StadtentwicklungLiebes Leipzig!

Ein Brief an meine Stadt: Warum ich neuerdings leide an dem Ort, der mir ans Herz gewachsen ist von Robert Schimke

Liebes Leipzig , normalerweise schreibe ich dir keine Briefe, denn in den siebzehn Jahren unserer Beziehung sind wir bislang ohne große Worte miteinander ausgekommen. Ich habe mich auf kleinere, bisweilen pathetische Liebesbekundungen beschränkt, wenn ich Freunden aus anderen Städten von dir erzählt habe. Ansonsten reichten uns Gesten des wortlosen Einvernehmens. Einen echten Grund, über dich zu klagen, hatte ich nie. Manchmal warst du mir zu klein, aber im Wesentlichen war ich überzeugt davon, dass ich in die richtige Stadt gezogen bin, damals, zu Beginn meines Studiums, als mir die Welt offenstand. Doch seit einiger Zeit bin ich unzufrieden mit unserer Beziehung. Ich möchte dir erklären, warum.

Als unser Verhältnis begann, 1995, warst du grau und kaputt. Du warst gerade um Zehntausende Einwohner geschrumpft und verlorst weiterhin welche. Aber du hattest wilde Träume und fandest nichts dabei, deine halbe Innenstadt von einem verrückten Immobilienunternehmer restaurieren zu lassen, der sich Milliardenkredite erschwindelt hatte. Ein anderer Verrückter erwarb aufgegebene Industriegrundstücke im Westen der Stadt und träumte davon, dort Wolkenkratzer zu errichten und zwischen ihnen kleine Boote umherfahren zu lassen. Du warst großspurig und machtest dir nichts daraus, dass einige Menschen darüber lachten. Das fand ich sympathisch. In Spanien , wo ich eine Zeitlang lebte, bevor ich zu dir kam, kannten die Menschen deinen Namen nicht. Doch du bewarbst dich um die Olympischen Spiele . Das hatte Format. Hättest du die Stadien tatsächlich bekommen, von denen du träumtest, ich glaube, es wäre trotzdem noch genügend Platz für einen anderen Traum geblieben.

Anzeige

Der war die Wirklichkeit: Auf den Dächern der Fabrikruinen konnte man picknicken. Unter den Dächern richteten junge Menschen Schallplattenpressen ein, legten Sandstrände an, begannen T-Shirts zu bedrucken oder Ölbilder zu malen. Deine leer stehenden Häuser zogen Studenten aus der ganzen Republik an, deine großen, billigen Wohnungen irgendwann gar Menschen, die sich hier nicht nur austoben, sondern die hier arbeiten, Geld verdienen wollten. Bei alldem wurdest du kein Berlin-Abklatsch, sondern bliebst etwas Eigenes: eine unaufgeregte Heimat, in der die Vergangenheit genauso erlebbar war wie der Aufbruch in eine Zukunft, die von den Ost-Avantgardismen Neuerfindung und Krisengleichmut flankiert wurde. Dieser Traum, dieses Leben, wurde zu deiner Identität. Diese Besonderheit hast du aufgegeben. Warum?

Robert Schimke

1975 in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) geboren, lebt seit 17 Jahren in Leipzig. Bis Mai 2012 war er Chefredakteur des Stadtmagazins Kreuzer.

Ich werfe dir nicht vor, dass du dich verändert hast. Ich bin ja auch nicht mehr der, der ich zu Beginn unserer Beziehung war. Ich habe dir verziehen, dass du deine Innenstadt an Handelsketten verscherbelt hast. Ich war nachsichtig, als du die Plattenbauten am Brühl aus der City räumen ließest. Und ich habe dir nicht die Liebe aufgekündigt, obwohl du es zulässt, dass dein derzeitiger Oberbürgermeister deine größten Probleme einfach weglächelt. Er ähnelt darin dem sächsischen Ministerpräsidenten.

Aber ich verzeihe dir nicht, dass du ihm sein Bekenntnis zur Normalität durchgehen lässt, zu dem, was ist. Er begeht Verrat an deinem Leitmotiv: dem Fantasieren darüber, was du sein könntest. Ich verzeihe dir auch nicht, dass du deinem Baubürgermeister erlaubst, sich in Statistiken zu versenken und dann zu behaupten, das Angebot zentrumsnahen billigen Wohnraums sei immer noch größer als in vergleichbaren Weststädten.

Als ob der Westen der Maßstab wäre! Du wirst doch nicht allen Ernstes wie Hannover werden wollen? Oder wie Düsseldorf , Stuttgart ? Alles schöne Städte. Doch du, Leipzig, warst von allen die schönste in dem Moment, als deine Großspurigkeit unermesslich war wie die Summe deiner leeren Flächen.

