Das Foto erzählt die ganze Geschichte. Es zeigt den jubelnden Gauck, er ist umringt von jubelnden Spielern des Klubs Borussia Dortmund. Die feiern natürlich nicht seinetwegen: Sie feiern ihren Pokal-Erfolg , in Berlin , im Mai dieses Jahres. Und dennoch hat das Bild einen Zauber. Denn in ihm steckt eine romantische Botschaft – dass 25-jährige Fußballer aus dem Ruhrgebiet mit diesem Großvater aus Rostock tanzen, das ist doch erhebend.

Die Kunde dieses Fotos lautet: Der Osten ist jetzt mittendrin! Er gehört zu diesem Land, so sehr wie nie zuvor! Und auch der Osten selbst will endlich ganz und gar dazugehören. Es ist kein Zufall, dass die Republik nun einen Präsidenten hat , der aus Mecklenburg stammt. Und der das auch noch ständig betont, mit seinen Reden von der Freiheit .

»Osten«, dieses Wort, war lange von fadem Geschmack. Das ist jetzt nicht mehr so. Denn da ändert sich etwas in der Westsicht auf den Osten und in der Sicht des Ostens auf sich selbst: So viele Bürger zwischen Rostock und Dresden sind heute Menschen voller Zuversicht. Sie haben wenig Ängste, dafür aber ziemlichen Mut. Sie wissen: Fast alles wird gut. Denn sie haben die Brüche schon lange erlebt, vor denen der Westen sich fürchtet.

Für Ostdeutsche ist eine Finanzkrise wirklich kein Weltuntergang. Sondern eine Finanzkrise. Der demografische Wandel ist ihnen keine Horrorvision; sie sind schon lange ziemlich gut darin, ihn einfach zu bewältigen. Die Kita-Plätze, die Kristina Schröder verspricht, haben Wittenberg und Görlitz längst. Im Osten wissen viele: Wir haben manches durchgestanden. Und wir können fröhlich sein über alles, was kommt. Wir fürchten es nicht. Das Wort »Osten« bezeichnet jetzt: die Region der Hoffnung, den Geist des Aufbruchs. Kein Mensch behauptet mehr ernsthaft, das Ziel des Ostens sei Westniveau. In vielen Bereichen, zumal in der Krise, ist Ostniveau die neue Währung. Wer das noch immer nicht glaubt, kann ja Antje Hermenau anrufen.

Die Politikerin stammt aus der Wendestadt Leipzig , 1964 wurde sie dort geboren. Seit 2004 führt sie die Grünen-Fraktion im Landtag des Freistaats Sachsen . »Eines empört mich«, sagt Hermenau: »Dass in der Euro-Krise noch keiner gefragt hat, was man vom Osten lernen kann.« Und wenn schon niemand fragt, sagt sie, dann müssen wir’s eben von uns aus erzählen. Das hat sie sich fest vorgenommen.

Von »Umbruchkompetenz« spricht Matthias Platzeck. Wie nutzt man sie?

Ihr Projekt beginnt mit einem Vergleich, dem Vergleich mit dem Land der Apokalypse. Vieles, sagt Hermenau, habe Griechenland heute gemein mit dem Ostdeutschland der Nachwendejahre. Dann zählt die Grünen-Frau auf: fehlende Kaufkraft? Hatten wir auch. Eine starke neue Währung, zu stark für die Wirtschaft der Region? Massenarbeitslosigkeit? Das gab es auch im Osten mal. »Wir sprechen hier«, sagt Hermenau, »über den Zusammenbruch der staatlichen Strukturen. Über das Ausbluten ganzer Provinzen.« Das, was die Griechen jetzt erleben, haben die Wendebewegten schon erlebt. »80 Prozent der Ostdeutschen mussten ihren Job wechseln nach dem Mauerfall.« Und gleichzeitig weiß man hier, wie wichtig die Solidarität ist: »Der Westen hat uns den Joghurt rübergefahren«, so sagt es Hermenau: Die Hilfe, die der Osten hatte, können Griechen sich nur erträumen.

Wie viel Solidarität muss also sein? Wie können Bürger sich ihren Mut jetzt bewahren? Kann man auch daraus lernen, wie Osteuropa den Aufstieg geschafft hat? Fragen, die Hermenau beantworten möchte. Sie wird deshalb, in Teamarbeit mit Grünen aller neuen Länder, in den kommenden Monaten den Aufbau Ost analysieren. Um daraus Hinweise abzuleiten, die Europa nützen könnten. Ein kleiner Parteitag der Grünen am vergangenen Wochenende hat ihr dazu den Auftrag erteilt.

