OstdeutschlandWillkommen in der Krise!

Wenn Unsicherheit um sich greift, werden die neuen Länder zur Avantgarde: Denn dort weiß man, wie sich Umbrüche anfühlen. Jetzt ist die Zeit, vom Aufstieg des Ostens zu erzählen von  und

Joachim Gauck feiert mit den Spielern des BVB

Finden Sie den Ossi: Joachim Gauck jubelt mit den Pokalsiegern aus Dortmund.  |  © Kai Pfaffenbach/Reuters

Das Foto erzählt die ganze Geschichte. Es zeigt den jubelnden Gauck, er ist umringt von jubelnden Spielern des Klubs Borussia Dortmund. Die feiern natürlich nicht seinetwegen: Sie feiern ihren Pokal-Erfolg , in Berlin , im Mai dieses Jahres. Und dennoch hat das Bild einen Zauber. Denn in ihm steckt eine romantische Botschaft – dass 25-jährige Fußballer aus dem Ruhrgebiet mit diesem Großvater aus Rostock tanzen, das ist doch erhebend.

Die Kunde dieses Fotos lautet: Der Osten ist jetzt mittendrin! Er gehört zu diesem Land, so sehr wie nie zuvor! Und auch der Osten selbst will endlich ganz und gar dazugehören. Es ist kein Zufall, dass die Republik nun einen Präsidenten hat , der aus Mecklenburg stammt. Und der das auch noch ständig betont, mit seinen Reden von der Freiheit .

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»Osten«, dieses Wort, war lange von fadem Geschmack. Das ist jetzt nicht mehr so. Denn da ändert sich etwas in der Westsicht auf den Osten und in der Sicht des Ostens auf sich selbst: So viele Bürger zwischen Rostock und Dresden sind heute Menschen voller Zuversicht. Sie haben wenig Ängste, dafür aber ziemlichen Mut. Sie wissen: Fast alles wird gut. Denn sie haben die Brüche schon lange erlebt, vor denen der Westen sich fürchtet.

Für Ostdeutsche ist eine Finanzkrise wirklich kein Weltuntergang. Sondern eine Finanzkrise. Der demografische Wandel ist ihnen keine Horrorvision; sie sind schon lange ziemlich gut darin, ihn einfach zu bewältigen. Die Kita-Plätze, die Kristina Schröder verspricht, haben Wittenberg und Görlitz längst. Im Osten wissen viele: Wir haben manches durchgestanden. Und wir können fröhlich sein über alles, was kommt. Wir fürchten es nicht. Das Wort »Osten« bezeichnet jetzt: die Region der Hoffnung, den Geist des Aufbruchs. Kein Mensch behauptet mehr ernsthaft, das Ziel des Ostens sei Westniveau. In vielen Bereichen, zumal in der Krise, ist Ostniveau die neue Währung. Wer das noch immer nicht glaubt, kann ja Antje Hermenau anrufen.

Die Politikerin stammt aus der Wendestadt Leipzig , 1964 wurde sie dort geboren. Seit 2004 führt sie die Grünen-Fraktion im Landtag des Freistaats Sachsen . »Eines empört mich«, sagt Hermenau: »Dass in der Euro-Krise noch keiner gefragt hat, was man vom Osten lernen kann.« Und wenn schon niemand fragt, sagt sie, dann müssen wir’s eben von uns aus erzählen. Das hat sie sich fest vorgenommen.

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Ihr Projekt beginnt mit einem Vergleich, dem Vergleich mit dem Land der Apokalypse. Vieles, sagt Hermenau, habe Griechenland heute gemein mit dem Ostdeutschland der Nachwendejahre. Dann zählt die Grünen-Frau auf: fehlende Kaufkraft? Hatten wir auch. Eine starke neue Währung, zu stark für die Wirtschaft der Region? Massenarbeitslosigkeit? Das gab es auch im Osten mal. »Wir sprechen hier«, sagt Hermenau, »über den Zusammenbruch der staatlichen Strukturen. Über das Ausbluten ganzer Provinzen.« Das, was die Griechen jetzt erleben, haben die Wendebewegten schon erlebt. »80 Prozent der Ostdeutschen mussten ihren Job wechseln nach dem Mauerfall.« Und gleichzeitig weiß man hier, wie wichtig die Solidarität ist: »Der Westen hat uns den Joghurt rübergefahren«, so sagt es Hermenau: Die Hilfe, die der Osten hatte, können Griechen sich nur erträumen.

