Seit sechs Jahren veröffentlicht das IT-Unternehmen IBM zum Jahresende eine Vorhersage zu den fünf wesentlichen Technologietrends unter dem Titel 5 in 5. In der aktuellen Vorhersage vom Dezember vergangenen Jahres lautet Trend Nummer drei: »Gedankenlesen ist nicht länger Science-Fiction.« In einem kurzen Video zum Thema wird erläutert, wie das Unternehmen daran forscht, das menschliche Gehirn mit technischen Geräten wie dem Computer oder dem Smartphone zu verbinden, sodass der Mensch keine Tasten mehr drücken muss, um einen Befehl in den Computer einzugeben oder einen anderen Menschen zu kontaktieren. »Du musst nur daran denken, jemanden anzurufen, und schon passiert es.«

Wenn diese Prognose zutrifft, dann steuern die Menschen ihre Maschine künftig durch Gedanken. Dann entfallen immer mehr Schnittstellen zwischen menschlichem Körper und dem Computer, bis hin zu der Möglichkeit, miniaturisierte Maschinen direkt in den menschlichen Körper zu implantieren. Das amerikanische Unternehmen Applied Digital Solutions hat längst einen implantierbaren »Verichip« entwickelt, der durch RFID-Technologie funktioniert – also die Verortung von Menschen und Gegenständen mittels elektromagnetischer Wellen möglich macht. Der Chip kann zum Beispiel in Herzschrittmacher eingebaut werden, um per Ferndiagnose zu überwachen, ob sein Träger in Ohnmacht gefallen ist. Leicht lässt sich ein solcher Chip auch mit GPS-Technologie erweitern. Er könnte dann jederzeit den Aufenthaltsort und den Bewegungsradius eines Menschen oder eines Tieres nachvollziehen.

Wir können also künftig nicht nur unsere Brille kontaktieren, um zu fragen‚ wo jemand steckt, und die Brille antwortet unmittelbar mit den detailgenauen Angaben des aktuellen Aufenthaltsorts. Wir könnten beispielsweise auch Haustiere, Kinder oder Partner mithilfe dieser Chiptechnologie in die ferngesteuerte Sicherungsverwahrung nehmen – eine Tatsache, die unter dem Begriff barcoding humans bereits harsche Kritik hervorgerufen hat.

Wem das noch zu sehr nach Science-Fiction klingt, der muss nur die in letzter Zeit präsentierten technologischen Entwicklungen im Bereich der »Augmented Reality«, der erweiterten oder angereicherten Wirklichkeit Revue passieren lassen, um zu verstehen: Hier ist längst etwas im Gange, das auf die schrittweise, aber kontinuierliche Verschmelzung von menschlichem Körper und Geist mit der Maschine hinausläuft. Das reale Leben in der analogen Welt und das virtuelle Leben in der digitalen Welt werden dadurch weiter zusammenwachsen.

Der von Google kürzlich vorgestellte Prototyp einer Internetbrille, die hilfreiche Informationen direkt über die Brillengläser ins Gesichtsfeld des Trägers projiziert, ist ein erster Schritt. Mit den »Google Glasses« kann der Träger schon auf der Treppe zur U-Bahn sehen, dass die Linie derzeit eingestellt ist, und sogleich schlägt die Brille eine Alternativroute vor. Sie soll Fotos und Videos machen können, und auch ein Telefonat inklusive Video wird möglich sein. Wenn der Partner dann gerade in Rio am Strand weilt, schaltet er einfach auf »teilen«, und man kann den Sonnenuntergang zusammen genießen.

Das Projekt »Armura«, das an der Carnegie Mellon University vorangetrieben wird, geht in eine andere Richtung. Es setzt auf die Spieletechnologie, die es dem Spieler erlaubt, den Spielverlauf durch Gesten zu steuern. Wenn wir künftig ein Einkaufszentrum betreten, werden wir durch ein Netz von Infrarotstrahlen überzogen, das alle unsere Bewegungen registriert. An der Decke montierte Kameras sollen dann ein Display auf die Handfläche projizieren, über das wir etwas im Netz suchen, einen Musiktitel auswählen oder gar telefonieren können. Hier verzichtet die Technik ganz auf zwischengeschaltete Geräte, der menschliche Körper selbst wird zum Joystick.

Aber vielleicht müssen wir gar nicht immer die Technik an oder in unserem Körper mitdenken, um zu verstehen, wie sich unsere Interaktion mit der Welt durch sie verändert. Manches geschieht auch durch die Steuerungsmechanismen im Netz, die für uns unsichtbar sind. Wer immer heute etwas im Internet sucht, bekommt in der Regel individualisierte Ergebnisse. Dabei werden vorherige Suchanfragen mit den Daten, die ansonsten im Internet über die Nutzer kursieren, kombiniert, ausgewertet, gewichtet und weiterverarbeitet. Jeder bekommt die Suchergebnisse aufgelistet, die am besten zu seinen bisherigen Präferenzen passen. So entsteht ein individuelles Profil eines jeden Menschen, das zum Ansprechpartner der Maschine und in der Folge auch zum Gesprächspartner anderer Menschen wird.