Obwohl, vielleicht ist dir dein Leitmotiv gar nicht abhandengekommen. Womöglich ist der Eifer, mit dem deine Lenker früher um Großprojekte gekämpft haben, der gleiche, mit dem sie jetzt versuchen, dich zu einem Normalfall zu machen. Ich glaube, das liegt daran, dass die aktuellen Stadtherren Angst vor Dingen haben, die sie in ihrem früheren Leben nicht kennengelernt haben. Brachen, die einfach so in der Sonne herumliegen, verunsichern sie.

Die sogenannten Aufbauhelfer, die nach der Wende aus dem Westen kamen, waren Abenteurer, im Guten wie im Schlechten. Die Verwaltungsexperten, die heute am Ruder stehen, schämen sich für Baulücken voller Knöterich. Wenn die Lokalzeitung irgendwo einen »Schandfleck« ausmacht, nicken sie eifrig. Sie degradieren die Menschen, die von deinem Vermögen zu träumen angezogen wurden, zu einem Gag des Stadtmarketings, machen sie zu Ingredienzien in einem Angebotsmix, zu einem Standortvorteil. Die Normalisierer haben deine wilde Hefe in säuberlich konfektioniertes Backtriebmittel verwandelt. Den Weg zur Baumwollspinnerei säumen jetzt Werbeschilder für Touristen. Das hättest du nicht zulassen dürfen.

Letztens sprach ich mit einer bekannten Stadtplanerin über meinen Eindruck, dir, liebe Stadt, stehe eine Zeitenwende bevor, du würdest jetzt normal. »Ja«, sagte die bekannte Stadtplanerin mit einem Ton, der wohl bedeuten sollte, dass man den Lauf der Dinge nicht aufhalten könne. Ich war sehr traurig darüber. Leipzig, dein zweiter Name lautet zwar Veränderung. Du hast deine barocke Innenstadt abreißen lassen, als um die vorvergangene Jahrhundertwende die Messepaläste in deine Mitte drängten. Du bist attraktiv geblieben, als zu DDR-Zeiten Taubenzecken deine Dachstühle bewohnten. Du hast deine Seele nicht verloren, als Architekten und Investoren aus dem Westen nach der Wende gläserne Keksrollen an deine Häuser montierten. Aber ob du diese neue Zeitenwende, den Eintritt in die Ära des Normalen überstehst, ohne dran kaputtzugehen, bezweifle ich.

Bitte, liebe Stadt, versteh mich nicht falsch. Ich wusste, dass deine Wohnungen nur vorübergehend so billig sein würden, und ich bin ganz sicher kein Ruinenromantiker. Aber ich sehe, wie viele Menschen deine Unfertigkeit in den letzten Jahren angezogen hat und wie viel Bereitschaft, irgendetwas zu diesem Traum beizutragen und ihn weiterzuerzählen, deine Unfertigkeit bei ihnen ausgelöst hat. Ohne diese fantasiebegabten Menschen wärst du nicht die, die du heute bist. Ich mache mir Sorgen um dich. Du bist gelegentlich als schöne, kluge Frau beschrieben worden, die gezwungen wird, auf den Straßenstrich zu gehen. Damit war gemeint, dass die Stadtherren dich den Investoren unter Wert anpriesen. Doch in letzter Zeit kommst du mir eher wie eine Frau vor, die sich für ihr Aussehen schämt und diese Experten aus dem Privatfernsehen ins Haus lässt, die ihre Haare, ihr Outfit und ihre Einrichtung aufpeppen sollen.

Ich weiß nicht, wie viel Wert du auf meine Liebe legst. Du bist viel größer und älter als ich, und wenn du jedes Gefühl erwidern wolltest, dass dir irgendein Bewohner, auch noch ein Zugezogener, entgegenbringt, hättest du viel zu tun. Aber du sollst wissen: Meine Liebe zu dir ist etwas Ernstes. Okay, ich habe zwischendurch kurz mit Berlin geflirtet, für Hamburg hätte ich dich zeitweise sitzen lassen, und mit Madrid und Barcelona hatte ich sehr ernste, lange Affären. Aber seit Jahren bin ich dir treu. Jetzt ist es an dir, mich nicht zu enttäuschen. Meine Freundin und ich, wir haben hier Kinder bekommen. Ich kann inzwischen mit der Vorstellung leben, dass sie eines Tages den selbstgenügsamen Lokalstolz der Eingeborenen pflegen, der mir immer etwas fremd geblieben ist. Stell mich nicht vor die Wahl, deine Normalität gegen die Normalität einer anderen Stadt einzutauschen.

