Alexander PereiraDer Zirkusdirektor

Wann ist eine Ära eine Ära? Nach 21 Jahren wechselt Alexander Pereira vom Züricher Opernhaus zu den Salzburger Festspielen.

Alexander Pereira in Salzburg

Alexander Pereira in Salzburg

Groß ist es nicht, das Büro des Intendanten, und bei Weitem nicht so prinzipalisch, wie man es sich vorstellt, aber groß ist im Leberkäse gar nichts. »Leberkäse« nennen die Züricher den fleischfarbenen Achtziger-Jahre-Anbau, der von zwei Seiten ihr klassizistisches Opernhaus umfasst und neben der Direktion und Verwaltung auch Teile der Werkstätten beherbergt. Die Maske zum Beispiel, die im Erdgeschoss zum Utoquai hin ihre Räume hat und unfertige Perücken gern aufs Fensterbrett stellt: Kahle, oft nur mit strunkigen Haarbüscheln bepflanzte Pappmascheeköpfe, in denen riesige Nadeln und andere Folterinstrumente stecken. Wie bei einem Voodoozauber gegen das Decrescendo, das nicht zu leugnen ist.

Denn die großen Zeiten der kleinen Züricher Oper sind vorbei. Eine Besucherauslastung von 77,7 Prozent, 2011 sogar ein Defizit von fünf Millionen Franken, dazu eine notorisch maulende Presse: Das erinnert an die Zustände von 1991, als Alexander Pereira die Leitung des Hauses übernahm, um es in einer beispiellosen Volte nicht nur ökonomisch zu sanieren, sondern auch künstlerisch mit einem Glanz zu überziehen, der selbst München, Wien und Mailand ziemlich alt aussehen ließ.

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Was lief seitdem falsch an der Falkenstraße und wie lange schon? Warum ist Pereira nicht gegangen, als es am schönsten war? Diesen Sommer wechselt er als Festspielchef nach Salzburg, im dritten Anlauf, einen »Luftsprung« habe er gemacht, als das Telefon klingelte, und allen typisch österreichischen Schlechtwetterorakeln zum Trotz wird er sein neues Amt wohl auch antreten. Leidenschaftliche zwölf Minuten am Stück kann der 64-Jährige sein Leib- und Magenthema referieren, welches ihn mit dem Festspiel-Kuratorium gerade heftig entzweit, Rücktrittsdrohungen inklusive: die Tariferhöhungen, die nicht nur Salzburg in drei Jahren, sondern über kurz oder lang der gesamten deutschsprachigen Theaterlandschaft den Garaus bereiten werden. Die Politik kann die alljährlichen Lohnsteigerungen nicht weiter bezahlen, und in den Institutionen nagen die steigenden Fixkosten längst am Eingemachten, an der Kunst. Sind wir mit unserer Kultur am Ende?

Alexander Pereira

wurde 1947 als Sohn eines österreichischen Diplomaten mit portugiesischen Vorfahren in Wien geboren. Ehe er sich der Kunst widmete, hatte er sich dem Handel verschrieben – als Verkäufer und Filialleiter der Firma Olivetti. Seinen Ruf als Kulturmanager erwarb er sich in Frankfurt (bei den Bachkonzerten), Wien (beim Musikfest der Wiener Festwochen) und Zürich (wo er 1991 Intendant des Opernhauses wurde). Im Jahr 2005 hätte er Intendant der Mailänder Scala werden können, lehnte dies aber ab. Dem Ruf aus Salzburg indes folgte er: Am 20. Juli beginnt die erste Festspielsaison unter Pereiras Leitung

Horrorszenarien wie diese lassen Pereira, den »Wirbelwiener«, den »Kasper« (so nennt er sich selbst), zu Höchstform auflaufen. Denn er hat ein Credo, ein Rezept, für Zürich, für Salzburg, für alle, das vielleicht nur deshalb unseriös wirkt, weil es kaum mutige Nachahmer gefunden hat: Spare nie, ohne zu investieren, lautet dieses Rezept. Wirtschaftlich klingt das vernünftig. Wenn sich heutige Theater schon unternehmerisch gebärden müssen, warum dann nicht offensiv? Glauben wir immer noch an ein staatlich abgesegnetes Reinheitsgebot der Kunst? Pereira, der aus dem Marketing kommt und am liebsten Sänger oder Dirigent geworden wäre, hat nie daran geglaubt. Vielleicht tut man dem für seine kreative Nähe zur Privatwirtschaft viel Gescholtenen also unrecht. Vielleicht hat er die Visionen, und der Rest der Branche ist einfach nur bockig, verkrustet und verklemmt.

Als wolle er das Klischee des raffgierigen Society-Löwen noch unterstreichen, beginnt Pereira vom »Weltunternehmen« Salzburg zu schwärmen und von künftigen Public Private Partnerships bis nach Honolulu und Shanghai. Mit Zahlen jongliert er wie Mozart mit den Koloraturen der Königin der Nacht, und selbst die alte Olivetti-Geschichte gibt er immer wieder gern zum Besten: Wie er als Reiseschreibmaschinenvertreter Klinken putzte und schneller zum Hintertürl wieder hineinschlüpfte, als man ihn vorn hinausgeworfen hatte. Da habe er gelernt, dass man Ablehnung nicht auf sich beziehen dürfe: »Viele Menschen nehmen mich überhaupt nur ernst, weil sie merken, dass ich alles riskiere, um alles zu gewinnen oder alles zu verlieren.«

Das sagt er nicht im Motivationstrainerton, sondern ganz treuherzig, überhaupt hat der Mann mit dem lebenslangen Seitenscheitel viel Charme, wenn er will. Toni Gradsack, seit 17 Jahren Pereiras Casting-Direktor, formuliert das mit dem Gewinnen und dem Verlieren etwas handfester: »Wer so lange Zürich gemacht hat, den bringt nichts mehr um.«

Wer dieser Tage eine Züricher Repertoire-Vorstellung besucht, gewinnt freilich den Eindruck, dass Pereira am Ende seiner Amtszeit nahezu alles wieder verloren hat und dass ihn die ewige Geldbettelei, das immer haarigere ökonomische Navigieren in einer Weise ausgesaugt haben, die der Kunstpflege nicht zuträglich ist. Das eine schließt das andere eben doch aus, und eine Figur wie Pereira tut sich mit dieser Wahrheit schwer.

Was treibt ihn im Kern, weiß er das? »Wenn es um die innersten konzentrischen Kreise geht, dann gibt es da vielleicht die Liebe zu Gott, die Liebe zu einem anderen Menschen und, weil die nicht immer gelingt, die Liebe zur Musik. Ich habe mein Hobby zum Beruf machen dürfen, das ist ein großes Glück.« Plötzlich schaut Pereira ganz weich und dankbar drein, wie ein Kind, dem eine Stehplatzkarte geschenkt wurde. Wie jemand, der ganz vergessen hatte, wie sich solche Sätze im eigenen Mund anfühlen.

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