Computer-FortschrittMensch wird Maschine

Wie lange unterscheiden wir uns noch vom Computer? von Miriam Meckel

Seit sechs Jahren veröffentlicht das IT-Unternehmen IBM zum Jahresende eine Vorhersage zu den fünf wesentlichen Technologietrends unter dem Titel 5 in 5. In der aktuellen Vorhersage vom Dezember vergangenen Jahres lautet Trend Nummer drei: »Gedankenlesen ist nicht länger Science-Fiction.« In einem kurzen Video zum Thema wird erläutert, wie das Unternehmen daran forscht, das menschliche Gehirn mit technischen Geräten wie dem Computer oder dem Smartphone zu verbinden, sodass der Mensch keine Tasten mehr drücken muss, um einen Befehl in den Computer einzugeben oder einen anderen Menschen zu kontaktieren. »Du musst nur daran denken, jemanden anzurufen, und schon passiert es.«

Wenn diese Prognose zutrifft, dann steuern die Menschen ihre Maschine künftig durch Gedanken. Dann entfallen immer mehr Schnittstellen zwischen menschlichem Körper und dem Computer, bis hin zu der Möglichkeit, miniaturisierte Maschinen direkt in den menschlichen Körper zu implantieren. Das amerikanische Unternehmen Applied Digital Solutions hat längst einen implantierbaren »Verichip« entwickelt, der durch RFID-Technologie funktioniert – also die Verortung von Menschen und Gegenständen mittels elektromagnetischer Wellen möglich macht. Der Chip kann zum Beispiel in Herzschrittmacher eingebaut werden, um per Ferndiagnose zu überwachen, ob sein Träger in Ohnmacht gefallen ist. Leicht lässt sich ein solcher Chip auch mit GPS-Technologie erweitern. Er könnte dann jederzeit den Aufenthaltsort und den Bewegungsradius eines Menschen oder eines Tieres nachvollziehen.

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Wir können also künftig nicht nur unsere Brille kontaktieren, um zu fragen‚ wo jemand steckt, und die Brille antwortet unmittelbar mit den detailgenauen Angaben des aktuellen Aufenthaltsorts. Wir könnten beispielsweise auch Haustiere, Kinder oder Partner mithilfe dieser Chiptechnologie in die ferngesteuerte Sicherungsverwahrung nehmen – eine Tatsache, die unter dem Begriff barcoding humans bereits harsche Kritik hervorgerufen hat.

Miriam Meckel
Miriam Meckel

Wem das noch zu sehr nach Science-Fiction klingt, der muss nur die in letzter Zeit präsentierten technologischen Entwicklungen im Bereich der »Augmented Reality«, der erweiterten oder angereicherten Wirklichkeit Revue passieren lassen, um zu verstehen: Hier ist längst etwas im Gange, das auf die schrittweise, aber kontinuierliche Verschmelzung von menschlichem Körper und Geist mit der Maschine hinausläuft. Das reale Leben in der analogen Welt und das virtuelle Leben in der digitalen Welt werden dadurch weiter zusammenwachsen.

Der von Google kürzlich vorgestellte Prototyp einer Internetbrille, die hilfreiche Informationen direkt über die Brillengläser ins Gesichtsfeld des Trägers projiziert, ist ein erster Schritt. Mit den »Google Glasses« kann der Träger schon auf der Treppe zur U-Bahn sehen, dass die Linie derzeit eingestellt ist, und sogleich schlägt die Brille eine Alternativroute vor. Sie soll Fotos und Videos machen können, und auch ein Telefonat inklusive Video wird möglich sein. Wenn der Partner dann gerade in Rio am Strand weilt, schaltet er einfach auf »teilen«, und man kann den Sonnenuntergang zusammen genießen.

Das Projekt »Armura«, das an der Carnegie Mellon University vorangetrieben wird, geht in eine andere Richtung. Es setzt auf die Spieletechnologie, die es dem Spieler erlaubt, den Spielverlauf durch Gesten zu steuern. Wenn wir künftig ein Einkaufszentrum betreten, werden wir durch ein Netz von Infrarotstrahlen überzogen, das alle unsere Bewegungen registriert. An der Decke montierte Kameras sollen dann ein Display auf die Handfläche projizieren, über das wir etwas im Netz suchen, einen Musiktitel auswählen oder gar telefonieren können. Hier verzichtet die Technik ganz auf zwischengeschaltete Geräte, der menschliche Körper selbst wird zum Joystick.

Aber vielleicht müssen wir gar nicht immer die Technik an oder in unserem Körper mitdenken, um zu verstehen, wie sich unsere Interaktion mit der Welt durch sie verändert. Manches geschieht auch durch die Steuerungsmechanismen im Netz, die für uns unsichtbar sind. Wer immer heute etwas im Internet sucht, bekommt in der Regel individualisierte Ergebnisse. Dabei werden vorherige Suchanfragen mit den Daten, die ansonsten im Internet über die Nutzer kursieren, kombiniert, ausgewertet, gewichtet und weiterverarbeitet. Jeder bekommt die Suchergebnisse aufgelistet, die am besten zu seinen bisherigen Präferenzen passen. So entsteht ein individuelles Profil eines jeden Menschen, das zum Ansprechpartner der Maschine und in der Folge auch zum Gesprächspartner anderer Menschen wird.

