Stadtentwicklung: Liebes Leipzig!
Ein Brief an meine Stadt: Warum ich neuerdings leide an dem Ort, der mir ans Herz gewachsen ist
Liebes Leipzig, normalerweise schreibe ich dir keine Briefe, denn in den siebzehn Jahren unserer Beziehung sind wir bislang ohne große Worte miteinander ausgekommen. Ich habe mich auf kleinere, bisweilen pathetische Liebesbekundungen beschränkt, wenn ich Freunden aus anderen Städten von dir erzählt habe. Ansonsten reichten uns Gesten des wortlosen Einvernehmens. Einen echten Grund, über dich zu klagen, hatte ich nie. Manchmal warst du mir zu klein, aber im Wesentlichen war ich überzeugt davon, dass ich in die richtige Stadt gezogen bin, damals, zu Beginn meines Studiums, als mir die Welt offenstand. Doch seit einiger Zeit bin ich unzufrieden mit unserer Beziehung. Ich möchte dir erklären, warum.
Als unser Verhältnis begann, 1995, warst du grau und kaputt. Du warst gerade um Zehntausende Einwohner geschrumpft und verlorst weiterhin welche. Aber du hattest wilde Träume und fandest nichts dabei, deine halbe Innenstadt von einem verrückten Immobilienunternehmer restaurieren zu lassen, der sich Milliardenkredite erschwindelt hatte. Ein anderer Verrückter erwarb aufgegebene Industriegrundstücke im Westen der Stadt und träumte davon, dort Wolkenkratzer zu errichten und zwischen ihnen kleine Boote umherfahren zu lassen. Du warst großspurig und machtest dir nichts daraus, dass einige Menschen darüber lachten. Das fand ich sympathisch. In Spanien, wo ich eine Zeitlang lebte, bevor ich zu dir kam, kannten die Menschen deinen Namen nicht. Doch du bewarbst dich um die Olympischen Spiele. Das hatte Format. Hättest du die Stadien tatsächlich bekommen, von denen du träumtest, ich glaube, es wäre trotzdem noch genügend Platz für einen anderen Traum geblieben.
Der war die Wirklichkeit: Auf den Dächern der Fabrikruinen konnte man picknicken. Unter den Dächern richteten junge Menschen Schallplattenpressen ein, legten Sandstrände an, begannen T-Shirts zu bedrucken oder Ölbilder zu malen. Deine leer stehenden Häuser zogen Studenten aus der ganzen Republik an, deine großen, billigen Wohnungen irgendwann gar Menschen, die sich hier nicht nur austoben, sondern die hier arbeiten, Geld verdienen wollten. Bei alldem wurdest du kein Berlin-Abklatsch, sondern bliebst etwas Eigenes: eine unaufgeregte Heimat, in der die Vergangenheit genauso erlebbar war wie der Aufbruch in eine Zukunft, die von den Ost-Avantgardismen Neuerfindung und Krisengleichmut flankiert wurde. Dieser Traum, dieses Leben, wurde zu deiner Identität. Diese Besonderheit hast du aufgegeben. Warum?
1975 in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) geboren, lebt seit 17 Jahren in Leipzig. Bis Mai 2012 war er Chefredakteur des Stadtmagazins Kreuzer.
Ich werfe dir nicht vor, dass du dich verändert hast. Ich bin ja auch nicht mehr der, der ich zu Beginn unserer Beziehung war. Ich habe dir verziehen, dass du deine Innenstadt an Handelsketten verscherbelt hast. Ich war nachsichtig, als du die Plattenbauten am Brühl aus der City räumen ließest. Und ich habe dir nicht die Liebe aufgekündigt, obwohl du es zulässt, dass dein derzeitiger Oberbürgermeister deine größten Probleme einfach weglächelt. Er ähnelt darin dem sächsischen Ministerpräsidenten.
Aber ich verzeihe dir nicht, dass du ihm sein Bekenntnis zur Normalität durchgehen lässt, zu dem, was ist. Er begeht Verrat an deinem Leitmotiv: dem Fantasieren darüber, was du sein könntest. Ich verzeihe dir auch nicht, dass du deinem Baubürgermeister erlaubst, sich in Statistiken zu versenken und dann zu behaupten, das Angebot zentrumsnahen billigen Wohnraums sei immer noch größer als in vergleichbaren Weststädten.
