Die sogenannten Aufbauhelfer, die nach der Wende aus dem Westen kamen, waren Abenteurer, im Guten wie im Schlechten. Die Verwaltungsexperten, die heute am Ruder stehen, schämen sich für Baulücken voller Knöterich. Wenn die Lokalzeitung irgendwo einen »Schandfleck« ausmacht, nicken sie eifrig. Sie degradieren die Menschen, die von deinem Vermögen zu träumen angezogen wurden, zu einem Gag des Stadtmarketings, machen sie zu Ingredienzien in einem Angebotsmix, zu einem Standortvorteil. Die Normalisierer haben deine wilde Hefe in säuberlich konfektioniertes Backtriebmittel verwandelt. Den Weg zur Baumwollspinnerei säumen jetzt Werbeschilder für Touristen. Das hättest du nicht zulassen dürfen.

Letztens sprach ich mit einer bekannten Stadtplanerin über meinen Eindruck, dir, liebe Stadt, stehe eine Zeitenwende bevor, du würdest jetzt normal. »Ja«, sagte die bekannte Stadtplanerin mit einem Ton, der wohl bedeuten sollte, dass man den Lauf der Dinge nicht aufhalten könne. Ich war sehr traurig darüber. Leipzig, dein zweiter Name lautet zwar Veränderung. Du hast deine barocke Innenstadt abreißen lassen, als um die vorvergangene Jahrhundertwende die Messepaläste in deine Mitte drängten. Du bist attraktiv geblieben, als zu DDR-Zeiten Taubenzecken deine Dachstühle bewohnten. Du hast deine Seele nicht verloren, als Architekten und Investoren aus dem Westen nach der Wende gläserne Keksrollen an deine Häuser montierten. Aber ob du diese neue Zeitenwende, den Eintritt in die Ära des Normalen überstehst, ohne dran kaputtzugehen, bezweifle ich.

Bitte, liebe Stadt, versteh mich nicht falsch. Ich wusste, dass deine Wohnungen nur vorübergehend so billig sein würden, und ich bin ganz sicher kein Ruinenromantiker. Aber ich sehe, wie viele Menschen deine Unfertigkeit in den letzten Jahren angezogen hat und wie viel Bereitschaft, irgendetwas zu diesem Traum beizutragen und ihn weiterzuerzählen, deine Unfertigkeit bei ihnen ausgelöst hat. Ohne diese fantasiebegabten Menschen wärst du nicht die, die du heute bist. Ich mache mir Sorgen um dich. Du bist gelegentlich als schöne, kluge Frau beschrieben worden, die gezwungen wird, auf den Straßenstrich zu gehen. Damit war gemeint, dass die Stadtherren dich den Investoren unter Wert anpriesen. Doch in letzter Zeit kommst du mir eher wie eine Frau vor, die sich für ihr Aussehen schämt und diese Experten aus dem Privatfernsehen ins Haus lässt, die ihre Haare, ihr Outfit und ihre Einrichtung aufpeppen sollen.

Ich weiß nicht, wie viel Wert du auf meine Liebe legst. Du bist viel größer und älter als ich, und wenn du jedes Gefühl erwidern wolltest, dass dir irgendein Bewohner, auch noch ein Zugezogener, entgegenbringt, hättest du viel zu tun. Aber du sollst wissen: Meine Liebe zu dir ist etwas Ernstes. Okay, ich habe zwischendurch kurz mit Berlin geflirtet, für Hamburg hätte ich dich zeitweise sitzen lassen, und mit Madrid und Barcelona hatte ich sehr ernste, lange Affären. Aber seit Jahren bin ich dir treu. Jetzt ist es an dir, mich nicht zu enttäuschen. Meine Freundin und ich, wir haben hier Kinder bekommen. Ich kann inzwischen mit der Vorstellung leben, dass sie eines Tages den selbstgenügsamen Lokalstolz der Eingeborenen pflegen, der mir immer etwas fremd geblieben ist. Stell mich nicht vor die Wahl, deine Normalität gegen die Normalität einer anderen Stadt einzutauschen.

Ich möchte, dass du dich wieder im Größenwahn übst, dass du der Normalisierung den Kampf ansagst, dich auf die Zeiten besinnst, da du einen Weltmessepalast bauen und Flugzeuge auf dem Dach deines Hauptbahnhofs landen lassen wolltest. Vor allem aber möchte ich, dass du dich zum Unfertigen bekennst, dass du auch mal Nein sagst. Hast du, habe ich etwas davon, wenn ein Investor wieder eine deiner Lücken zukleistert?

Eine deiner schönsten Brachen, sie trägt den Namen Jahrtausendfeld, wird bald verschwinden. Die Stadtverwaltung wollte dort eine dringend benötigte Schule für die Babyboomer der überlaufenden neuen Wohlstandsviertel im Westen bauen – eine würdige Nutzung. Ein Investor war schneller. Warum hast du dich nicht gewehrt?

Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass du mir zuhörst, liebes Leipzig. Du kannst nicht so taub für die Leiden deiner Bewohner sein wie, sagen wir, Moskau oder São Paulo . Denn so groß bist du nicht. Und genau darin liegt meine Sorge begründet. Wenn dort ein Schwarzmarkt einem Investorenbau weichen muss, dann wird es am anderen Ende der Stadt einen neuen Schwarzmarkt geben. Du, mein Leipzig, hast nicht so viele Enden. Deine letzten verfallenen Gründerzeitmagistralen werden gerade wachgeküsst. Wenn entlang dieser Straßen erst einmal dasselbe Einerlei aus Kinder-Secondhandläden und Kult-Spätis zu finden ist wie auf den sogenannten Szenemeilen, wohin soll die Fantasie dieser Stadt dann umziehen? Wo ist dann noch Platz für den Traum von der Leipziger Freiheit? Ich warte auf Antwort, dein Robert.