SüdkoreaDen Chinesen weit voraus
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Völlig unterentwickelter Dienstleistungssektor

Nach Angaben Kims sind in der Industrie sechs von zehn kleineren Firmen ausschließlich als Lieferanten der Konzerne tätig. Wie Kraken setzen sich die Chaebol überdies in immer neuen Sektoren fest und verdrängen junge Firmen. Ein Binnenmarkt, der fast ausschließlich von Großunternehmen beherrscht werde, sei jedoch »extrem innovationsfeindlich«, findet Carsten Lienemann, der seit sieben Jahren für die koreanisch-deutsche Handelskammer in Seoul Koreas Ökonomie beobachtet.

Das ist für das Land ein Problem. So erfolgreich die produktgetriebene koreanische Wirtschaft auch ist: Ideen, die die Welt erobern, hat sie bislang noch nicht hervorgebracht. Die Fixierung auf Industrie und Exporte hat überdies die Abhängigkeit Koreas vom Weltmarkt – und vom inzwischen größten Handelspartner China – in gefährliche Dimensionen getrieben. Dagegen ist der Dienstleistungssektor völlig unterentwickelt. Die Produktivität dort erreicht kaum 60 Prozent der Industrie; nur vier der größten 30 Unternehmen sind in ihm tätig, dreimal weniger als etwa in den USA.

Das ist gefährlich, weil im verarbeitenden Gewerbe Arbeitsplätze verloren gehen. Dort wie im Rest der Wirtschaft steigt zugleich die Zahl der prekären Jobs – und zwar in einem Ausmaß wie kaum in einem anderen Staat der Industrieländerorganisation OECD. Christoph Pohlmann, der Chef der Friedrich-Ebert-Stiftung in Seoul, spricht von einer »Drittelgesellschaft«: Ein Drittel der Beschäftigten arbeite in gut bezahlten Vollzeitstellen, ein Drittel friste als »Selbstständiger« sein Leben, und ein Drittel verdinge sich zu Niedriglöhnen in Kurzzeitjobs. Damit aber wächst im traditionell egalitären Korea der Abstand zwischen Arm und Reich. Die Früchte des Fortschritts blieben heute beim oberen Drittel hängen, sagt Kim Ky Won.

Auf seinem überfüllten Schreibtisch breitet der Professor weitere Statistiken über die Schattenseiten der koreanischen Erfolgsstory aus: Mit 2250 Stunden pro Jahr wird länger gearbeitet als in jedem anderen OECD-Staat. Beim Better Life Index der Organisation, der von Bildung und Gesundheit bis zu Wohnungsbau und Umwelt ein weites Spektrum von Indikatoren über die Lebensqualität abbildet, belegt Korea unter 34 Nationen Platz 28. Die Geburtenrate ist geringer als in 192 Staaten der Erde; das Bildungssystem teuer und ineffizient. Auch von einem nur halbwegs ausgebauten Sozialstaat könne keine Rede sein, meint Kim: Der Anteil der Sozialausgaben liegt bei elf Prozent der Wirtschaftsleistung und damit im OECD-Vergleich an vorletzter Stelle.

Korea leide gegenwärtig an einer Art andauernder Gleichgewichtsstörung, fasst Roland Villinger, der Seouler Bürochef der Unternehmensberatung McKinsey, die Lage zusammen: Nirgendwo habe das Land seine Mitte gefunden – in der Wirtschaft gebe es die Unwucht zwischen großen und kleinen Unternehmen, in der Politik den Unwillen zu konstruktiven Kompromissen, das Sozialsystem werde von sinkenden Wachstumsraten und steigender Ungleichheit in die Zange genommen. »Das System Korea«, sagt Villinger, »hat keine Balance.«

Kann ein solches Land ein Modellstaat sein?

»Wohl eher nicht«, sagt Kim Ky Won.

»Wenn es die nächste Entwicklungsstufe nimmt«, meint Villinger.

Die nächste Entwicklungsstufe. Über sie reden alle Gesprächspartner in Seoul. Gemeint wird damit, dass aus der erfolgreichen Industrienation auch ein Land des Wissens und der Dienstleistungen, aus der formal funktionierenden Demokratie auch eine lebendige Bürgerrepublik und ein Sozialstaat wird. Die Macht der Konzerne soll zurückgedrängt, Gründer sollen gefördert, neue Wachstumsfelder erschlossen werden. Einiges davon sei bereits auf dem Weg, meint Roland Villinger. »Koreas Regierung kennt die Probleme, sie sucht nach Lösungen«, sagt der McKinsey-Mann, der als einziger Ausländer in einem Gremium aus Wissenschaftlern und Ministern sitzt, das sich mit den Zukunftsfragen des Landes beschäftigt.

