DIE ZEIT : Herr Coelho, was bedeuten Ihnen Buchläden?

Paulo Coelho: Buchläden sind Tempel für mich. Du siehst Bücher, du kannst stöbern, du kannst mit den Buchhändlern reden. Das ist ganz toll.

ZEIT: Haben Sie keine Angst, dass diese Tempel schließen müssen, wenn Bestsellerautoren wie Sie E-Books zum Ramschpreis von 99 Cent verkaufen?

Coelho: Lassen Sie es mich so sagen: Als Gutenberg den Buchdruck erfand, riefen die Mönche: »O Gott, wir ziehen uns lieber aus dieser Welt zurück, sie ist zu schnell geworden. Früher haben wir Zeichnungen gemacht, unsere Bücher waren Kunstwerke, und jetzt haben wir diesen billigen Gutenberg-Druck!« Aber: Jede technologische Revolution schafft eine Plattform für eine kulturelle Revolution. Und ich glaube wirklich nicht, dass diese Tempel, die Buchläden, verschwinden werden. Der Film hat auch nicht das Theater gekillt.

ZEIT: Wie wirkt sich die Revolution, von der Sie sprechen, auf die Verlage aus?

Coelho: Ich habe über acht Millionen Fans auf Facebook, mein Blog lesen zwei Millionen Menschen im Monat. Ich kann dort direkt zu meinen Lesern sprechen. Die Verlage haben keine Ahnung davon, wie wichtig so etwas ist. Trotzdem ist die traditionelle Marketingmacht der Verlage und der Buchläden weiterhin unverzichtbar. Das können wir Autoren nicht allein stemmen.

ZEIT: Viele Schriftsteller nörgeln über die Sozialen Netzwerke: Sie würden nur die Zeit auffressen, die sie fürs Bücherschreiben brauchten. Und die Leser sollten doch lieber die Schnauze halten und lesen.

Coelho: Das finde ich seltsam. Ich habe immer Zeit dafür: Ich habe Zeit, um meine Bücher zu schreiben, ich habe Zeit zu arbeiten, ich habe Zeit, ein bisschen Sport zu machen. Deshalb denke ich: Einer der wichtigsten Teile im Leben eines Autors ist es, direkt mit seinen Lesern in Kontakt zu treten. Dadurch versteht man sich selbst besser. Es hilft mir als Mensch, nicht nur als Schriftsteller. Gestern habe ich mit einem Freund aus Montenegro gesprochen, der mir von montenegrinischen Legenden erzählte, dann habe ich mit einem Chinesen gechattet. Sie sind meine Freunde, auch wenn ich sie physisch nie getroffen habe. Ich unterhalte mich mit ihnen, ich lerne extrem viel und habe extrem viel Spaß dabei. Es ist, als würde man in eine Bar gehen. Schriftsteller sollten unbedingt in Bars gehen!

ZEIT: Warum gehen denn viele Schriftsteller nicht in die digitale Bar?

Coelho: Sie haben Angst vor dem direkten Kontakt, das ist ganz menschlich. Was man nicht kennt, stößt man erst mal ab.

ZEIT: Müssen wir uns eigentlich vor Amazon fürchten? Und der Netzlogik The winner takes it all?

Coelho: Das ist nicht die Logik des Netzes. Das ist die Logik unserer Welt. Jetzt ist gerade die Fußballeuropameisterschaft. Ist es wichtig, wer Zweiter oder Dritter wird? Nein, es geht nur darum, wer gewinnt. Und ich bin mir sicher, dass Deutschland gewinnt. Aber ehrlich, heute sieht es so aus, als ob Amazon alles übernehmen würde. Nur: Morgen erfindet ein Konkurrent etwas anderes, und die Situation ändert sich total. Wir können doch den Fortschritt nicht stoppen. Wir können uns anpassen, aber der Wandel muss weitergehen. Lasst uns doch alle Möglichkeiten der neuen Technologien ausnutzen.

ZEIT: Wie machen Sie das?

Coelho: Vor ein paar Wochen habe ich meinen Verleger gefragt, ob er alle meine E-Books auf 99 Cent runterstufen kann, außer dem Alchimisten. Er hat es gemacht, drei Wochen lang, weil es keine Verbreitungs- und keine Druckkosten bei E-Books gibt. Dann haben wir die Promotion gestoppt. Was ist passiert? Die 99-Cent-Bücher haben den Alchimisten mitgezogen. Er kletterte die New York Times-Bestsellerliste vom, ich weiß nicht, 39. auf den 7. Platz hinauf. Für mich heißt das: Wenn du nicht geizig bist, wird dein Einsatz belohnt.

"Wenn man Opfer einer Piraterie wird, dann ist das eine Auszeichnung, eine Medaille!"

ZEIT: Das funktioniert nur bei erfolgreichen Autoren. Was ist mit all den kleinen Schriftstellern, die wichtige Bücher schreiben, aber nur eine kleine Leserschaft haben? Wie sollen die in dieser neuen Welt überleben?

Coelho: Wenn du anfängst zu schreiben oder zu tanzen, dann machst du das aus Überzeugung. Du machst das, weil du es machen musst. Ich bin Brasilianer, ich hätte nie gedacht, dass ich reich werden könnte mit meinen Büchern. Im Gegenteil: Jeder sagte mir damals, es sei unmöglich. Geld kommt erst nach der Arbeit, das ist ganz sicher. Und wenn du Geld machst, dann deshalb, weil dein ganzes Herz in deinem Werk steckt. Und selbst wenn du kein Geld verdienst, was bei mir viele Jahre lang der Fall war, dann arbeitest du trotzdem weiter.