Wie viel Solidarität muss also sein? Wie können Bürger sich ihren Mut jetzt bewahren? Kann man auch daraus lernen, wie Osteuropa den Aufstieg geschafft hat? Fragen, die Hermenau beantworten möchte. Sie wird deshalb, in Teamarbeit mit Grünen aller neuen Länder, in den kommenden Monaten den Aufbau Ost analysieren. Um daraus Hinweise abzuleiten, die Europa nützen könnten. Ein kleiner Parteitag der Grünen am vergangenen Wochenende hat ihr dazu den Auftrag erteilt.

Leserkommentare
    • dask
    • 01. Juli 2012 20:02 Uhr

    bis auf eine langanhaltende Strukturkrise, die als Spätfolge eines wirtschafts - und sozialräumlichen Zentralismus gelten kann.

    Daraus erwächst keine Krisen - sondern eine Mangelverwaltungskompetenz.

    Soll uns der Artikel nun auf dies "vorbildliche"^^ Verhalten der ostdeutschen Bevölkerung - sich ohne groß zu murren in den Gegebenheiten einzurichten - einstimmen?

    Sorry, aber ich vermag innerhalb der letzten über 20 Jahre keine grundlegende Abänderung der strukturpolitischen Linie Ost zu erkennen. Habe ich etwas verpasst in Sachen Produktivitätszuwachs, Bevölkerungsentwicklung und demokratischer Partizipation?

    Ach und an die Adresse West: die Standortvorteile in Wessi-Land haben etwas mit der Subventionierung des ehemaligen Frontstaats BRD durch die westl. Alliierten zu tun und einer auf Metropolisierung setzenden Strukturpolitik der alten Länder.
    Das ist das exakte historische Gegenteil von dem was die UdSSR seinerzeit ihren DDR-Vasallenregime als Agenda aufgab.

    Von daher ist mit einer strukturellen Angleichung, bei gleichbleibender Strukturpolitik, auch in hundert Jahren noch nicht zu rechnen.

    Allenfalls im Mangel wird es evtl. eine Angleichung der nicht-metropolitanen Regionen in Ost und West geben.

    Dafür sorgt Merkel ja schon eine ganze Weile.
    Aber wer hat die nach oben gespült?

    Na bitte. Selber schuld. ERst Kohl dann Merkel und dann auch noch jammern über ostdeutsche Mangelwirtschaft, die nun als Krisenkompetenz daherkommen soll?

    Bitte nicht. Danke.

    Dask.

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    "Ach und an die Adresse West: die Standortvorteile in Wessi-Land haben etwas mit der Subventionierung des ehemaligen Frontstaats BRD durch die westl. Alliierten [???] zu tun"

    Wie bitte? Subvention durch die Alliierten. Die Alliierten gaben sich in Westdeutschland als arme Schlucker, die sich fast alles von der Bundesrepublik bezahlen liessen.

    Ueberspitzt: Die BRD hielt oder leistete sich auf eigene Kosten drei Söldnerarmeen samt zugehöriger Luftwaffe und, mindestens auf dem Rhein auch Marine.

    In den ersten Nachkriegsjahren sogar noch mehr: Kanadier, Belgier, Luxemburger.

  1. Ich habe als Teenager die Wendezeit durchgemacht, und erlebe jetzt die Krise in Griechenland. Die Aehnlichkeiten sind gross, die Aussichten aehnlich schlecht und ich weiss, dass sich das Land die naechsten Jahrzehnte sicher nicht davon erholen wird. Wie macht man trotzdem weiter? Man denkt einfach nicht an morgen, hofft, dass man irgendwie durchkommt, und dass der Gedanke, ein Geschaeft zu schliessen und irgendwo neu anzufangen, vielleicht doch gar nicht so erschreckend ist.