Wahr an seiner Aussage ist, dass der Ausbau des Sozialstaats – etwa die Einführung einer Mindestrente zur Bekämpfung der wachsenden Altersarmut – inzwischen bei allen Parteien obenan steht. Mit Kindergeld und neuen Regeln zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie sollen Eltern außerdem dazu überredet werden, für mehr Nachwuchs zu sorgen. Ganz in der koreanischen Tradition eines bis ins Detail planenden Staates haben Regierung und Ministerialbürokratie überdies Umwelttechnologien, Medizintechnik und die Energiewirtschaft als Wachstumstreiber der Zukunft identifiziert. Das Wirtschaftsministerium firmiert heute als »Ministerium für Wissensökonomie«, und als es um ein milliardenschweres Konjunkturprogramm zur Bekämpfung der Finanzkrise ging, wurden dafür vor allem grüne Projekte ausgewählt.

Leserkommentare
    • TDU
    • 08. Juli 2012 10:56 Uhr

    Ein preis muss immer gezahlt werden. Zur Zeit des Aufstiegs Koraeas haben in China in seiner "Splendid Isolation" Millionen von Mnechen während es langen Marsches und der Kulturevolution ihr Leben verloren. Wurde nur nicht drüber gesprochen.

    Es wäre Korea zu wünschen, vom "Niedergang" des Westens zu lernen.

  1. 2. Danke

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/mk

  2. .....unbestrittenen Fleiss der Koreaner sei die Hilfe Japans und vor allem die der USA zu erwaehnen. Die USA wollten Korea auf gar keinen Fall den Kommunisten ueberlassen und haben nach dem Krieg, der zur Teilung des Landes fuehrte, damit begonnen, den Suedkoreaner massiv zu unterstuetzen. Eine Art Marschallplan also. Die USA haben dafuer gesorgt, dass frisches Geld immer wieder Richtung Sueden fliesst und hoben alle Handelsbarrieren auf. Von nun an war der riesige amerikanische Markt fuer Suedkoreanische Erzeugnisse ganz offen. Auch amerikanische Universitaeten und Forschungsinstitute haben den Suedkoreanern ihre Pforten breit geoeffnet, damit letztere auch Wissen, das ja zum erreichen von Wohlstand unablaessig ist, sich aneignen koennen. Abschliessend sei zu erwaehnen, dass der permanente militaerische Praesens der USA im suedlichen Teil der koreanischen Halbinsel den Suedkoreaner eine ganze Menge an Geld gespart hat. Geld was sie letzlich auch zur Subventionerung ihrer Industrien verwenden.

    3 Leserempfehlungen
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    Ich weiss nicht woher Sie Ihre Kenntnisse haben, aber dass vor 2011 koreanische Produkte zollfrei in die USA eingefuehrt werden durften ist leider Unfug. Seit 2011 gibt es ein free trade agreement ebenso wie mit der EU. Auch ansonsten scheinen Sie mehr von Ihren Vorstellungen als von der Realitaet gelenkt zu werden, was fuer Exportprodukte werden von der koreanischen Regierung subventioniert? Soweit mir bekannt, zahlt die Regierung fuer die Anwesenheit der US Soldaten. Empfinden Sie die Anwesenheit der US Amerikaner in DE auch als Subvention der US Regierung fuer DE?

    Woher Sie diese Erkenntnis haben ist mir ebenso unklar. Japan meldet regelmaessig Gebietsansprueche (Dokdo islands) gegenueber Korea an und weigert sich bis heute,die zwangsprostituierten Koreanerinnen, die den japanischen Militaerangehoerigen waehrend der koreanischen Besetzung praktisch als Sklavinnen dienen mussten, zu entschaedigen. Japans Ansehen in Korea ist eher schlecht als gut zu bezeichenen.

  3. Die Parallele ist zu offensichtlich, als dass sie jemandem entgehen könnte: Südkorea ist das Westdeutschland vor der Wende, und Nordkorea die DDR. Auch den Südkoreanern ist dies keineswegs entgangen, und sie haben deshalb die deutsche Wende und alle ihre Nachwirkungen gründlich studiert. Dabei sind sie zu dem ernüchternden Ergebnis gekommen, dass ihre Volkswirtschaft eine derartige Wende nicht ertragen kann.

    5 Leserempfehlungen
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    ...allerdings ging es ja nach der sogenannten Widervereinigung Anfangs wirtschaftlich steil bergauf. Zumeist westdeutsche Bauunternehmen durften sich über zehntausende Aufträge freuen, die ihnen auch noch mit Subventionen schmackhaft gemacht wurden.Der ostdeutsche Konsumwahn kannte keine Grenzen,Möbelmärkte und Elektrofachgeschäfte waren oft wie leer gefegt, Gebrauchtwagenhändler ließen sich selbst in den kleinsten Orten nieder.Selbstverständlich freuten sich auch die Banken über die Konsumgeilheit der Landsleute.
    Millionen Ostdeutsche zogen gen Westdeutschland, wo sie ihre Arbeitskraft für ein paar DM weniger als der westdeutsche Kollege verkauften,immerhin besser als von Arbeitslosengeld zu leben, denn die erworbene Freiheit musste ja schließlich auch mittels Ratenkredit refinanziert werden. Die westdeutsche Privatwirtschaft profitierten ungemein vom Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes.Vermutlich würde es in einem widervereinigten Korea ähnlich aussehen.