Als ob der Westen der Maßstab wäre! Du wirst doch nicht allen Ernstes wie Hannover werden wollen? Oder wie Düsseldorf, Stuttgart? Alles schöne Städte. Doch du, Leipzig, warst von allen die schönste in dem Moment, als deine Großspurigkeit unermesslich war wie die Summe deiner leeren Flächen.
Obwohl, vielleicht ist dir dein Leitmotiv gar nicht abhandengekommen. Womöglich ist der Eifer, mit dem deine Lenker früher um Großprojekte gekämpft haben, der gleiche, mit dem sie jetzt versuchen, dich zu einem Normalfall zu machen. Ich glaube, das liegt daran, dass die aktuellen Stadtherren Angst vor Dingen haben, die sie in ihrem früheren Leben nicht kennengelernt haben. Brachen, die einfach so in der Sonne herumliegen, verunsichern sie.
Die sogenannten Aufbauhelfer, die nach der Wende aus dem Westen kamen, waren Abenteurer, im Guten wie im Schlechten. Die Verwaltungsexperten, die heute am Ruder stehen, schämen sich für Baulücken voller Knöterich. Wenn die Lokalzeitung irgendwo einen »Schandfleck« ausmacht, nicken sie eifrig. Sie degradieren die Menschen, die von deinem Vermögen zu träumen angezogen wurden, zu einem Gag des Stadtmarketings, machen sie zu Ingredienzien in einem Angebotsmix, zu einem Standortvorteil. Die Normalisierer haben deine wilde Hefe in säuberlich konfektioniertes Backtriebmittel verwandelt. Den Weg zur Baumwollspinnerei säumen jetzt Werbeschilder für Touristen. Das hättest du nicht zulassen dürfen.
Letztens sprach ich mit einer bekannten Stadtplanerin über meinen Eindruck, dir, liebe Stadt, stehe eine Zeitenwende bevor, du würdest jetzt normal. »Ja«, sagte die bekannte Stadtplanerin mit einem Ton, der wohl bedeuten sollte, dass man den Lauf der Dinge nicht aufhalten könne. Ich war sehr traurig darüber. Leipzig, dein zweiter Name lautet zwar Veränderung. Du hast deine barocke Innenstadt abreißen lassen, als um die vorvergangene Jahrhundertwende die Messepaläste in deine Mitte drängten. Du bist attraktiv geblieben, als zu DDR-Zeiten Taubenzecken deine Dachstühle bewohnten. Du hast deine Seele nicht verloren, als Architekten und Investoren aus dem Westen nach der Wende gläserne Keksrollen an deine Häuser montierten. Aber ob du diese neue Zeitenwende, den Eintritt in die Ära des Normalen überstehst, ohne dran kaputtzugehen, bezweifle ich.
Bitte, liebe Stadt, versteh mich nicht falsch. Ich wusste, dass deine Wohnungen nur vorübergehend so billig sein würden, und ich bin ganz sicher kein Ruinenromantiker. Aber ich sehe, wie viele Menschen deine Unfertigkeit in den letzten Jahren angezogen hat und wie viel Bereitschaft, irgendetwas zu diesem Traum beizutragen und ihn weiterzuerzählen, deine Unfertigkeit bei ihnen ausgelöst hat. Ohne diese fantasiebegabten Menschen wärst du nicht die, die du heute bist. Ich mache mir Sorgen um dich. Du bist gelegentlich als schöne, kluge Frau beschrieben worden, die gezwungen wird, auf den Straßenstrich zu gehen. Damit war gemeint, dass die Stadtherren dich den Investoren unter Wert anpriesen. Doch in letzter Zeit kommst du mir eher wie eine Frau vor, die sich für ihr Aussehen schämt und diese Experten aus dem Privatfernsehen ins Haus lässt, die ihre Haare, ihr Outfit und ihre Einrichtung aufpeppen sollen.