ZEIT: Es gibt in Ihrem System aber ein Problem: Wenn die Leser sich daran gewöhnen, E-Books für 99 Cent zu bekommen, sind sie immer seltener dazu bereit, 30 Dollar für ein Hardcover zu bezahlen. Mit den 30-Dollar-Bestsellern unterstützen die Verlage aber andere wichtige Autoren, die ökonomisch nicht so erfolgreich sind.

Coelho: Das sagen die Verlage. Aber was sagen die Autoren?

ZEIT: Das Gleiche?

Coelho: Wirklich? Fragen Sie vier oder fünf Schriftsteller, und sie sagen: Bestsellerautoren sind schrecklich. Sie sind qualitativ schlecht, sie sind doof, bla, bla, bla. Wenn diese Schriftsteller aber Bestsellerautoren unterstützen würden, wenn sie tapfer genug wären und sagen würden: Bestsellerautoren sind super, weil ich mit ihrem Geld mein Buch veröffentlichen kann; wenn sie dann noch sagen würden: Bestsellerautoren sind super, weil sie die Herzen vieler Menschen berühren, dann wäre es etwas anderes. Aber ich kenne ihre Meinung über Bestseller. Und ich sage ihnen: Eure Zeit ist vorbei, ha!

ZEIT: Kein Mitgefühl für diese Autoren?

Coelho: Nein. Sie haben eine aristokratische Meinung von Bestsellern. Camus war ein Bestseller, Baudelaire war ein Bestseller, Henry Miller war einer, Shakespeare auch. Also wenn die lamentierenden Autoren mit der Hilfe von Bestsellern veröffentlichen möchten, sollten sie erst mal ein paar nette Sachen über Bestseller sagen.

ZEIT: Was halten Sie eigentlich von Piraterie? Bestsellerbücher werden oft illegal kopiert und verbreitet. Viele befürchten: Wenn Menschen sich daran gewöhnen, bezahlen sie irgendwann gar nichts mehr für Bücher.

Coelho: Ja, es gibt ein Risiko. Aber nachdem ich meine Preise auf 99 Cent runtergesetzt hatte, gab es auch keine Produktpiraterie mehr. Nur: Ich sage überhaupt nicht, dass Piraterie schlecht ist! Das höchste Ziel meines Lebens ist es, gelesen zu werden. Und wenn es Piraterie gibt, dann gibt es sie eben, davor darf man keine Angst haben. Ganz ehrlich: Wenn man Opfer einer Piraterie wird, dann ist das eine Auszeichnung, eine Medaille! Piraten kopieren doch nur illegal Bücher, die die Menschen auch wirklich lesen wollen. Wenn ich durch die Straßen von Indien gehe, ein Kind mit dem kleinsten Buchladen der Welt sehe, der nur zehn Titel hat, und zwei von denen sind Raubdrucke meiner Bücher, dann bin ich doch stolz! Ich bin so stolz, weil das heißt, dass das alles Menschen sind, die mich lesen wollen. Als ich einmal in Lima war, habe ich alle meine Bücher in Piraterie-Editionen entdeckt. Ich war glücklich und wollte mit dem Jungen sprechen, der sie verkaufte. Aber als ich ihm sagte, dass ich der Autor sei, ist er weggelaufen. Er glaubte, ich würde mich fürchterlich beschweren. Aber ich wollte mich nicht beschweren. Ich wollte ihm danken.

ZEIT: Wenn Sie Piraterie nicht schlimm finden – was denken Sie dann übers Urheberrecht?

Coelho: Das Urheberrecht ist eine Erfindung der Geschäftswelt, nicht der Autoren. Es schützt das Geschäft und nicht die Urheber. Meine Idee ist die Idee des Teilens. Meister Eckhart, der deutsche Mystiker, sagte: Teilen gehört zum menschlichen Wesen. Wenn du nicht teilst, dann existierst du auch nicht. Jetzt teilen wir dieses Gespräch über Skype. Ich sehe euch, ihr seht mich. Es kostet nichts für euch, und es kostet nichts für mich. Ist das nicht wunderbar?

ZEIT: Der Vorteil von Skype ist, dass wir in Ihr Arbeitszimmer schauen können. Was ist das für ein Bild hinter Ihnen an der Wand?

Coelho: Es ist die Kathedrale von Santiago de Compostela, ein Thema meines ersten Buches. Meine Frau hat es gemalt, und jetzt hängt es hier in meinem Büro. Eigentlich sollte ich ja ein großes Bücherregal besitzen, beeindruckend vollgestellt, wie die alten Intellektuellen, um zu zeigen, wie kultiviert ich bin. Ich bin schon sehr kultiviert, aber ich muss es den Menschen nicht zeigen. Einfachheit ist das neue Ding; das Internet ist Einfachheit. Deshalb glaube ich, dass der klassische Intellektuelle tot ist. Er wird ersetzt durch den »internetual«, den Internetuellen.

ZEIT: Und welche Rolle spielt diese neue Figur?

Coelho: Der Internetuelle wird den Stil des Schreibens ändern. Es wird viel gradliniger werden, ohne hohl zu sein. Es wird viel direkter werden, ohne oberflächlich zu werden. Man muss knapp erzählen und direkt zum Kern der Sache vordringen. Das hält die Imagination des Lesers lebendig. Die Revolution ist doch die: Heute hast du als Schriftsteller mehrere Wege, um dich auszudrücken. Du kannst 140 Zeichen auf Twitter schreiben oder fünf Absätze im Blog, oder du kannst ein Buch rausbringen. Ich sehe eine Zukunft, in der der Titel des »Schriftstellers« nicht länger für Menschen reserviert ist, die Bücher schreiben. Wir haben eine ganz große Bandbreite an Möglichkeiten.

ZEIT: Also würden Sie Ihre Blogeinträge als Teil der Literatur sehen, als Kunst?

Coelho: Natürlich! Und meine Tweets auch.