Martenstein"Er sammelt seit 25 Jahren. Er ist mein Bruder im Geiste"

Harald Martenstein über den Arbeitslosen, der seine Münzsammlung verkaufen musste

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Frauen reden gern. Männer sammeln gern. Jagen und Sammeln, die eigenen Gene unters Volk bringen, Lagerfeuer anzünden und hinterher als Krönung die Sportschau. Was Schöneres gibt es für einen Mann doch gar nicht. Ich habe als Kind Briefmarken gesammelt. Dann Blechspielzeug. Dann Muscheln. Wenn jemand das spießig findet, ist mir das so was von egal. Ihr seid doch alle selber Spießer, bloß, ihr seid Spießer ohne Muscheln. Mein Großvater war Bankbote und hat sich immer die 5-Mark-Sondermünzen besorgt, er hatte da als Bankangestellter ein Vorkaufsrecht. Die Münzen hat er dann seinem Enkelchen geschenkt. Eine vollständige Sammlung, bis 1995, sein Todesjahr. Vor ein paar Jahren wurde bei mir eingebrochen, die Einbrecher haben die Münzsammlung gestohlen. Ich hatte keine Ahnung, was sie wert war. Ist auch egal. Verkauft hätte ich sie sowieso nie, außer im Falle des drohenden Hungertodes.

Vor ein paar Tagen habe ich was über die Münzsammlung eines Ingenieurs gelesen, er wohnt in Hannover. Er ist mein Bruder im Geiste. Er sammelt seit 25 Jahren, auf diese Weise sind 240 Münzen zusammengekommen. Er hat dafür im Lauf der Zeit 27.000 Euro ausgegeben. Nun wurde der Mann arbeitslos und hat, vermutlich aus Altersgründen, keinen neuen Job gefunden. Ein Gericht hat entschieden, in letzter Instanz, dass er nur dann Hartz IV kriegt, wenn er vorher seine Münzen verkauft.

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Der Verkauf brachte 21.000 Euro. Bei den Briefmarken-, Modelleisenbahn- oder Kronkorkensammlungen geht der Staat genauso vor, sofern die Sammlung ein bisschen was wert ist. Alle alten Kerle, die arbeitslos werden, müssen ihre Sammlungen verkaufen. In so einem Land leben wir. Da steckt das halbe Leben von einem alten Kerl drin. Darauf ist er stolz. Das ist sein Hobby. Das tröstet ihn vermutlich über die Demütigung der Entlassung hinweg, wenigstens hat er noch seine geliebten Kronkorken.

Genauso gut könnte der Staat von ihm verlangen, dass er, zur Strafe für die Entlassung, seine zwanzig Jahre alte Lieblingsweste weggeben muss. Wenn er einen wertvollen Hund hat – muss er den auch verkaufen? Dürfen die arbeitslosen alten Kerle ohne Münzsammlung demnächst auch keine Sportschau mehr kucken? So eine Sammlung ist als Wert überhaupt nicht mit Aktien oder Gold vergleichbar, eine Sammlung ist keine Geldanlage, sondern Teil der Persönlichkeit. Außerdem, die Ersparnisse, die der Staat einem armen Teufel wegnimmt, damit der Staat weniger Hartz IV zahlen muss, genau dieses Geld muss er dann später genau diesem armen Teufel zahlen. Unser Staat ist nämlich ein gigantisches Pumpwerk, dauernd wird bei dir irgendwo Geld abgesaugt und anderswo hingepumpt, ein Kreislauf, aus deiner Jackentasche saugen sie es heraus, in deine Westentasche pumpen sie es hinein, Hauptsache, es gibt was zu verwalten.

Mein Großvater hatte noch eine Leidenschaft, er hat Eislöffelchen aus Plastik gesammelt. Von dem Tag an, als bei uns die erste italienische Eisdiele aufmachte, hat er sämtliche Löffelchen aufgehoben, erstaunlicherweise sieht keines aus wie das andere. Ich habe sie geerbt. Es ist vermutlich die größte Eislöffelchensammlung der Welt, Zeitraum: 1955 bis 1995, und die Einbrecher haben sie übersehen, als sie die Münzsammlung gestohlen haben. Falls ich mal arbeitslos werde und falls der Staat auf die Idee kommt, mir die Eislöffelchensammlung meines Großvaters wegzunehmen, dann, und nur dann, werde sogar ich zum Mittel des bewaffneten Widerstands greifen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leserkommentare
    • Meykos
    • 28.06.2012 um 8:48 Uhr

    Danke mal wieder. Die meisten Münzsammlungen sind wohl leider eher wertlos und so sammeln viele Alte dann gezwungener maßen andernorts weiter:

    "Zerbröselter Zwieback. Er begutachtete den Inhalt der durchsichtigen Tüte von allen Seiten und legte sie dann behutsam auf den feuchten Seitenrand der Mülltonne. Es nieselte leicht und der alte Herr trug, ebenso wie der Zwieback, einen durchscheinenden, zerknitterten Umhang aus Plastik.