Ich möchte, dass du dich wieder im Größenwahn übst, dass du der Normalisierung den Kampf ansagst, dich auf die Zeiten besinnst, da du einen Weltmessepalast bauen und Flugzeuge auf dem Dach deines Hauptbahnhofs landen lassen wolltest. Vor allem aber möchte ich, dass du dich zum Unfertigen bekennst, dass du auch mal Nein sagst. Hast du, habe ich etwas davon, wenn ein Investor wieder eine deiner Lücken zukleistert?

Eine deiner schönsten Brachen, sie trägt den Namen Jahrtausendfeld, wird bald verschwinden. Die Stadtverwaltung wollte dort eine dringend benötigte Schule für die Babyboomer der überlaufenden neuen Wohlstandsviertel im Westen bauen – eine würdige Nutzung. Ein Investor war schneller. Warum hast du dich nicht gewehrt?

Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass du mir zuhörst, liebes Leipzig. Du kannst nicht so taub für die Leiden deiner Bewohner sein wie, sagen wir, Moskau oder São Paulo . Denn so groß bist du nicht. Und genau darin liegt meine Sorge begründet. Wenn dort ein Schwarzmarkt einem Investorenbau weichen muss, dann wird es am anderen Ende der Stadt einen neuen Schwarzmarkt geben. Du, mein Leipzig, hast nicht so viele Enden. Deine letzten verfallenen Gründerzeitmagistralen werden gerade wachgeküsst. Wenn entlang dieser Straßen erst einmal dasselbe Einerlei aus Kinder-Secondhandläden und Kult-Spätis zu finden ist wie auf den sogenannten Szenemeilen, wohin soll die Fantasie dieser Stadt dann umziehen? Wo ist dann noch Platz für den Traum von der Leipziger Freiheit? Ich warte auf Antwort, dein Robert.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Polemik. Danke, die Redaktion/ls

  2. Ich bin selbst vor 15 Jahren nach LE (so nennen die Locals ihr Leipzig) gezogen (allerdings aus dem Westen), habe auch Ausflüge und Eskapaden in andere Städte gemacht. ich stimme den Beobachtungen voll zu, würde aber auch die Vermutung anstellen, dass die Stadtoberen diesen Charme nie verstanden und darum nicht gepflegt haben. Leipzigs Grössenwahn war ernst gemeint und nun zeigt sich wie weit man damit in der sächsischen Realität tatsächlich kommt: keine Visionen, keine Lücken, keine Experimente. Und seit der Kunstbetrieb seine rauschenden Feste feierte und nun verkatert und unzurechnungsfähig nach neuen Hypes sucht... auch keine Kunst mehr. Leipzigs grössenwahnhafter Auf- und Umbaurausch der letzten Jahre kam von unten, weil Platz war und weil Zeit war. Beides ist rar geworden. Nun hat sich die kapitalistische Investorenreuse verängt und alle Kreativität gefangen. Leipzig liegt gelähmt im Koma und wird so schnell nicht mehr aufwachen. Ich habe mich nach 15 Jahren entschieden, diese Stadt vorerst zu verlassen. Es ist langweilig geworden und die Aussichten sind verbaut.

    • Opaoma
    • 29. Juni 2012 10:24 Uhr

    Also Ich wohne erst seit 4 Jahren hier, kann deswegen nicht ganz mithalten. Insgesamt kann ich den Artikel jedenfalls gut nachvollziehen, würde aber einiges nicht so pessimistisch sehen. Außerdem denke ich, dass viele der genannten Probleme tatsächlich eher auf allgemeine gesellschaftliche Probleme zurückzuführen sind. Ich glaube leider keine Stadt kann sich gegen die angesprochenen Veränderungen 100 oder auch nur 80 %ig wehren, siehe Hamburg und viele andere. Umso wichtiger natürlich Ihr Aufruf!

    Ist denn das jetzt fix, mit dem Jahrtausendfeld? Hier steht noch es werden die Gymnasien gebaut: http://www.lvz-online.de/leipzig/citynews/stadtrat-leipzig-beschliesst-s...

  3. Als Deine kleine Schwester Halle - nur ein paar Kilometer westwärts liegend, aber Dir immer zugewandt - bin ich tief betrübt, in obigem Brief an Dich lesen zu müssen, dass es Dir derzeit nicht so gut geht.

    Ich hoffe aufrichtig, dass Du wieder zu Deiner einstigen Größe und Spontanität zurückfindest und wünsche Dir viele engagierte Bürger für Deine Genesung!

