SchottlandHoch die Schalen

An Schottlands Westküste kann man Jakobsmuscheln mit eigenen Händen erbeuten. Eine eiskalte Erfahrung von Marc Bielefeld

Der Gang ins Meer fühlt sich an, als steige man in eine Tiefkühltruhe – das Wasser vor der Insel Kerrera hat gerade mal acht Grad. Aber was tut man nicht alles für ein gefundenes Fressen? Ich trage Thermofleece, Trockentauchanzug, Tiefenmesser, Pressluftflasche, Lungenautomat, Maske, Flossen. Um die Hüften hängen zwölf Kilo Blei, damit ich nach unten komme; der Kopf steckt in einer Neoprenhaube. Wichtigstes Teil der Ausrüstung: eine leere Plastiktüte für die Beute.

Westschottland, Anfang Juni. Ein frischer Wind weht über die Fjorde und Sunde, Papageientaucher fliegen, Möwen und Seeadler kreisen. Hier beginnen die Inneren Hebriden: Inseln mit verwinkelten Buchten und Klippen, umströmt von einem Meer, das aussieht wie dunkles Silber.

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Auf dem Grund dieses Meeres liegt das Abendessen. Klein, rund, zart. Unverschämt köstlich. In guten Restaurants für teures Geld zu haben. Hier bekommt man es kostenlos – man muss nur hinuntertauchen und es sich holen. Das Objekt der Begierde heißt Pecten maximus, Große Pilgermuschel. Freunde guter Küche verehren es als Jakobsmuschel. Eine Delikatesse, überbacken, gebraten, gegrillt oder roh – vor allem das schmackhafte Fleisch: jener kleine, runde Schließmuskel im Innern, der aussieht wie ein platt gedrückter Flummi. Weil die Jakobsmuschel sich damit schwimmend fortbewegt, ist er viel kräftiger und strammer als etwa bei einer Auster. Darum die so zarte wie knackige Konsistenz. Nicht zu verachten ist auch das kleine orangefarbene Läppchen an der Seite des Muskels. Das ist der Rogen.

Die Jakobsmuschel hat aber nicht nur kulinarische Qualitäten. Sie sieht auch besonders hübsch aus mit ihrer gewölbten Schale und der strahlenförmigen Zeichnung. Benannt wurde sie nach dem heiligen Jakobus, Schutzpatron der Pilger. Als Erkennungszeichen markiert sie den berühmten Jakobsweg, auf dem Gläubige früher mit den Schalen der Muschel Wasser schöpften und sie als Emblem am Hut trugen.

Die Wellen schwappen um meine Knie, als ich vom Ufer immer weiter ins Meer stapfe. Mit jedem Schritt schießt die Kälte weiter am Körper hoch. Neben mir schlüpft Phil jetzt auch in seine Flossen. Er arbeitet für die Tauchschule von Puffin Bay. Die Reviere rund um die Insel Mull, erzählt er, seien bei Sporttauchern beliebt wegen der vielen Wracks. Zudem gebe es hier Weichkorallen, Seehunde – und weiter draußen schwömmen Orcas, Buckelwale und harmlose, Plankton fressende Riesenhaie. »Viele Hobbytaucher kommen aber auch wegen der Jakobsmuscheln«, sagt Phil, als wir im hüfttiefen Wasser stehen. »Sie lesen sie unter Wasser auf, und an den Tauchbasen wird abends gemeinsam gekocht.« Im Meer einer Delikatesse nachzuspüren, das sei für viele Leute mal was Neues. »Es ist allerdings gar nicht so einfach, die Muscheln zu finden. Sie verstecken sich im Sand, am liebsten in Mischhabitaten, wo Seegras in schlammigen Boden übergeht oder Sand in Steingrund.«

Wir stecken uns die Atemregler in den Mund, lassen uns ganz ins Wasser gleiten und tauchen unter. So muss sich der Moment anfühlen, in dem man in der Tiefkühltruhe liegt und die Klappe zugeht. Je tiefer wir sinken, desto stärker wird der Anzug an den Körper gedrückt, das Meer umhüllt mich wie eine eisige Presse.

Leserkommentare
    • PigDog
    • 08. Juli 2012 22:13 Uhr

    Den Schnickschnack und die Schäumchen ruhig den Sternefuzzies überlassen...

    Meine Favoriten:

    In Sonneblumenöl gebraten und mit Fleur de Sel und Vanille gewürzt.

    Wenn's doch mal etwas schnickschnackig sein darf:
    Kalt als Tatar mit Estragon-Lavendel-Essig und Gurkengelee.

  1. genau das ist das Problem.

    • FZ
    • 09. Juli 2012 14:30 Uhr

    Hand Dived Scallops - wie wunderbar herrlich! Eine halbe Tagesreise weiter nördlich, im Dörfchen Plockton, nicht weit von der Brücke zur Insel Skye gelegen, bin ich schon ganz ohne Taucheranzug in diesen Hochgenuss gekommen: der Wirt des örtlichen Inns (oder war's der Koch?!) taucht persönlich nach den Tierchen, die dann - solange Vorrat reicht - abends im Restaurant serviert werden. Und zwar - mögen alle Cuisiniers der Welt ihr eitles Chichi selbst verzehren (aber bloß die Scallops damit in Ruhe lassen) - basic as basic can!!!