Die Kraft der "Umbruchkompetenzen"

Es gibt viele Botschaften, die die Ostdeutschen aussenden können. Eine Botschaft an die Griechen etwa: Wenn man den Mut bewahrt, dann kann man vieles schaffen! Aber auch: Uns wurde geholfen, das war sehr gut. Jetzt helfen wir! Mit unserem Wissen. »Wir starten nun alle gemeinsam hinein in ein neues Europa«, sagt Hermenau. Die Ostdeutschen wollen mehr Verantwortung tragen. Sie werden es sicher auch tun.

Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) benennt die Kraft seiner Heimat schon länger mit einem Wort: »Umbruchkompetenz«. Ein Europa im Umbruch wird auf Umbruchkompetenzen nicht verzichten können. Der Westen entdeckt allmählich, dass der Osten gerade solcher Kompetenzen wegen die neue Avantgarde werden kann. In einem Interview sprach Angela Merkel vor nicht langer Zeit vom »Modellcharakter«, den die neuen Länder längst hätten. Weil sie viele Entwicklungen durchlebten, die dem Westen gerade erst blühen. Merkel spielt an auf den demografischen Wandel : Wie geht man damit um, dass das Volk immer greiser wird? Können Dörfer auch ohne Jugend bestehen? Wo man Abwanderung und Geburtenknick schon meistern muss, sind solche Fragen Alltag. Was soll denn die Kirche machen, wenn immer mehr Gläubige sie verlassen: Soll der Pfarrer verzagen und klagen? Oder doch tun, was seine Kollegen im Osten lange schon predigen: Es macht doch gewissen Mut, wie hier die Kirche das Zentrum des Dorfes sein kann. Auch wenn nur wenige sich ihr noch zugehörig fühlen. Dass ausgerechnet in Leipzigs City jetzt eine neue katholische Kirche gebaut wird, eine der größten nach 1990, ist feine Ironie.

»Laboratorium« nennt Astrid Lorenz den Osten. Lorenz, 1975 in Rostock geboren, ist seit 2010 Professorin für Politikwissenschaft in Leipzig. Das Laboratorium Ost, es ist zuständig für die großen Fragen des Lebens: Dreht sich die Erde weiter, wenn es mal weniger fette Jahre gibt? Die Antwort ist Ja; das weiß man in Leipzig besser als in München . »Die Sehnsucht nach Sicherheit in der Krise erklärt auch einen Teil von Joachim Gaucks Popularität im Westen«, sagt Lorenz. »Der hat so viel erlebt, Wandel und Brüche, der kann damit ein Vorbild für ganz Deutschland sein.«

Trotzdem darf man freilich, das sagt auch Lorenz, den schönen Osten nicht verklären. Ein Lob dieser Region? Woche für Woche steht das Gegenteil davon in den Blättern. Die gepriesene Krisenfestigkeit – führt sie nicht zu Gleichgültigkeit? Und damit dazu, dass man sich wesentlich weniger sorgt um den Fortbestand der Demokratie? Dass Sachsen, Thüringer, Brandenburger kaum noch dazu bewegt werden können, an Wahlen teilzunehmen, ist ein Faktum. Und kostet der Osten nicht bis heute viel Geld, profitiert er nicht weiter von den Millionen und Milliarden, die der Westen ihm großherzig schenkt? Während die eigene Wirtschaft dahinvegetiert, allen Aufschwungsmeldungen zum Trotz.

Nur wer Selbstvertrauen hat, kann sich gegen Rechtsextreme wehren

Noch ganz zu schweigen von der finstersten Seite solcher Länder wie Sachsen, dem schaurigen Problem namens Rechtsextremismus . Es ist das Leipziger Land, in dem Nazis ganze Dörfer drangsalieren. Und wer jetzt, zur EM-Zeit, durch sein Chemnitz geht – der sieht wieder manchen, der Patriotismus mit Nationalismus verwechselt.

Und dann erst Zwickau, wo über Jahre niemand bemerkte, wie der »Nationalsozialistische Untergrund« seine Morde plante, die Terrorzelle hatte ihre Heimat dort und in Thüringen . Dieser Terrorismus war und bleibt ein Problem des Ostens. Das zu leugnen wäre gefährlich. Der Tag, an dem sich allmählich zeigte, wie viele Taten dieser »NSU« zu verantworten hat, bedeutet eine Zäsur. Kann vom avantgardistischen Osten schwärmen, wer dessen böse Fratze kennt?