Ich weiß nicht, wie viel Wert du auf meine Liebe legst. Du bist viel größer und älter als ich, und wenn du jedes Gefühl erwidern wolltest, dass dir irgendein Bewohner, auch noch ein Zugezogener, entgegenbringt, hättest du viel zu tun. Aber du sollst wissen: Meine Liebe zu dir ist etwas Ernstes. Okay, ich habe zwischendurch kurz mit Berlin geflirtet, für Hamburg hätte ich dich zeitweise sitzen lassen, und mit Madrid und Barcelona hatte ich sehr ernste, lange Affären. Aber seit Jahren bin ich dir treu. Jetzt ist es an dir, mich nicht zu enttäuschen. Meine Freundin und ich, wir haben hier Kinder bekommen. Ich kann inzwischen mit der Vorstellung leben, dass sie eines Tages den selbstgenügsamen Lokalstolz der Eingeborenen pflegen, der mir immer etwas fremd geblieben ist. Stell mich nicht vor die Wahl, deine Normalität gegen die Normalität einer anderen Stadt einzutauschen.
Ich möchte, dass du dich wieder im Größenwahn übst, dass du der Normalisierung den Kampf ansagst, dich auf die Zeiten besinnst, da du einen Weltmessepalast bauen und Flugzeuge auf dem Dach deines Hauptbahnhofs landen lassen wolltest. Vor allem aber möchte ich, dass du dich zum Unfertigen bekennst, dass du auch mal Nein sagst. Hast du, habe ich etwas davon, wenn ein Investor wieder eine deiner Lücken zukleistert?
Eine deiner schönsten Brachen, sie trägt den Namen Jahrtausendfeld, wird bald verschwinden. Die Stadtverwaltung wollte dort eine dringend benötigte Schule für die Babyboomer der überlaufenden neuen Wohlstandsviertel im Westen bauen – eine würdige Nutzung. Ein Investor war schneller. Warum hast du dich nicht gewehrt?
Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass du mir zuhörst, liebes Leipzig. Du kannst nicht so taub für die Leiden deiner Bewohner sein wie, sagen wir, Moskau oder São Paulo. Denn so groß bist du nicht. Und genau darin liegt meine Sorge begründet. Wenn dort ein Schwarzmarkt einem Investorenbau weichen muss, dann wird es am anderen Ende der Stadt einen neuen Schwarzmarkt geben. Du, mein Leipzig, hast nicht so viele Enden. Deine letzten verfallenen Gründerzeitmagistralen werden gerade wachgeküsst. Wenn entlang dieser Straßen erst einmal dasselbe Einerlei aus Kinder-Secondhandläden und Kult-Spätis zu finden ist wie auf den sogenannten Szenemeilen, wohin soll die Fantasie dieser Stadt dann umziehen? Wo ist dann noch Platz für den Traum von der Leipziger Freiheit? Ich warte auf Antwort, dein Robert.






noch immer schlägt mein Herz auch für Dich. Doch bedenke: Auch ich habe nur eine begrenzte Menge an Liebe; für Dich, für jeden einzelnen. Es schmerzt mich zutiefst, dass gerade Du so enttäuscht von meiner Liebe bist.
Doch leider bin ich nicht nur ins Alter gekommen, sondern „die Männer“, die mich – die Schönste im Osten – bedrängen und gängeln, wissen nichts von „unserem“ unermesslichen Schatz, den ich für Dich und all die anderen Bürger/innen immer versucht habe zu wahren. Nein, es ist nicht nur DIE Freiheit die ich meine und für die ich stehe, es war auch immer der Freiraum den ich Dir und all den anderen bereit gestellt habe. Glaube mir, auch mich schmerzen die Eingriffe in meine gewachsene Erscheinung. Sehr sogar! Ich versuche noch immer alle meine Liebhaber und Liebhaberinnen dazu zu bewegen, dass sie sich für MICH wehren, um mich und damit auch UNSEREN Schatz zu sichern. Doch leider erreiche ich nur wenige, die meisten haben die Liebe zu mir schon aufgegeben und begnügen sich mit anderen Dingen. Mir kommt manchmal der Verdacht, dass da wieder diese „Drängler und Gängler“ am Werke sind.
Robert, meine große Liebe. Wenn Du mir wirklich helfen willst, dann schreibe der Welt, dass ich bereits auf Normalmaß gestutzt wurdeund das ich überhaupt gar nicht so liebenswert bin.
