Chinas RaumfahrtmissionMandarin für Astronauten

Der Erfolg von Chinas Raumfahrtmission elektrisiert auch die Europäer. Denn die Chinesen gelten als neue Partner im All. Doch die Zusammenarbeit ist heikel. von Kirsten Rulf

Kein Bild, auf dem sie nicht lächelt: Liu Yang winkt fröhlich zum Abschied, lächelt, als sie beim Raketenstart in ihren Sitz gepresst wird, und schwebt wenig später strahlend in das Raummodul Tiangong1 (»Himmelspalast«) ein: Chinas erste Taikonautin wirkt völlig unbeschwert. Dass allerdings ihr Lächeln, wie ihre Frisur, stets gleich perfekt sitzt, hat prompt die Gerüchteküche angeheizt. Sind die Bilder wirklich echt? Oder haben wieder einmal findige chinesische Zensoren nachgeholfen?

Mit ihrer Landung auf der Erde in dieser Woche geht Liu Yang jedenfalls gleich dreifach in die Geschichte ein: Die Luftwaffenpilotin ist die erste Chinesin im Weltraum, ihre Mission ist mit 13 Tagen die bisher längste Chinas, und ihre Raumkapsel Shenzhou 9 führte erstmals ein bemanntes Dockingmanöver aus. Gleich mehrmals koppelte sie an den Himmelspalast an – ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer eigenen chinesischen Raumstation.

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Auch deshalb haben die Europäer Liu Yangs Mission aufmerksam verfolgt: weil sich die Chinesen ab 2020, nach dem Aus für die Internationale Raumstation ISS, die Vorherrschaft im All sichern wollen und die Europäer sie darum als mögliche künftige Partner sehen.

Jean-Jacques Dordain, Chef der europäischen Raumfahrtagentur Esa, hat bereits für 2015 den Besuch eines chinesischen Raumschiffs an der ISS vorgeschlagen. Und im Januar kündigte Thomas Reiter, Esa-Direktor für bemannte Raumfahrt, entsprechende Arbeitsgruppen an, die eine solche Vision langfristig planen. »Wir sind sogar bereits dabei, Kolleginnen und Kollegen in Sprachtrainings zu schicken, dass sie Chinesisch lernen«, plauderte Reiter und fügte hinzu: »Ich muss gestehen, ich beneide die nicht darum. Russisch war schon schwer genug.«

Ob Reiter seine scherzhafte Bemerkung im Nachhinein unangenehm ist? Denn offiziell spricht man bei der Esa über eine Kooperation mit Chinas bemannter Raumfahrt gar nicht gerne. In der Pariser Zentrale der europäischen Raumfahrtorganisation bestreitet man sogar, dass es überhaupt eine Zusammenarbeit gebe. »Bisher hat außer sehr wenigen, unverbindlichen Gesprächen in dem Bereich rein gar nichts stattgefunden!«, heißt es dort. »Wir haben keine Kooperation.«

Doch so ganz stimmt das nicht: In der unbemannten Raumfahrt sind die Chinesen seit fast zehn Jahren selbstverständliche Partner der Europäer, vor allem der Deutschen. Zunächst gab es gegenseitige Besuche, später eine wissenschaftliche Zusammenarbeit. Vergangenes Jahr nahm Shenzhou8 eine deutsch-chinesische Versuchsanlage mit ins All. Und an dem Kooperationsprogramm Dragon, mit dem 2004 alles begann, arbeiten rund 400 Wissenschaftler aus Europa und China in Umwelt- und Klimafragen zusammen. In dieser Woche wird in Peking die Zusammenarbeit für die kommenden vier Jahre besiegelt.

Nähert man sich im Bereich der bemannten Raumfahrt nun ähnlich an? Zum Start von Shenzhou8 im vergangenen September luden die Chinesen eine europäische Delegation in die Wüste Gobi ein. Den Gegenbesuch der chinesischen Delegation Ende März 2012 zum Start des Raumtransporters ATV zur ISS nahm Europas Chefastronaut Frank de Winne in Empfang. Er führte die chinesischen Kollegen durch die Trainingsräume des europäischen Astronautenzentrums in Köln. Die Chinesen, so heißt es, seien von den Trainingsmöglichkeiten begeistert gewesen.

Frank de Winnes Kollege, der Franzose Thomas Pesquet, lernt bereits seit Mai Mandarinchinesisch. Der Jüngste im Esa-Astronautenkorps ist bisher nicht für einen Flug zur ISS vorgesehen. Hängt Pesquets Interesse an Chinesischkursen vielleicht damit zusammen, dass der Franzose sich auf eine Reisemöglichkeit mit den Chinesen einstellt? So will man das bei der Esa nicht verstanden sehen. »Es ist erst mal ein rein privates Interesse von Thomas, eine Fortbildung, die er für sich selbst macht. So wie andere eben Kurse in kreativem Schreiben belegen«, wiegelt man bei der Raumfahrtagentur in Paris ab. Merkwürdig nur, dass die Esa Pesquet und weiteren Mitarbeitern einen speziell für ihn auf Raumfahrtbedürfnisse zugeschnittenen Chinesisch-Sprachkurs bezahlt. Bis November sollen sich die Astronauten auf Mandarin verständigen können. Ob sich der Franzose allerdings in einer chinesischen Raumkapsel zurechtfinden würde, ist fraglich. Die dafür nötigen Schriftzeichen lernt er in seinem Kurs am Bochumer Landesspracheninstitut erst mal nicht.

Die Vorsicht der Esa bezüglich ihrer Kontakte zu China ist verständlich. Das bemannte Raumfahrtprogramm Chinas ist zum größten Teil vom Militär kontrolliert und dementsprechend sensibel. Eine einzige falsche Äußerung eines Esa-Mitarbeiters kann da viele Wege verbauen. Vor allem aber ist eine Zusammenarbeit mit den Asiaten – etwa auf der Internationalen Raumstation – unter den eigenen Partnern umstritten. Nasa-Chef Charles Bolden stellte Anfang Mai auf einem ISS-Symposium in Berlin unmissverständlich klar: »Für die ISS werden wir keine neuen Partner mehr haben.« Mit demonstrativ offenen Armen warb dagegen Kiyoshi Higuchi, Chef der japanischen Raumfahrtagentur Jaxa, dafür, »im Frieden neue Partner zu begrüßen«.

Esa-Chef Jean-Jacques Dordain ist ebenfalls offen für eine Annäherung mit den Chinesen auf der ISS. Er schlägt zum Beispiel ein universelles »Standardinterface« für das Andocken bemannter Raumschiffe an Raumstationen vor. Das könnte einen Anschluss der Chinesen an die ISS zumindest technisch recht schnell ermöglichen. Den dazu noch nötigen politischen Beschluss zur Zusammenarbeit mit China könnten die für die Esa zuständigen Raumfahrtminister bei ihrer nächsten Sitzung im Herbst fassen.

Die Chinesen planen in der Zwischenzeit nach dem Erfolg der vergangenen Tage noch eine weitere Mission für 2012. Ob mit oder ohne Europa: Dank Liu Yang und ihren beiden Kollegen ist die Volksrepublik bei der bemannten Raumfahrt einen großen Schritt vorangekommen.

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    • Schlagworte Raumfahrt | China
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