Die Antwort lautet: Darin, dass der Osten Avantgarde wird, liegt die Chance. Denn nur ein selbstbewusster Osten kann auch souverän werden im Umgang mit seinen so schwierigen Problemen. Wer zaudert und sich nicht sicher fühlt, der bringt keinen Mut auf, sich zu Schwächen zu bekennen. Der stellt sich dem Politikverdruss nicht. Und den Nazis erst recht nicht. Ein Osten, der sich seines Könnens bewusst wird, reflektiert auch seine Nöte.

Vor Krisen ist dem Osten nicht bange

Sachsens Regierungschef Stanislaw Tillich ( CDU ) hielt jüngst eine fatale Rede. Er sprach zum Thema »Extremismus«, und schon diese Überschrift war falsch: Die Taten der »NSU«, sagte er – sie hätten gezeigt, wie gefährlich »Extremismus« sei. Von »Rechtsextremismus« mochte er da nicht sprechen. Von einem sächsischen Nazi-Problem erst recht nicht. Da schwingt ein veraltetes Denken mit: Rechts- und Linksradikalismus seien von gleicher Gefährlichkeit. Wer glaubt das noch? Vor allem aber sind solche Reden gespeist von einer Angst: Wenn wir uns eingestehen, ein Problem zu haben, ein Problem von dieser Dimension – dann leidet unser Ruf, und niemand wird uns mehr achten.

Was für ein Fehlschluss! Die Ostdeutschen, wenn sie den Verdruss ablegen, wenn sie spüren, dass jetzt ihr Erfahrungsschatz von Umbruch und Aufbruch wichtig wird – sie werden auch dafür geschätzt werden, dass sie den Kampf führen gegen Rechtsradikale. Wenn sie es mit aller Kraft tun.

Das nötige Selbstbewusstsein zu entwickeln, dafür gibt es ja Grund genug. In mancher Hinsicht erweist sich jetzt, wie richtig der Osten oft liegt. Dass man auf die Arbeitskraft von Frauen kaum verzichten kann – das ist ein Gedanke, den längst fast jeder teilt. Das Zwölf-Jahres-Abitur, das nun republikweit gilt, gab es im Osten schon lange. Thomas de Maizière (CDU) sagte in einem Interview: Die Schulen der neuen Länder seien besser. Auch deshalb schätze er »Nachwuchskräfte aus dem Osten«: »Es gibt dort nämlich wenig Generation Golf, sondern eher eine ganz spezielle Aufstiegsmentalität. Das gilt besonders für junge Frauen.«

Selten gab es so viele Studenten in Leipzig und Jena und Erfurt wie heute. Immer mehr Ostdeutsche machen Karriere in Firmen, Instituten und der Politik. Ein Großteil derer, die in den Westen gegangen sind, kann sich mittlerweile eine Rückkehr gut vorstellen. Schon bald wird die Zahl jener, die nach Thüringen und Sachsen ziehen, größer sein als die Zahl jener, die von dort fortgehen. Binnen wenigen Monaten hat eine Initiative, die Dritte Generation Ostdeutschland heißt und für einen selbstbewussten Osten wirbt, Hunderte Mitglieder gewonnen; die meisten sind Akademiker. Und die junge Band Kraftklub aus Chemnitz bejubelt in Liedern beharrlich ihr »Karl-Marx-Stadt«.

»Die Elitenstrukturen des Landes verändern sich«, sagt Politikwissenschaftlerin Lorenz. »Allmählich haben mehr und mehr Ostdeutsche wichtige Positionen inne.« In den Redaktionen, in den Talkshows, in der Kultur, in der Politik. Auch in der Wissenschaft: In den kommenden Jahren gelangen die um 1990 berufenen Professoren ins Rentenalter. Und machen Jüngeren Platz. Das ist eine Chance. »Gauck und Merkel, das sind die ersten wichtigen Symbole«, sagt Lorenz. Symbole dafür, dass jene gefragt sind, die aus dem Land der Gaucks und Merkels kommen. Dass man nicht mehr fürchten muss, ins Hintertreffen zu geraten. »Man kann da ganz gelassen sein«, sagt Lorenz.

Abertausende in der DDR Geborene leben heute im Westen. Abertausende Westdeutsche leben dort, wo einst die DDR war. Gibt es den Osten eigentlich noch? Vielleicht ist er gar keine Region mehr. Vielleicht ist er mehr ein Gefühl geworden. Das Ostgefühl: dass es immer weitergeht, auch wenn die Welt mal spinnt. Der Osten mag seine Krisen durchleben. Doch vor Krisen ist ihm ja nicht bange.