen oder persönliche Angriffe mit anders lautenden Ansichten auseinander. Danke, die Redaktion/fk.

    Antwort auf "Oh mein Gott ..."
  2. Coelho´s Bücher wirken auf mich auch heute so, wie ein Konglomerat aus allen möglichen Twitter Kanälen zum Thema Spiritualität. Das macht sicher Sinn für viele Leute, sonst wär er ja nicht so erfolgreich weiterhin. Ich kann mich auch erinnern, dass ich seinen Alchimisten mit Freude gelesen habe. Heute sind seine Bücher einfach nicht mehr so ein Vergnügen für mich. Sie erinnern mich an eine Drogerie, in der man sich schnell mal eben aus allen möglichen Bereichen mit ein wenig spiritueller Wellness versorgen kann. OK, aber irgendwie bleibt ein Gefühl zurück, nur dem Anspruch auf Tiefe begegnet zu sein.

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    • hairy
    • 06. Juli 2012 16:50 Uhr

    "Sie erinnern mich an eine Drogerie, in der man sich schnell mal eben aus allen möglichen Bereichen mit ein wenig spiritueller Wellness versorgen kann." Das sehe ich auch so. Und daher stammt seine Popularität. Literarisch ist C. denn auch uninteressant - und er spricht offenbar ja sehr gern über seine steigenden 'rankings', die ihm die 'digitale Revolution' beschert hat. Die ZEIT hätte wirklich einen besseren Autoren suchen sollen, nämlich einen nicht so bekannten.

  3. Mich provoziert Coelhos herablassende Selbstgefälligkeit. Zum Thema selbst äußert er sich begrenzt und wenig konstruktiv. Schon das Eingangszitat ""Das Urheberrecht ist eine Erfindung der Geschäftswelt, nicht der Autoren" ist spätestens dann ein wohlfeiler Allgemeinplatz, wenn das ein millionenschwerer Autor sagt.

    Selbstverständlich ist ein Buch ein Produkt, dessen Herstellung langfristig angelegt ist und geplant wird, vom Schreiben selbst bis zur Werbung und Vermarktung. Der Dichter als Freigeist, wie ihn Coelho als Selbstbild skizziert, ist eine Chimäre für das bürgerliche Bildungspublikum, das solche Romantizismen als Dreingabe für seinen literarischen Freizeitkonsum verlangt.

    Das Fehlen jeglicher konstruktiver Ansätze im Interview lassen seinen vermeintlichen Widerstand gegen das Urheberrecht nicht mehr sein als eine verkaufsfördernde Positionierung.

    3 Leserempfehlungen
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    • oet
    • 06. Juli 2012 23:47 Uhr

    Nein. Auf mich wirkt Coelhos ganz schön kreativ.

    Coelho scheint schon etwas in eine mögliche Zukunft zu schauen. Er sieht, dass das Geld nur noch Luftgeld ist, also wird mit Luft materielles Eigentum angehäuft, was jetzt der Milliardär Soros verstärkt tut. Doch auch das wird vorüber gehen. Von wem hat ein Mozart seine Fähigkeiten diese Werke zu schreiben gekauft? Er hat sie geschenkt bekommen, so wie Soros mit Luftgeld Länderreien geschenkt bekommt und meint es gehört ihm. Er ist im Moment maximal der Besitzer, doch nicht der Eigentümer, und das sieht Coelho auch, somit beginnt er zu verschenken, die Grundlage unsere Natur. Und damit überwindet er den Mangel und zeigt die Fülle, dass was der nach Erfolg heischende noch nicht kann. Warten wir noch ein Weilchen, das Schenken kommt sowieso, wenn sich die Kleinen etwas größer fühlen, fällt der Mangel weg. Somit sind die Reichen immer noch im Mangel wenn sie noch mehr haben müssen und damit zeigen sie, dass sie sehr sehr klein sind.

    • hairy
    • 06. Juli 2012 16:50 Uhr

    "Sie erinnern mich an eine Drogerie, in der man sich schnell mal eben aus allen möglichen Bereichen mit ein wenig spiritueller Wellness versorgen kann." Das sehe ich auch so. Und daher stammt seine Popularität. Literarisch ist C. denn auch uninteressant - und er spricht offenbar ja sehr gern über seine steigenden 'rankings', die ihm die 'digitale Revolution' beschert hat. Die ZEIT hätte wirklich einen besseren Autoren suchen sollen, nämlich einen nicht so bekannten.

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    • oet
    • 06. Juli 2012 23:47 Uhr

    Nein. Auf mich wirkt Coelhos ganz schön kreativ.

    • FranL.
    • 07. Juli 2012 19:29 Uhr

    Paulo Coelho ist der David Garrett der Literaturszene. Er produziert pseudophilosophische Trivialliteratur für jene die etwas "tiefsinnigeres" suchen als die Wanderhurenromane, denen aber die wirklich anspruchsvolle Literatur, gar Philosphie denn doch zu hoch sind. Coelhos Bücher sind auf ihre Art genauso kitischig wie die Wanderhurenromane, eine Ansammlung von Kalenderblattweisheiten im alá "Erkenne dich selbst".

    Hr. Coelho wirkt tatsächlich sehr selbstgefällig. Er hat gut reden, er ist ein Bestsellerautor der sich um seine Einnahmen wohl keine Sorgen mehr machen muß.

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