  2. „Fischerboote mit Grundnetzen pflügen zwar das halbe Meer um und erwischen dabei viele Muscheln, sie zerstören aber auch viel.“ sie zerstören nicht nur viel, sie hinterlassen regelrechte wüsten, weil sie bis in den boden hinein alles wegreissen. da lebt dann nicht mehr viel.

    „Zudem ist das Sammeln per Hand ökologisch schonender.“ das ist wohl unbestreitbar so, solange sich die anzahl der sammler in grenzen hält. ob es schonend genug zum dauerhaften erhalt der bestände ist, steht auf einem anderen blatt.

    „ Ein Taucher hingegen kann kaum mehr heraufholen, als auf natürliche Weise nachwächst.“ was für eine beruhigende aussage. man sollte sich also trotzdem beeilen, jetzt möglichst viele jakobsmuscheln zu essen, wer weiss, ob es in einigen jahren noch welche gibt.

    „In zwölf Meter Tiefe erspähe ich die erste. Ein kleines Exemplar, aber was soll’s, die Jungen schmecken ja keinen Deut schlechter.“ die hat sich vielleicht erst ein– oder zweimal fortgepflanzt, was soll´s, hauptsache, es schmeckt.

    ja, richtig zubereitet schmecken jakobsmuscheln gut. und nein, ich möchte hier niemandem alles mies machen.
    imho sollte man aber nicht völlig unreflektiert alles in rauen mengen wegkonsumieren, nur weil es noch geht.

  3. Lewis Carroll
    (from Through the Looking-Glass and What Alice Found There, 1872)

    The sun was shining on the sea,
    Shining with all his might:
    He did his very best to make
    The billows smooth and bright--
    And this was odd, because it was
    The middle of the night.
    The moon was shining sulkily,
    Because she thought the sun
    Had got no business to be there
    After the day was done--
    "It's very rude of him," she said,
    "To come and spoil the fun!"
    The sea was wet as wet could be,
    The sands were dry as dry.
    You could not see a cloud, because
    No cloud was in the sky:
    No birds were flying overhead--
    There were no birds to fly.
    The Walrus and the Carpenter
    Were walking close at hand;
    They wept like anything to see
    Such quantities of sand:
    "If this were only cleared away,"
    They said, "it would be grand!"
    "If seven maids with seven mops
    Swept it for half a year.
    Do you suppose," the Walrus said,
    "That they could get it clear?"
    "I doubt it," said the Carpenter,
    And shed a bitter tear.
    "O Oysters, come and walk with us!"
    The Walrus did beseech.
    "A pleasant walk, a pleasant talk,
    Along the briny beach:
    We cannot do with more than four,
    To give a hand to each."
    The eldest Oyster looked at him,
    But never a word he said:
    The eldest Oyster winked his eye,
    And shook his heavy head--
    Meaning to say he did not choose
    To leave the oyster-bed.

  4. But four young Oysters hurried up,
    All eager for the treat:
    Their coats were brushed, their faces washed,
    Their shoes were clean and neat--
    And this was odd, because, you know,
    They hadn't any feet.
    Four other Oysters followed them,
    And yet another four;
    And thick and fast they came at last,
    And more, and more, and more--
    All hopping through the frothy waves,
    And scrambling to the shore.
    The Walrus and the Carpenter
    Walked on a mile or so,
    And then they rested on a rock
    Conveniently low:
    And all the little Oysters stood
    And waited in a row.
    "The time has come," the Walrus said,
    "To talk of many things:
    Of shoes--and ships--and sealing-wax--
    Of cabbages--and kings--
    And why the sea is boiling hot--
    And whether pigs have wings."
    "But wait a bit," the Oysters cried,
    "Before we have our chat;
    For some of us are out of breath,
    And all of us are fat!"
    "No hurry!" said the Carpenter.
    They thanked him much for that.

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    ... = 2
    Sorry ;-)

  5. "A loaf of bread," the Walrus said,
    "Is what we chiefly need:
    Pepper and vinegar besides
    Are very good indeed--
    Now if you're ready, Oysters dear,
    We can begin to feed."
    "But not on us!" the Oysters cried,
    Turning a little blue.
    "After such kindness, that would be
    A dismal thing to do!"
    "The night is fine," the Walrus said.
    "Do you admire the view?
    "It was so kind of you to come!
    And you are very nice!"
    The Carpenter said nothing but
    "Cut us another slice:
    I wish you were not quite so deaf--
    I've had to ask you twice!"
    "It seems a shame," the Walrus said,
    "To play them such a trick,
    After we've brought them out so far,
    And made them trot so quick!"
    The Carpenter said nothing but
    "The butter's spread too thick!"
    "I weep for you," the Walrus said:
    "I deeply sympathize."
    With sobs and tears he sorted out
    Those of the largest size,
    Holding his pocket-handkerchief
    Before his streaming eyes.
    "O Oysters," said the Carpenter,
    "You've had a pleasant run!
    Shall we be trotting home again?'
    But answer came there none--
    And this was scarcely odd, because
    They'd eaten every one.

  6. 8. " ...

    ... = 2
    Sorry ;-)

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    schrecklich solche Kommentare! Mir fehlt da der Eigenanteil des betreffenden Kommentators.

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