So muss der Fahrstuhl in die Hölle aussehen. Eine dürre Gondel hängt über dem Abgrund eines Vulkans, gehalten von einem Eisengestell, das auf dem Geröll des Kraterrands aufliegt. Über das Lavafeld ringsum zieht ein eisiger Wind. Er treibt Böen von Schwefel hinauf, wie den Atem eines Drachen. Mit eingezogenen Schultern stehen vier Menschen am Rand des Kraters. Sie haben keine Augen mehr für das Funkeln des Meeres oder für die schneebedeckten Berge, die in der Morgensonne strahlen. Sie starren in den Schlund zu ihren Füßen, der alles Licht zu fressen scheint.

Warum wir das tun, bedarf einer Erklärung. Denn der Thrihnukagigur ist keiner der großen, legendenumwobenen isländischen Vulkane wie Hekla oder Katla. Lange lag er unbeachtet an der Küste, zwanzig Kilometer südöstlich von Reykjavík. Was ihn weltberühmt macht, zumindest in Island, wurde erst vor einigen Jahren entdeckt: Er gestattet einen Blick in seine Innereien. Das Kraterloch, vor dem wir stehen, führt 120 Meter tief in den Abgrund.

Normalerweise machen Vulkane nach einem Ausbruch dicht. Entweder sie versiegeln sich mit der eigenen Lava, oder sie kollabieren und hinterlassen nur einen Krater an der Oberfläche. Doch der Thrihnukagigur hielt nach seiner letzten Eruption stand; und die hunderttausend Tonnen Lava aus seinem Inneren flossen offenbar ab, ehe sie aushärten konnten. Zurück blieb etwas Einzigartiges: ein offener, hohler Vulkan.

Bitte klicken Sie auf das Bild, um die Grafik zu vergrößern.© ZEIT-GrafikÜber einen Steg am Kraterrand tasten wir uns zur Gondel vor. Voran geht Jón Gauti Jónsson, der Bergführer, ein Mann mit dem hageren Gesicht eines Abenteurers. Vor einer Stunde hat er uns am verlassenen Parkplatz eines nahen Skigebiets abgeholt. Wir sind mit ihm über das Lavafeld mit seinen vielen Rinnen marschiert, das jetzt von oben aussieht wie der runzlige Rücken eines Buckelwals. Ein ziemlich harter Rücken, wie wir unterwegs feststellen mussten. Gespickt mit Steinen, die sogar dicke Wanderstiefel zerkratzen. Wie zur Entschuldigung wächst dazwischen besonders weiches Moos. Den Pfad, auf dem wir gekommen sind, hat Jón Gauti selbst abgesteckt, mit roten Holzpflöcken, auf denen noch der Barcode vom Baumarkt klebt. »Ungezügelter Tourismus kann viel Schaden anrichten«, sagt er.

Wir sind die erste Besuchergruppe, die Jón Gauti in den Bauch des Vulkans bringt. Weitere werden in den kommenden Wochen folgen. Bisher hat er sich immer allein die 120 Meter bis zum Grund abgeseilt. Die Reise im Fahrstuhl ist für ihn ein geradezu unsportlicher Luxus. Entsprechend sarkastisch reagiert er auf unsere Scheu vor dem, was uns in der Tiefe erwartet. Statt »Wenn wir wieder oben sind« sagt er »Falls wir je wieder hoch kommen«.

In Island bricht alle drei, vier Jahre ein Vulkan aus; die ganze Insel ist ein geothermischer Hotspot. Doch der Thrihnukagigur verhält sich ruhig. Sein letzter Ausbruch liegt viertausend Jahre zurück. Bevor er wieder aktiv werden sollte, gäbe es im Umkreis warnende Beben, die aufsteigende Lava ankündigen würden. Da es aber seit Langem nicht gebebt hat, gilt dieser Vulkan als ungefährlich.

Die Gondel schwankt, als wir sie betreten. Jón Gauti schlägt einige Male mit der flachen Hand gegen die verkeilte Tür, um sie für die Fahrt zu schließen. Dann setzt Einar Stefánsson, der Gondelführer, den Aufzug in Bewegung. Er steuert ihn über vier schwarze Knöpfe, die alle unbeschriftet sind. Es gibt auch einen großen roten. Wofür der ist, mag angesichts des gähnenden Schlunds unter uns niemand fragen. Einar hat offenbar denselben Humor wie Jón Gauti. Als die Gondel einen unerwarteten Satz macht, sagt er trocken: »Jetzt sind wir verloren.«