    Außerdem hatte er einen abgegriffenen, sich gabelnden Stock dabei, den er so geschickt eingeklemmt hatte, dass das Zufallen des Deckels zuverlässig verhindert wurde. „Professionell“, dachte ich. Er tauchte mit beiden Händen nochmals tief in die Tonne hinein..."

    http://meykosoft.jimdo.co...

    • Mari o
    • 28.06.2012 um 8:59 Uhr

    unser Kolumnist fordert zum bewaffneten Widerstand auf.
    ja ja ja ich weiß,nicht direkt... aber ich habe verstanden ;)

  1. …der MAF (Martenstein-Armee-Fraktion)
    ;-)

    3 Leserempfehlungen
    • Kometa
    • 28.06.2012 um 11:53 Uhr

    Woher mag Kolumnist Martenstein das Recht auf "bewaffneten Widerstand" herleiten? Aus den Ecken der Schublade mit den angesammelten Eislöffeln? Dort ganz tief in seinem Gemüt explodiert seine aufgestaute soziale Existenz, der Koexistenz von Großvater-Liebe und experimenteller Plastik-Behauptung?

    Auf den Widerstandartikel im GG kan er sich nicht berufen, auf den nicht in Anspruch genommenen Artikel 20 GG:
    (1) Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.
    (2) Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt.
    (3) Die Gesetzgebung ist an die verfassungsmäßige Ordnung, die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung sind an Gesetz und Recht gebunden.
    (4) Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.

    Soweit zu dem arg nachrangiggen, wohl nie einlösbaren Widerstandsrecht im demokratischen Vollrechts-Staat - allen kryptischen Widerstandsvollstreckern oder -opportunisten in den Kommentar auf eine Glosse geschrieben.
    Die anderen Revoluzzer, die ihr Moment des Widerstandsaktes nicht schriftlich ankündigen, sind ohnehin nicht zu erreichen. - Am Horizont der Bildung bedroht ein geflügeltes Wort die actio: Silent leges inter arma. (Cicero, Rede für Mila [und andere Pseudopazifisten])

  2. I woher denn, bei bewaffnetem Widerstand geht man in den Knast und ist auch noch moralisch der Böse.

    Hungerstreik ist besser. Behörden hassen solche Schlagzeilen, Zeitungen lieben sie (leider erst ab dem 30 Tag ...), der Figur tuts auch gut ;-) und letztlich: Wer so was macht, muss gefühls-/bauchmässig (und das ist heutzutage das entscheidende) ja wohl moralisch im Recht sein.
    Das Ganze noch in Verbindung mit Eislöffelchen - da können Grass, Wallraff und Co. einpacken.

    Und wenn Sie dann zudem nach einer Woche merken, dass Sie nach einem Anfangserfolg von 5 kg kaum noch abnehmen, haben Sie auch zusätzlich die Sinnlosigkeit aller Diätmethoden kapiert.
    (Noch ein Smiley zum Schluss, damit ab morgen nicht 100 Hungerstreik-Blogs aufmachen!)

  3. Herr Martenstein,
    Die Berichterstattung aus ihrem Leben fasziniert mich immer
    mehr.
    Woher haben Sie die Gnade diese köstlichen Worte und
    Sätze in dieser Art und Weise vollziehen zu können?
    Sind Sie ein Überflieger der Journalistik?

    Manchmal denke ich über mich,so zu sein wie Martenstein,
    bringt sehr viel Glückseligkeit herein.

    Eine Leserempfehlung
    • alinde
    • 30.06.2012 um 8:02 Uhr

    Ich verstehe das alles nicht. Das Thema beschäftigt mich seit langem. Im Ort gegenüber wohnt die völlig unfähige Tochter reicher Eltern. Diese hinterließen ihr ein großes Vermögen und ein großes Haus. Das Vermögen ist hin, sie konnte damit nichts anfangen außer ausgeben. Das Haus ist noch da. Es wurde ihr nicht weggenommen, es gehört ihr noch. Sie kann es sogar vererben. Es ist die eigengenutzte Immobilie. Sie bezieht seit vielen Jahren ALG. OK - wo sollte sie auch hin, dann muss der Staat ja eine Wohnung bezahlen. Wieso aber kann der erwähnte Herr nicht seine Münzen behalten? Aber egal ob unfähig, ob jmd. sein Vermögen "durchbringt" oder unverschuldet verarmt: Die Freibeträge bei "Harz 4" sind erheblich geringer als beim Erben. Darüber schon mal nachgedach? Warum eigentlich?
    Habe eine (wahrscheinlich wertlose) Münzsammlung. Gebe die gerne für den betr. Herren. Und sammele künftig auch Eislöffel. Die werfe ich eines Tages den Sozialpolitikern an den Kopf.

    Eine Leserempfehlung
  4. exzellente Beobachtung und Stellungnahme - Danke!

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