    ....in der Tat eine koreanische Wiedervereinigung nicht stemmen. Die deutsche Wiedervereinigung ist ja nicht zuletzt wegen der kaum vorstellbaren volkswirtschaftlichen Leistung Bonns zu bewundern. Fuer solche Leistung muss Deutschland einen Nobelpreis erhalten.
    Falls es aber zur koreanischen Wiedervereinigung kommen sollte, dann werden die USA den Suedkoreanern wieder helfen. Doch werden die Chancen hierfuer immer kleiner, weil China wirtschaftlich und militaerisch immer staerker wird und somit Nordkorea stark in ihren Bann zieht. China uebrigens, die eine lange Grenze zu Nordkorea hat, betreibt mit ihr trotz internationalen Sanktionen einen regen Handel.

  4. Der industrielle Sektor gedeiht, die Städte strahlen eine beeindruckende Dynamik aus. Doch für die meisten Bauern sieht die Zukunft nach dem TPP Beitritt des Landes düster aus.

    Eine Leserempfehlung
  5. ...allerdings ging es ja nach der sogenannten Widervereinigung Anfangs wirtschaftlich steil bergauf. Zumeist westdeutsche Bauunternehmen durften sich über zehntausende Aufträge freuen, die ihnen auch noch mit Subventionen schmackhaft gemacht wurden.Der ostdeutsche Konsumwahn kannte keine Grenzen,Möbelmärkte und Elektrofachgeschäfte waren oft wie leer gefegt, Gebrauchtwagenhändler ließen sich selbst in den kleinsten Orten nieder.Selbstverständlich freuten sich auch die Banken über die Konsumgeilheit der Landsleute.
    Millionen Ostdeutsche zogen gen Westdeutschland, wo sie ihre Arbeitskraft für ein paar DM weniger als der westdeutsche Kollege verkauften,immerhin besser als von Arbeitslosengeld zu leben, denn die erworbene Freiheit musste ja schließlich auch mittels Ratenkredit refinanziert werden. Die westdeutsche Privatwirtschaft profitierten ungemein vom Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes.Vermutlich würde es in einem widervereinigten Korea ähnlich aussehen.

  6. ....in der Tat eine koreanische Wiedervereinigung nicht stemmen. Die deutsche Wiedervereinigung ist ja nicht zuletzt wegen der kaum vorstellbaren volkswirtschaftlichen Leistung Bonns zu bewundern. Fuer solche Leistung muss Deutschland einen Nobelpreis erhalten.
    Falls es aber zur koreanischen Wiedervereinigung kommen sollte, dann werden die USA den Suedkoreanern wieder helfen. Doch werden die Chancen hierfuer immer kleiner, weil China wirtschaftlich und militaerisch immer staerker wird und somit Nordkorea stark in ihren Bann zieht. China uebrigens, die eine lange Grenze zu Nordkorea hat, betreibt mit ihr trotz internationalen Sanktionen einen regen Handel.

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    den beteiligten eu ländern. aus diesem topf profitierte west-deutschland am meisten

  7. kreativ will man werden nach dem wirtschaftlichen Supererfolg.

    Zu dieser Kreativität kommt jetzt auch noch die Wissenschaft.

    In Form von Walfang will man der Welt sicher die vortrefflichen Eigenschaften der südkoreanischen Walforschung der Welt präsentieren.

    Nichts als Lug und Trug. Man will schlicht demonstrieren wie weit man sich aus dem Fenster legen kann ohne abzustürzen.

    Mein Mittel gegen diese Art von "Wissenschaft" besteht in einem totalen Boykott aller Erzeugnisse, die dieses Land exportiert.

    Aber was da verbrochen wird ordnet sich nahtlos ein in die Verbrechen gegen diesen Planeten, die von den allermeisten Staaten stillschweigend geduldet werden.

    Kleines Beispiel: 1998, bei einem Aufenthalt in Kanada berichteten mir Kleinfischer an der Pazifikküste, dass sie nur noch kleine Mengen an Lachs fischen dürften, obwohl dieser Fischfang mit einem nicht nenneswerten Eingriff in die Bestände verbunden war.

    Der Grund war schlicht, dass man der industriellen Fischerei Fangrechte verkaufte, die man den Kleinfischern vorher wegnahm.

    Genau so sieht das aus.

    UNd was ich ganz stark vermisse ist ein wirklicher Aufschrei der Öffentlichkeit.
    Wie aber den zustande bringen wenn einem die publizistischen Mittel dazu fehlen, weil sie sich schon in anderen Händen befinden.

    Aber die Rechnung kommt!

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