Tom FordErotik des Populären

Der amerikanische Modemacher und Filmregisseur Tom Ford gibt in München einen Cocktail. von Ingeborg Harms

Wo er ist, da ist Licht und Luxus: Modemacher und Regisseur Tom Ford (Archivbild 2011)

Wo er ist, da ist Licht und Luxus: Modemacher und Regisseur Tom Ford (Archivbild 2011)  |  © Reuters/Luke MacGregor

Voraussetzungen einer gelungenen Stehparty ist, bei aller selbstverständlich geforderten Eleganz, die ungezwungene Haltung: Man bleibt entspannt. An der nötigen Eleganz fehlte es dem Cocktail nicht, mit dem Tom Ford in München sein erstes deutsches Markengeschäft eröffnete. Der Gastgeber trug einen körpernah geschnittenen Tom-Ford-Anzug mit extrabreiter Krawatte und fand für jeden Gast persönliche Worte. Als entspannte Übung ließ sich sein Zeitlupen-Parcours durch die Menge allerdings kaum bezeichnen. Die schmalen, alles sondierenden Augen über dem sorgsam gestutzten Bart waren springlebendig, doch in jeder anderen Hinsicht hatte der Amerikaner sein fotogenes Äußeres fest im Griff.

Zwischen den museal beleuchteten Schaukästen für Handtaschen aus feinstem Leder, den im Lichtkegel wie ein kalifornischer Pool glitzernden Parfümverpackungen, den geschnürten und mit goldenen Reißverschlüssen versehenen Abendroben ließ sich keinen Moment lang vergessen, dass der Designer als junger Mann bei Andy Warhol in die Lehre gegangen war, schon als Kind die ersten fünfzig Jahre seines Lebens plante und für seinen Aufstieg in den Zenit der Mode Hollywoods Studiosystem zum Vorbild nahm. In gewisser Weise glich der Münchner Cocktail einem Filmset mit größerem Komparsenaufgebot. Immer wieder verschwand Tom Ford als leading man hinter dem schwarzen Vorhang einer Umkleidekabine, um sich für die nächste Runde von Gesellschaftsfotos zu wappnen.

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So schlagfertig und witzig der mit einer tiefen Flugkapitänsstimme begabte Texaner in kamerafreier Umgebung auftritt, so reduziert sind Mimik und Gesten, sobald potenzielle Nachwelt und globale Mitwelt optisch zugeschaltet sind. »Ich habe die Angewohnheit, an mich wie an ein Produkt zu denken«, sagt Ford. Seine Diät, seine morgendlichen Fitness-Rituale, seine Körperpflege und Kleidungstricks liefern Trendmagazinen den Stoff für ganze Artikel. Von der rigorosen Imagepflege anderer Popikonen, einer Lady Gaga oder Madonna, unterscheidet sich sein aufgeklärter Narzissmus allerdings durch eine sympathische Gebrochenheit.

Schimmernde Brüste und tiefe Hüfte: Tom Ford für Gucci, 1997

Schimmernde Brüste und tiefe Hüfte: Tom Ford für Gucci, 1997  |  © Reuters

2004 verlor Ford seine scheinbar unangreifbare Position an der Spitze des Gucci-Konzerns, wo 1990 die sagenhafte Karriere des damals 29-Jährigen begonnen hatte, als man ihn ins Designteam holte, um das heruntergewirtschaftete und durch Skandale gebeutelte Lederwarenhaus zu renovieren. In wenigen Jahren verwandelte Tom Ford das italienische Haus in die glamouröseste Modemarke der neunziger Jahre. Dem neuen Geld, das im Zuge der Dotcom-Revolution und dem Fall der Berliner Mauer nach standesgemäßer Ausstattung suchte, lieferte Ford neben den Partykleidern auch den Sexappeal der Macht.

Wie seine erotischen, von Mario Testino fotografierten Werbekampagnen zeigten, hatte er begriffen, dass sinnliches Glück ein größerer Neidfaktor als angehäufte Millionen ist. Nicht zufällig griff er bei seinen Gucci-Kollektionen auf hedonistische Epochen zurück, machte den Hippielook mit handbestickten zerrissenen Jeans und Afghanenpelzen zu Luxusbasics, verlegte den Bund seiner Hipster-Hosen provozierend nach unten, brachte Miniröcke und Babydolls zurück, zitierte das halbseidene Las-Vegas-Glitzern und trumpfte mit gesmokten Samtkleidern in Fin-de-Siècle-Lila auf, die den Anschein weckten, ihre Trägerinnen hätten sich nach einem Gelage im Hotelseparee in die Dekoschals gewickelt.

Zum Verhängnis wurde Tom Ford, dass er nicht nur ein begnadeter Trend-Psychologe war, sondern auch marktstrategisch dachte. Um die Zukunft des Unternehmens zu sichern, brachte er Gucci 1995 an die Börse und holte weitere Marken mit mythischem Potenzial wie Yves Saint Laurent, Balenciaga, Bottega Veneta und Stella McCartney unters Dach. Das nötige Geld kam durch eine strategische Allianz mit François Pinaults französischem Luxuskonzern PPR herein. Doch genau dieses »Studiosystem«, das einer ganzen Reihe von kreativ unabhängigen Designern optimale Arbeitsbedingungen bieten sollte, wurde ihm zum Verhängnis: Pinault forderte kreative Kontrolle, und Tom Ford nahm zähneknirschend seinen Abschied.

Bei dieser Entwicklung war es nicht gerade hilfreich, dass der Texaner den absoluten Fetisch der Modebranche, das Haus Yves Saint Laurent, für sich beanspruchte. Mailand war weit weg, und was man dort an Frivolitäten auf den Laufsteg brachte, das schüttelte die Pariser Modewelt mit einem Schulterzucken ab. Doch die Vorstellung, den Hohepriester der Eleganz, Yves Saint Laurent, noch bei Lebzeiten durch Guccis Partymacher ersetzt zu sehen, löste in Pinaults Heimat mehr als einen Aufschrei der Entrüstung aus.

Ford ist kein Intuitions-, sondern ein Konzeptkünstler. Konsistenz, eine klare Botschaft, die überwältigende Kraft des ikonisch Einfachen sind sein Terrain. In Paris versuchte er sich an der Quadratur des Kreises, an der Pop- version der Yves-Saint-Laurent-Frau als einem erotisch komplexen, un-nahbar mysteriösen, kopfgesteuerten Wesen. Es fiel ihm leichter, über sie zu philosophieren, als modisch den schmalen Grad zu finden, auf dem sie im 21. Jahrhundert wandeln konnte. Bei Tom Ford verdankte sie ihre Allüre weniger den Yves-Saint-Laurent-Archiven und ihren märchenhaften Schätzen als den Modefotos Helmut Newtons, der den Pariser Meister auf seine Art sehr folgenreich interpretiert hatte.

Leserkommentare
  1. grossartiger und brillanter Designer...GUCCI hat absolut richtig gelegen und er hat di Chance genutzt.

    Danke Tom, dass GUCCI sich wieder dort befindet wo es hingehört und zwar an der absolute Spitze der Modehäuser.

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  • Schlagworte Mode | Modedesign | Modeschöpfer | Regisseur
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