Vielleicht kann ich mich so der falschen Liebhaber entledigen und hoffentlich kommen keine neuen, die weitere Geschäfte mit mir machen wollen.
Lass uns das Feuer neu entfachen!
Tja damals haben so einige Bewohner von Städten und Dörfer im Osten die wildesten Träume gehabt: Da jetzt die vielen Investitionen aus dem reichen Westen und das eigene Gängelband des Sozialismus abgestreift ist, können die tollsten Träume wahr werden...
Aber wie das mit solchen Träumen ist: Irgendwann werden die abgestanden, schal und die Realität klopft immer heftiger an die Tür.
Halt wie ein Erwachsener, der auch irgendwann die Träume von unendlichen Reichtum, Berühmtheit und Unsterblichkeit ablegen muss, um in der Realität überhaupt irgendwelche Ziele auf die Reihe zu bekommen.
Da kann man nur sagen: Danke Leipzig, dass auch Du endlich erwachsen geworden bist und nicht ein kleine Kopie vom quengeligen Berlin sein möchtest, das dem deutschen Steuerzahler permanent auf die Nerven fällt.
Geholfen hat Dir dabei auch sicher das Ausscheiden in der Vorrunde bei der Kandidatur zu den Olymischen Spielen.
Die Phantasie wird siegen.
Die Phantasie wird siegen.
Das habe ich Leipzig geliebt das habe ich an Zürich geliebt. Und das liebe ich auch an Frankfurt.
10 Jahre durfte ich in und mit dir verbringen, meine grosse Tochter ist Leipzigerin und nun ... tja, damals waren die Zeiten noch aufregend! Du hast dein Gesicht ständig gewandelt ohne es zu verlieren. Was muss ich nun lesen? Du normal?! Bitte nicht! Geh vorwärts, schau ruhig zurück, aber geh und beschreite Wege auf historischer Basis. Schau nicht nach Dresden oder Berlin. Sei du selbst! Hier in der Ferne, da gibt es immer noch Heimweh zu dir.
Lange Rede, kurzer Sinn - also die alten Zeiten und das alte Regierungssystem waren doch nicht so schlimm in Wirklichkeit. Und Kapitalismus ist doch in Wirklichkeit nicht so toll,also.
Fazit: Mit den Jahren auch die Vernunft.
Die Phantasie wird siegen.
Entfernt. Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich. Danke. Die Redaktion/ag
nannte der Leiter einer nicht unbedeutenden Leipziger Kultureinrichtung "meine" Stadt, in der ich unter dem Krieg geboren wurde. Da war Leipzig schon nicht mehr das, was einst seinen Ruhm begründete. Die Zeitläufte brachten es mit sich, das die Familie nach langem Ringen von dannen zog. So lebte ich 46 Jahre in Ba.-Wü., ehe ich mich zum Rückzug, der keine Heimkehr sein konnte, entschloss. Vom ersten Tag an hatte ich ein unbestimmbares Gefühl in der Magengrube.
Bis die Worte des Titels mein Ohr erreichten. Eine schlaghafte Erleuchtung durch fuhr mich, aber es traf genau den Punkt.
Nun lebe ich mittlerweile wieder in Leipzig. Die Bilanz ist mindestens so zwiespältig wie die des Autors jedoch aus andern Gründen. Diese liegen nicht auf kulturellem Gebiet sondern mehr im Bereich des täglichen Lebens.
Ein Karrikaturist würde einen Mann im Frack zeichnen, dessen Rückseite nackt ist.Diese Bild drängt sich auf.
Langsam organisiert sich die Arbeinehmerschaft, der wenigen Leipziger Betriebe und kämpft wie ehedem für ihre Rechte. Es bedurfte wohl erst des nahenden 150. Gründungsjubiläum der SPD um die glut unter der Asche zu entfachen. Deren Wurzeln sind nicht zufällg in Leipzig und Sachsen. Diese Tradition gehört auch zu Leipzig, wie Gewandhausorchester, Thomanerchor, Leipziger Schule der neueren Malerei und noch einiges Andere.
Quo Vadis? keiner kennt den Weg! Manchmal hat man das Gefühl, es wird nicht mal danach gesucht.
Trotzdem viel Glück, Leipzig.
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