Jean-Jacques Rousseau: Friedliche Herzen, freie Gefühle
300 Jahre Rousseau: Ein Streifzug durch die Neuerscheinungen zu Leben und Werk des französischen Denkers.
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Das Haus von Jean-Jacques Rousseau in Montmorency
Von Anfang an hat Jean-Jacques Rousseau irritiert, auch polarisiert. Sein gedanklicher Reichtum und seine persönliche Komplexität provozierten den schärfsten Widerstreit von Auslegungen. Friedrich Nietzsche philosophierte 1888 in seiner Götzendämmerung gegen Rousseau mit dem Hammer: »Dieser erste moderne Mensch, Idealist und Kanaille in einer Person.« So sah es schon Voltaire, Nietzsches Zeuge der Anklage, der 1755 in einem Brief an Rousseau über dessen Sehnsucht nach der guten Natur spöttisch bemerkt hatte: »Noch nie hat man so viel Geist aufgeboten, um uns wieder zu Tieren zu machen.«
Anders als Voltaire und Nietzsche kann man seine Widersprüche nicht nur lächerlich ab-, sondern auch humorvoll aufwerten. Man verstehe Rousseau nur dann richtig, »wenn man mit seinem Humor rechne. Das Komische sei ein wesentlicher Zug seiner Philosophie, die bei seinen Zeitgenossen wegen ihrer Paradoxien berühmt war.« So sieht es Henning Ritter in seinem aphoristischen Beitrag zum Heft Idealist Kanaille Rousseau der Zeitschrift für Ideengeschichte (Heft VI/2, C. H. Beck, München 2012, 12,90 €). Ritter, hervorragender Kenner Rousseaus und Herausgeber der zweibändigen Schriften, hat dabei den Verlachten auf seiner Seite. Denn Rousseau selbst hat in seiner ersten Verteidigungsschrift gegen seine Gegner darauf hingewiesen, dass er oft nicht vermeiden könne, zu lachen, allerdings nicht über sich, sondern über die Verwirrungen seines Zeitalters.
»Humorist ist, wer die Unstimmigkeiten des menschlichen Handelns bemerkt und durchschaut«, definiert Henning Ritter. Ein brillantes Meisterwerk ist da Jean Starobinskis Buch La transparence et l’obstacle von 1971, 1988 elegant übersetzt von Ulrich Raulff, jetzt als Taschenbuch nachgedruckt (Rousseau. Eine Welt von Widerständen; S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2012, 569 S., 12,99 €). Diese Welt aus Widerständen bestand aus leidvoll erfahrenen, oft selbst errichteten Hindernissen , die Rousseaus Wunsch nach einer natürlichen Lebensform und seelischen Transparenz unüberwindlich entgegenstanden. Immer wieder sehnte er sich vergeblich nach dem Glück einer ursprünglichen Unmittelbarkeit, obwohl er dabei den unglücklich machenden Umweg über gedankliche Reflexionen, sekundäre Schriftformen oder gesellschaftliche Konventionen gehen musste.
Idealist, Kanaille, Humorist – mit Illusionen in menschlichen Dingen
Dabei verstrickte sich der Philosoph oft in widersinnigste Situationen. Der Schriftsteller Karl-Heinz Ott macht sich in seinem satirischen Roman Wintzenried vor allem aus Rousseaus erotischen Verwirrtheiten einen Jux (Hoffmann und Campe, Hamburg 2011, 205 S., 18,99 €). Denn auch Begehren und Sexualität konnten sich dem Widersinn von erhoffter Unmittelbarkeit und erfahrener Vermittlung nicht entziehen. Er sehnte sich nach Intimität, aber sah sich zu ständigen Trennungen gezwungen. Die Selbstbefriedigung zog er als »gefährlichen Ersatz« der Vereinigung mit seinen Geliebten vor, und oft verließ er sie nur, um ihnen schriftliche Herzensergüsse brieflich senden zu können. Der eitle, dumme und freche Perückenmachergeselle Wintzenried wusste es auszunutzen. Denn als Rousseau wieder einmal seine mütterliche Freundin Madame de Warens verlassen hatte, weil ihn allzu große, gar sexuelle Intimität erschreckte, fand er bei der Rückkehr seinen Platz im Bett der Geliebten besetzt. Man lachte über ihn und wollte ihn als störenden Dritten loswerden.
