Endlich reich

Es kann einen ferienhalber in die Alpen verschlagen, auf die Almen im österreichischen Pongau etwa, wo die Bergweiden Gemeingüter sind, also nicht einzelnen Bauern gehören, obwohl die ihr Vieh hochtreiben; wie sich in den Alpenländern überhaupt nebeneinander eine private und eine kollektive Wirtschaft entwickelt haben, die einander stützen und so einen seltenen Wohlstand sichern.

Der Sozialwissenschaftler Alexander Dill hat sich mit seinem Buch Gemeinsam sind wir reich (oekom Verlag, München 2012, 208 S., 14,95 €) auf den Weg gemacht, um von solchem Wohlstand zu berichten, der entsteht, weil Menschen einander brauchen, um ein gelingendes Leben zu führen. Dill berichtet vom genossenschaftlichen Gasthaus im badischen Bollschweil, besser: von der Ödnis, als das letzte Wirtshaus am Ort zumachte, weshalb unter den Bürgern die Idee einer gemeinsam bewirtschafteten Gastronomie entstand, und alsbald hatte der Ort mit seinem Gemeingut-Gasthaus wieder eine Seele. Oder Dill rekonstruiert, "wie die Deutschen einmal durch Solidarität schuldenfrei wurden", als nämlich ab 1948 aus den Vermögen der Westdeutschen ein finanzieller Lastenausgleich für die Millionen von Flüchtlingen aus dem Osten des Landes abgezweigt wurde, weswegen sich die Amerikaner überzeugen ließen, dass die Deutschen mit Geld vernünftig umgehen konnten, und ihnen daher einen großen Teil ihrer Schulden erließen. Er recherchiert, wie die Isländer aus der Finanzkrise herausfanden, warum in der reichen Schweiz der Sozialismus der Genossenschaften Migros und Coop den Einzelhandel und die Großgastronomie weitgehend dominiert und worin der Wert eines städtischen Kiezes besteht.

Dill sucht verborgenen Reichtum und findet ihn: ob in der Abwesenheit von Krieg, Bürgerkrieg oder Seuchen oder in der Resonanz, die durch Lächeln entsteht. Sogar das Wort Herzensbildung taucht wieder auf, allerdings nicht auf Kosten der Ironie: Denn die Erdkröte schlägt Dill als nächstes deutsches Wappentier vor, und vom Gemeinschaftsgeist der Mafia rät er ab. Dies ist eine schön unordentliche, eine üppig blühende Sommerlektüre, gut auf den Bergweiden im Wallis zu lesen oder zu Hause, auf dem bepflanzten Balkon.

Elisabeth von Thadden

Hin und weg

Wer Maurizio Maggianis Himmelsmechanik (aus dem Italienischen v. Andreas Löhrer; Edition Nautilus, Hamburg 2012, 344 S., 22 €) liest, braucht in den Ferien nicht wegfahren. Man ist dann schon weg. Hin und weg, wie bei allen guten Büchern. Weg aber auch in einem speziellen Sinn, weil der italienische Erzähler sein schriftstellerisches Bemühen gegen die Zeit, gegen das Hier und Jetzt eines urban geprägten, auf reibungsloses Funktionieren gedrillten Lebens richtet: weg vom Fenster. Die Chronologie, die uns geläufige Zeit mit ihren Erfordernissen des Tages, tritt bei Maggiani in den Hintergrund. Stattdessen wird der Roman vom Raum strukturiert: vom Raum der Garfagnana, einer abgelegenen Gebirgslandschaft in der Provinz Lucca , landeinwärts hinter den Marmorfelsen von Carrara.

