Der Gang ins Meer fühlt sich an, als steige man in eine Tiefkühltruhe – das Wasser vor der Insel Kerrera hat gerade mal acht Grad. Aber was tut man nicht alles für ein gefundenes Fressen? Ich trage Thermofleece, Trockentauchanzug, Tiefenmesser, Pressluftflasche, Lungenautomat, Maske, Flossen. Um die Hüften hängen zwölf Kilo Blei, damit ich nach unten komme; der Kopf steckt in einer Neoprenhaube. Wichtigstes Teil der Ausrüstung: eine leere Plastiktüte für die Beute.

Westschottland, Anfang Juni. Ein frischer Wind weht über die Fjorde und Sunde, Papageientaucher fliegen, Möwen und Seeadler kreisen. Hier beginnen die Inneren Hebriden: Inseln mit verwinkelten Buchten und Klippen, umströmt von einem Meer, das aussieht wie dunkles Silber.

Auf dem Grund dieses Meeres liegt das Abendessen. Klein, rund, zart. Unverschämt köstlich. In guten Restaurants für teures Geld zu haben. Hier bekommt man es kostenlos – man muss nur hinuntertauchen und es sich holen. Das Objekt der Begierde heißt Pecten maximus, Große Pilgermuschel. Freunde guter Küche verehren es als Jakobsmuschel. Eine Delikatesse, überbacken, gebraten, gegrillt oder roh – vor allem das schmackhafte Fleisch: jener kleine, runde Schließmuskel im Innern, der aussieht wie ein platt gedrückter Flummi. Weil die Jakobsmuschel sich damit schwimmend fortbewegt, ist er viel kräftiger und strammer als etwa bei einer Auster. Darum die so zarte wie knackige Konsistenz. Nicht zu verachten ist auch das kleine orangefarbene Läppchen an der Seite des Muskels. Das ist der Rogen.

Die Jakobsmuschel hat aber nicht nur kulinarische Qualitäten. Sie sieht auch besonders hübsch aus mit ihrer gewölbten Schale und der strahlenförmigen Zeichnung. Benannt wurde sie nach dem heiligen Jakobus, Schutzpatron der Pilger. Als Erkennungszeichen markiert sie den berühmten Jakobsweg, auf dem Gläubige früher mit den Schalen der Muschel Wasser schöpften und sie als Emblem am Hut trugen.

Die Wellen schwappen um meine Knie, als ich vom Ufer immer weiter ins Meer stapfe. Mit jedem Schritt schießt die Kälte weiter am Körper hoch. Neben mir schlüpft Phil jetzt auch in seine Flossen. Er arbeitet für die Tauchschule von Puffin Bay. Die Reviere rund um die Insel Mull, erzählt er, seien bei Sporttauchern beliebt wegen der vielen Wracks. Zudem gebe es hier Weichkorallen, Seehunde – und weiter draußen schwömmen Orcas, Buckelwale und harmlose, Plankton fressende Riesenhaie. »Viele Hobbytaucher kommen aber auch wegen der Jakobsmuscheln«, sagt Phil, als wir im hüfttiefen Wasser stehen. »Sie lesen sie unter Wasser auf, und an den Tauchbasen wird abends gemeinsam gekocht.« Im Meer einer Delikatesse nachzuspüren, das sei für viele Leute mal was Neues. »Es ist allerdings gar nicht so einfach, die Muscheln zu finden. Sie verstecken sich im Sand, am liebsten in Mischhabitaten, wo Seegras in schlammigen Boden übergeht oder Sand in Steingrund.«

Wir stecken uns die Atemregler in den Mund, lassen uns ganz ins Wasser gleiten und tauchen unter. So muss sich der Moment anfühlen, in dem man in der Tiefkühltruhe liegt und die Klappe zugeht. Je tiefer wir sinken, desto stärker wird der Anzug an den Körper gedrückt, das Meer umhüllt mich wie eine eisige Presse.