    Du als meine große Schwester sollst doch mein Vorbild bleiben :) - Provinzialität haben wir in Halle genug ;)

    Viele Grüße
    Deine Dich liebende Schwester Halle

  4. 5. na ja

    das werden nur leipziger verstehen.

    andererseits versteckt sich dahinter ein grundproblem von standtentwicklung, das darin besteht, dass investoren das bild und die schwerpunkte bestimmen und die freiräume fehlen, wo bewohner ihre lebensformen nebst infrastruktur selber entwickeln.

    solche ansätze gezielt zu planen und zu fördern gibt stadtentwicklung ein gesicht, entgegen dem rest, einer maske, hinte der die menschen fremdbestimmt wohnen und leben.

    schwierig schwierig ...

  5. Selbiges gilt ähnlich wohl auch für Berlin... wohl eine normale Entwicklung, aber trotzdem schade.. ach, Leipzig, wenn ich das lese, vermisse ich dich gleich noch mehr! Und nein, werde nicht wie Stuttgart, bitte! Obwohl so ein verbrecherisches Hauptstraßennetz mitten durch die Stadt hoffentlich heutzutage nicht mehr denkbar ist...

    • Jativa
    • 29. Juni 2012 13:01 Uhr

    Nächstes Jahr wird der 100. Jahrestag für das Gelände der Technischen Messe in Leipzig am Völkerschlachtdenkmal sein. Die große Ausstellungshallen auf diesem Gelände wurden hauptsächlich in den 1920er und 1930ern gebaut, als Leipzig die weltweit bedeutendste Messestadt war. Die Hallen sind zum einen technisch und bauhistorisch in internationalem Maßstab sehr wertvoll, für Leipzig selber stadtbildprägend und stadtgeschichtlich äußerst relevant. Im Gegensatz zu länger leerstehenden Industriebrachen, wo abseits offizieller Vermarktung ein tragfähiges Nutzungskonzept entstehen konnte und die Gebäude erhalten wurden (Spinnerei), soll es pünktlich zum 100. auf der Alten Messe umfangreiche Abrisse geben. Es trifft vor allem Hallen, die original erhalten sind (kaum Bombenschäden) und auch die Vernachlässigung nach 1996 (Messe zog an den Stadtrand um) relativ gut überstanden haben. Stattdessen wird der Platz für ein Möbelhaus plattgemacht. Sogar Abriß auf Vorrat ist dabei, Nachnutzung der Fläche ungeklärt. Alternativkonzepte wurden öffentlich nie gesucht. Es scheint wirlich so, als ob die Stadt genau so gesichtslos und beliebig "entwickelt" werden soll wie die Heimatorte vieler Planer, die mit der vorgefundenen Bausubstanz und ihrer Bedeutung arg überfordert zu sein scheinen.
    Fundsache im Internet: http://www.flickr.com/photos/alte-messe-leipzig/with/6835159207/#photo_6...

  6. noch immer schlägt mein Herz auch für Dich. Doch bedenke: Auch ich habe nur eine begrenzte Menge an Liebe; für Dich, für jeden einzelnen. Es schmerzt mich zutiefst, dass gerade Du so enttäuscht von meiner Liebe bist.

    Doch leider bin ich nicht nur ins Alter gekommen, sondern „die Männer“, die mich – die Schönste im Osten – bedrängen und gängeln, wissen nichts von „unserem“ unermesslichen Schatz, den ich für Dich und all die anderen Bürger/innen immer versucht habe zu wahren. Nein, es ist nicht nur DIE Freiheit die ich meine und für die ich stehe, es war auch immer der Freiraum den ich Dir und all den anderen bereit gestellt habe. Glaube mir, auch mich schmerzen die Eingriffe in meine gewachsene Erscheinung. Sehr sogar! Ich versuche noch immer alle meine Liebhaber und Liebhaberinnen dazu zu bewegen, dass sie sich für MICH wehren, um mich und damit auch UNSEREN Schatz zu sichern. Doch leider erreiche ich nur wenige, die meisten haben die Liebe zu mir schon aufgegeben und begnügen sich mit anderen Dingen. Mir kommt manchmal der Verdacht, dass da wieder diese „Drängler und Gängler“ am Werke sind.

    Robert, meine große Liebe. Wenn Du mir wirklich helfen willst, dann schreibe der Welt, dass ich bereits auf Normalmaß gestutzt wurdeund das ich überhaupt gar nicht so liebenswert bin.
    Vielleicht kann ich mich so der falschen Liebhaber entledigen und hoffentlich kommen keine neuen, die weitere Geschäfte mit mir machen wollen.

    Lass uns das Feuer neu entfachen!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf mehreren Seiten lesen
  • Schlagworte Stadt | Traum | Spanien | Leipzig | Barcelona | Berlin
Service