Erzählt wird aus der Sicht eines namenlosen, nicht mehr jungen Mannes, eines Sprengmeisters, wie wir ziemlich zum Ende des Romans erfahren (nie hat es Maggiani eilig). Aber mehr als über diesen Mann erfahren wir über seine Mutter, die ihn im Krieg mit einem Soldaten aus der Fremde zeugte, der bald darauf verschwand. Mehr auch erfahren wir über einen alten KZ-Überlebenden, der in den Kastanienwäldern der Garfagnana haust. Und über die junge Freundin des Erzählers, die als kleines Kind beim Bombenattentat im Bahnhof von Bologna ihre Familie verlor.

Es sind lauter Versehrte, die durch den Roman treiben. Aber es sind Menschen, die gelernt haben, mit ihren Verletzungen zu leben. Und es macht das Verführerische von Maggianis Roman aus, dass es nicht die Zeit ist, die in Himmelsmechanik die Wunden heilt, sondern auch hier: der Raum, die Garfagnana. Deren Berge sind Barrieren. Schutzwälle gegen den Zugriff der rasenden Zeit. Nur dort, in den Bergen, finden noch Natur, Geschichte, Religion, Kunst und Mythen nebeneinander Platz und stützen den Menschen. Und nur in den Bergen noch hat der Mensch selbst genügend Platz, seine lebensnotwendigen und je speziellen Verschrobenheiten, Flausen und Schrullen zu kultivieren. Der Berg ist bei Maggiani ein Ort für freie Menschen. Daher rührt auch der stellenweise lyrische Ton des Romans. Denn die Freiheit lässt sich am besten verteidigen, indem man sie besingt.

Maximilian Probst

Verliebt und verwirrt

Drei Szenen aus der Wirrnis menschlicher Beziehungen: Nach der Zahlung eines Lösegeldes wird die entführte Frau eines Fabrikanten befreit und zu ihrem Mann zurückgebracht, aber zu seinem größten Erstaunen sieht er, dass es gar nicht seine Frau ist, sondern eine ganz andere, die aber aufs Selbstverständlichste sein Haus betritt. Oder ist er selber unterdessen ein ganz anderer geworden? – Ein Mann ist seiner Frau so häufig untreu, dass sie ihn endlich verlässt. Nun fehlt sie ihm, er sucht sie dringend, und als er sie endlich findet, erkennt sie ihn nicht mehr: "Er ruft ihren Namen. Sie reagiert nicht. Er läuft hinter ihr her. Da dreht sie sich um. Er bleibt wie erstarrt stehen. Er ruft sie noch einmal. Sie schüttelt den Kopf. Nein, sie ist es nicht." – Eine Frau verlässt nach einem Streit das Haus und rennt über die Felder. Im Umdrehen sieht sie von Weitem einen Mann, der auf sie zukommt und den sie für den ihrigen hält. Sie eilt ihm entgegen, um sich mit ihm zu versöhnen. Im Näherkommen erkennt sie, dass es ein Fremder ist, und so versöhnt sie sich mit dem Stellvertreter. "Wir küssten uns und gingen schnell auseinander." – Botho Strauß gilt als schwieriger Autor, aber die Schwierigkeit, ihn zu lesen, besteht nur darin, das Widrige und Verdrängte zuzulassen. Natürlich ist es bequemer, in dem Partner, den man zu kennen glaubt, immer denselben zu erblicken, so wie man ja auch selber immer derselbe ist. Aber man ahnt zuweilen, dass das nicht stimmt, und in diesem von Thomas Hürlimann unter dem Titel Sie/Er zusammengestellten Band der stärksten Erzählungen von Botho Strauß (Hanser Verlag, München 2012, 315 S., 19,90 €) erleben wir die andere Seite scheinbar alltäglicher Paarungen und Entzweiungen. Diese Seite ist manchmal sehr dunkel und manchmal sehr komisch. Und man sieht, je weiter man eindringt in diesen schönen Dschungel von Männern und Frauen und ihren Verwirrungen, welch ein fantasiebegabter und scharfsinniger Erzähler dieser Botho Strauß ist. Es macht Vergnügen, ihm hier erneut zu begegnen. Man fühlt sich danach lebendiger und wacher.

Ulrich Greiner