  2. Leipzig ist fantastisch. Ich kenne die Stadt aus meiner DDR Zeit; damals war die Stadt eine Bruchbude und man konnte ihren Charme zwar noch ahnen, wußte aber, daß die Abrissbirne kommen würde. Ähnlich in Erfurt vor der Wende: am Stadtrand die Plattenbauseuche während die historische Substanz de facto in sich zusammenfiel; heute ist Erfurt nicht wiederzuerkennen. Von 1987 bis 1996 habe ich zwischen Essen und Düsseldorf gelebt. In Teilen des Ruhrgebiets - v.a. Duisburg, Oberhausen - konnte man etwas erleben, das man unaufhaltsamen Abstieg nennen könnte: die totale innere Auflösung, flankiert von einer Gettoisierung und dem Entstehen von Migrations-Soziotopen. Man muss einmal in Marxloh gewesen sein, um zu verstehen, was in dieser Region passiert...

  3. 44. Quellen

    Frau Professor Dr. Magret Lünenborg von der Freien Universität Berlin hat im Auftrag des Deutschen Fachjournalistenverbandes die Einstellung von Politikjournalisten untersucht und unter anderem herausgefunden, wo sie sich politisch einordnen: 36,1 Prozent stehen keiner Partie nahe, sagen sie. Dann folgenden die Parteien: Grüne 26,9 Prozent, SPD 15,5 Prozent, CSU/CSU 9,0 Prozent, FDP 7,4 Prozent, Linke 4,2 Prozent, Sonstige 0,9 Prozent. Bei einer Wahl, bei der die Unparteiischen als Nichtwähler zu Hause blieben, gäbe das ein folgendes Ergebnis: Grüne 42 Prozent, SPD 24, CDU/CSU 14, FDP 12, Linke 7, Sonstige 1 – also eine Zweidrittelmehrheit für die neue Bundeskanzlerin Claudia Roth mit der SPD als Juniorpartner in einer rotgrünen Koalition.
    http://www.uni-protokolle...

    https://de.wikipedia.org/...

    • msknow
    • 02. Juli 2012 20:38 Uhr

    Manchmal (und das zeigt der Artikel eben) sind Krisen nur deshalb gefürchtet, weil es scheinbar Leute gibt, die es nicht ertragen können, dass die Sonne auch dann noch aufgeht, wenn der Nachbar ein größere Auto fährt. Es ist besser, das Licht anzuschalten, als sich über die Dunkelheit zu beschweren.

    Übrigens glaube ich nicht, dass auch nur ein Westdeutscher, die Einheit zahlt, denn die Steuern sind überall gleich - oder kam bei Ihnen ein Ostdeutscher mit 'ner Waffe vorbei...

    • msknow
    • 02. Juli 2012 21:15 Uhr

    ... hätte etwas wirklich Neues, Dauerhafteres sein können. Aber man wollte nur das Alte bewahren. Und aus Sicht des Dicken aus der Pfalz war es ein ganz individueller Erfolg. Vielleicht ist das unser Problem; dass wir Geschichte daran bewerten, wer die höheren Kathedralen hat.

  4. "Ach und an die Adresse West: die Standortvorteile in Wessi-Land haben etwas mit der Subventionierung des ehemaligen Frontstaats BRD durch die westl. Alliierten [???] zu tun"

    Wie bitte? Subvention durch die Alliierten. Die Alliierten gaben sich in Westdeutschland als arme Schlucker, die sich fast alles von der Bundesrepublik bezahlen liessen.

    Ueberspitzt: Die BRD hielt oder leistete sich auf eigene Kosten drei Söldnerarmeen samt zugehöriger Luftwaffe und, mindestens auf dem Rhein auch Marine.

    In den ersten Nachkriegsjahren sogar noch mehr: Kanadier, Belgier, Luxemburger.

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