Sei nicht so streng, hat meine Frau morgens beim Abschied gesagt. Sie meinte es spöttisch und tippte dabei auf das Namensschild an meinem Jackett. Den Lehrern der Berliner Spree-Schule*, denen ich mich kurze Zeit später vorstelle, ist nicht zum Scherzen zumute. Unsicher und skeptisch schauen sie, als ob sie nichts Gutes zu erwarten haben.

Normalerweise sind sie es, die Leistungen beurteilen, Fehler anstreichen und Noten vergeben. Heute und morgen aber werden die Lehrer selbst bewertet. Vier Schulinspektoren prüfen die Qualität des Unterrichts, testen die Führungsqualitäten der Schulleitung, fragen nach der Zufriedenheit der Eltern. Selbst der Zustand der Toiletten bleibt ihnen nicht verborgen. Drei der Prüfer sind Mitarbeiter der Berliner Schulbehörde. Der vierte bin ich: Vater zweier Grundschüler, Elternsprecher, Redakteur der ZEIT und seit Neuestem ehrenamtlicher »Schulinspektor«. So steht es auf dem Namensschild am Revers.

Seit dem schlechten Abschneiden beim ersten internationalen Pisa-Test fahnden staatlich bestellte Kontrolleure in den Schulen nach Stärken und Schwächen. Das Instrument des Schul-TÜV kennt man mittlerweile jedoch fast überall in Deutschland (siehe Seite 38). Die Inspekteure sollen dem jeweiligen Kollegium einen Spiegel vorhalten und den Lehrern Anstöße geben, ihre Schule zu verbessern. In einigen Bundesländern wie in Berlin klopfen die Gutachter bereits zum zweiten Mal ans Schultor. Nur hier jedoch dürfen bildungsinteressierte Bürger bei der Inspektion dabei sein.

Kann man als Außenstehender in zwei Tagen tatsächlich den kleinen Kosmos einer Schule erfassen? Lohnt der Aufwand, mit dem die Kultusministerien in Niedersachsen, Hamburg oder Berlin große Kontrollapparate aufgebaut haben? Und was bringt es den Lehrern, Schülern und Eltern konkret, wenn sie am Ende ein gutes oder schlechtes Zeugnis in den Händen halten?

Fünf Abende lang wurde ich zum Inspektor geschult. Ich erfuhr, was man in Berlin unter gutem Unterricht versteht (»individualisiert«) und wie ein Inspektor während der Begutachtung auftreten sollte (»freundlich, aber distanziert«). Wir lernten, wie man eine Elternbefragung auswertet und dass man statt von den »Schwächen« einer Schule pädagogisch korrekt besser von deren »Verbesserungspotenzial« spricht. Wer bei den Schulungen mehr als einmal fehlte, musste nachsitzen.

»Sie werden nur selten wirklich willkommen sein«, prophezeite man uns Ehrenamtlichen. Denn anders als Wirtschaftsunternehmen, die viel Geld für eine Organisationsberatung bezahlen, lassen sich Lehrer nur ungern bei ihrer Arbeit beobachten. In Berlin gilt das besonders. Denn hier müssen die Schulen den Inspektionsbericht neuerdings sogar ins Internet stellen – und jeder kann lesen, wie es um ihre Qualität steht.