»Schreckliche Illusion in allen menschlichen Dingen!« Dieses unglücklich endende Liebesverhältnis mit seiner Ersatz-Mama reihte sich ein in eine lange Geschichte von Irrungen und Wirrungen, die zuletzt von Michel Soetard (Jean-Jacques Rousseau. Leben und Werk, C.H. Beck, München 2012, 128 S., 8,95 €) und von Christiane Landgrebe dargestellt worden ist (Zurück zur Natur? Das wilde Leben des Jean-Jacques Rousseau, Beltz Verlag, Weinheim/Basel 2012, 376 S., 14,95 €). Beide führen dabei auch die bunte Mannigfaltigkeit von Rousseaus Ideen vor Augen.
Auf deren zentralen Kern haben sich dagegen drei systematische Rekonstruktionen konzentriert. Ernst Cassirers großer Essay über Das Problem Jean Jacques Rousseau erschien bereits 1932, sein Aufsatz über Kant und Rousseau entstand 1939. Nun liegen sie gemeinsam vor (Ernst Cassirer: Über Rousseau, hg. v. Guido Kreis, Suhrkamp Verlag, Berlin 2012, 174 S., 10,– €). Der jüdische Kulturphilosoph, Kenner Kants und der Aufklärung, verdeutlichte zunächst, wie Rousseau sein Problem, dass das wahre Sein des Menschen unter den falschen Deckmänteln des gesellschaftlichen Scheins kaum noch zu erkennen sei, gelöst habe: Er imaginierte eine rechtsstaatliche Gemeinschaft, in der freie Menschen aus freiem Willen sich zusammenfinden und den allgemeinen Willen der Gemeinschaft (volonté générale) als ihren eigenen annehmen. Das aber entsprach, wie Cassirer im detaillierten Vergleich aufgezeigt hat, ganz den Grundgedanken Kants. Und so sei es kein Wunder, dass Kant Rousseau als einen Enthusiasten der reinen Rechtsidee liebte. Für ihn besaßen alle Überlegungen Rousseaus ihren großen Wert darin, »die Rechte der Menschen herzustellen«.
Dieser Prozess kann jedoch nur erfolgreich durchgeführt werden, wenn die Menschen sich aus ihrer »Eigenliebe« befreien. Von der zentralen Bedeutung dieser »amour propre« in Rousseaus Hauptschriften handelt die Untersuchung , die der amerikanische Philosoph Frederick Neuhouser äußerst subtil durchgeführt hat (Pathologien der Selbstliebe. Freiheit und Anerkennung bei Rousseau, Suhrkamp Verlag, Berlin 2012, 380 S., 17,– €). Sie konzentriert sich auf diese »böse«, »sündige« Charaktereigenschaft des modernen Menschen: Ständig misst man seinen eigenen Wert nach dem Urteil der anderen; und immer beurteilt man die anderen danach, wie sie dem eigenen Selbst nützlich sein können. Originell ist Neuhousers Nachweis, dass »amour propre« nicht nur die Ursache aller gesellschaftlichen Übel ist, sondern zugleich auch ein Impuls zu ihrer Überwindung. Es komme nicht darauf an, die Eigenliebe zu vernichten, sondern darauf, sie so zu »bilden, dass sie auf positive Weise zu der Verwirklichung von Freiheit, Frieden, Tugend, Glück und nichtentfremdetem Selbstsein beiträgt«. Und genau das habe Rousseau mit seinem Gesellschaftsvertrag politisch, mit seinem Émile erzieherisch projektiert. So gesehen gehöre »amour propre« zu den innovatorischsten Aspekten seines Denkens.





"Die identitäre Demokratietheorie beschreibt eine Identität zwischen Herrschern und Beherrschten. Im Falle eines Staates wäre eine identitäre Demokratie eine absolute Herrschaft durch das Volk, die es jedoch in der Realität noch nie gegeben hat.
Die direkte Demokratie, wie sie in Landgemeinden der Schweiz und den Einwohnerversammlungen der neuenglischen Staaten in den USA praktiziert wird, kommt der identitären Demokratie am nächsten, wird allerdings auf lokale Angelegenheiten beschränkt.
Vater der identitären Demokratietheorie ist Jean-Jacques Rousseau. Allerdings ging dieser davon aus, dass wahre Demokratie nur etwas für Götter sei, für den Menschen dagegen unerreichbar. Prägend für die Umsetzung ist die Findung und Bildung der volonté générale, der gemeinsame Wille aller."
http://de.wikipedia.org/wiki/Identitäre_Demokratietheorie
Auf ihn konnten sich Faschisten und Sozialisten berufen. Heute scheint mir so manche seiner verschwurbelten Ideen im sog. Wutbürger Urständ zu feiern.
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