Leserkommentare
  1. ...aber hier kann man ihn wenigstens kommentieren :-)
    Zitat:
    "Das amerikanische Unternehmen Applied Digital Solutions hat längst einen implantierbaren »Verichip« entwickelt, der durch RFID-Technologie funktioniert – also die Verortung von Menschen und Gegenständen mittels elektromagnetischer Wellen möglich macht.
    ....
    Leicht lässt sich ein solcher Chip auch mit GPS-Technologie erweitern. Er könnte dann jederzeit den Aufenthaltsort und den Bewegungsradius eines Menschen oder eines Tieres nachvollziehen."

    Der Verichip ist nichts anderes als das elektronische Äquivalent eines tätowierten Barcodes, hat also NIX mit Schnittstelle zu tun, aber erst beim zweiten Teil wird es haarig:
    GPS ist KEINE PASSIVE TECHNIK, und GPS-Empfänger SENDEN NICHT.
    Man braucht eine (nicht kleine) Antenne und eine Batterie, das ganze hat dann ungefähr die Größe eben eines Herzschrittmachers und dann hat man einen Positionslogger (der so 1 Monat lang tut), den man dann erstmal auslesen müsste (z.B. mit Nahfunk). Soll das Ding dauerhaft senden braucht es noch ein Mobiltelefonmodul, dem der Saft nach einer Woche ausgeht.

    Den Verichip kann man mit einer dicken Injektionsnadel implantieren und er voll passiv, braucht also KEINE Batterie.

    Äpfel und Birnen...

  2. Der Teil über den Bubble-Effekt ist dann recht ordentlich.

    Dann wird es wieder schwammiger:
    Zitat:
    "Der ehemalige Google-Chef Eric Schmidt hat das auf den Punkt gebracht: »Wir wissen immer, wo du bist. Wir wissen, wo du warst. Wir wissen mehr oder weniger, was du denkst.«"

    Quatsch.
    Wenn ich mich bei Google einlogge, ja vielleicht (wenn man auch Aussagen von Chefs über die Macht der eigenen Firma mit ordentlich Salz geniessen sollte).

    Wenn ich mich NICHT einlogge wissen die Jungs maximal was eine bestimmter IP so macht...
    ...und es hat seinen Grund warum ich auf die virtuelle Sklavenkette (aka Smartphone) verzichte (ohne das ich deswegen traurig im Abseits stehe)

    Im ganzen spricht der Artikel wichtige Themen an, leidet aber unter der Oberflächlichkeit der Autorin.

  3. Es werden zwar immer mehr Menschen kurzsichtig, weil sich die Augäpfel an die Arbeit vor Computerbildschirmen anzupassen beginnen, aber als jemand, der selbst bisher keine Brille benötigt, werde ich mir gewiss keine affige Google-Brille aufsetzen. Ich möchte doch sehr bezweifeln, dass die "Google-Goggles" über den Status eines überteuerten Gadgets hinauskommen.

    Das ändert natürlich nichts am grundsätzlichen Problem, das auch ganz ohne Science fiction (Gedanken lesen etc pp) bereits heute besteht: Nämlich dass im Internet zunehmend eine Vorselektion von Information stattfindet, die letztlich von kommerziellen Interessen geleitet ist. Inzwischen wird ja selbst unser Sozialleben kommerzialisiert. Es gab dazu übrigens unter dem Namen 'What they know' vor einiger Zeit eine ganz vorzügliche 15teilige Artikelserie im Wall Street Journal, die inzwischen zu einer kompletten Rubrik ausgewachsen ist:

    http://online.wsj.com/public/page/what-they-know-digital-privacy.html?mo...

    • -lupo-
    • 05. Juli 2012 11:52 Uhr

    ...sie werden assimiliert werden, Widerstand ist zwecklos!"

    Orwell ist out! Star Trek hat die aktuelleren Visionen.

  4. Es ist immer schön wie wiele Schlaumeier sich doch so fachkundig zu Wort melden um einen Autor zu verreissen.
    Sinn dieses Artikels ist nicht die fehlerfreie Vorhersage welche einzelnen technischen Entwicklungen auf uns zukommen und wie sie genau funktionieren.
    Es geht um die systematische, für uns teilweise ubewusste Einengung unseres Informations- und Bildungsradius, was mit dem Begriff Weltkurzsichtigkeit sehr gut umschrieben ist.
    Auch wenn man die Google Brille nicht kauft, die Entwicklung wird in diese oder eine ähnliche Richtung gehen ob meinem Vorschreiber das passt o. nicht. Und ob der Chip jetzt auf abc oder def Basis arbeitet ist letztlich unerheblich.

  5. "Wie lange unterscheiden wir uns noch vom Computer?"

    Auf immer und ewig. Neuartige Wege mit Maschinen zu kommunizieren machen uns kein bisschen mehr wie Maschinen.
    Ich verstehe den Zusammenhang zwischen dieser Überschrift und dem Artikel nicht.

  6. dass wenn es nicht genug Menschen auf der Welt gibt, die wo mit erhobenem Zeigefinger uns alles erklären tun, wir alle sterben. (Gemeint in Hinblick auf die Kommentare als auch auf den Artikel.)

  7. Ich als medial veranlagter Mensch brauche dafür keinen Computer, werde aber von dem Großteil aller lieben Mitbürger verhohnt aufgrund meiner besonderen Gabe. Können die das? Sie glauben es nicht.
    Aber an Computer und Gedankenlesen glaubt man.-
    Das ist wirklich lächerlich.

    An sich wird eines Tages die Maschine beschliessen, den Menschen abzuschaffen: Die Tragödie ist nur, der Mensch wird dann die Maschine (auf Umwegen) dazu programmiert haben.

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