BrasilienPer Seilbahn aus der Favela

Weltweit leben etwa eine Milliarde Menschen in Slums. Im brasilianischen São Paulo wird erprobt, wie ihnen ein besseres Leben ermöglicht werden kann. von Thomas Häusler

Fabienne Hoelzel sieht aus, als wolle sie in der heimischen Schweiz Höhen erklimmen: blaues T-Shirt, Jeans, Wanderstiefel. Doch statt grüner Bergflanken reckt sich vor ihr ein grauer Steilhang empor, überwuchert von krummen Backsteinhäuschen. In den engen Gassen liegen keine Kuhfladen, vor denen die hohen Schuhe schützen müssten, dafür allerlei menschlicher Unrat. Statt Bergluft weht Fäkalgeruch von einem grünlich-gärenden Flüsschen herüber. Die 36-jährige Architektin ist unterwegs im Armenviertel Cabuçu de Cima am Rande der Megacity São Paulo.

Vor drei Jahren hat Hoelzel eine Forschungsstelle an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich gegen einen wackligen Schreibtisch im Wohnbauamt von São Paulo eingetauscht. Hier heckt sie Pläne aus, wie man die Lebensbedingungen in den 1.500 Favelas der Stadt verbessern könnte.

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Cabuçu de Cima zum Beispiel. Über die Jahre sind hier hunderttausend Menschen aus ärmeren Landesteilen angekommen, haben ein Stück Land besetzt und darauf eine Hütte errichtet. Nach und nach wurden gemauerte Häuschen daraus. Aber die Armut sei geblieben, erzählt der Bewohner Claudio Chaves: »Weil es hier kaum mehr Holzhütten gibt, nimmt man es nicht mehr so wahr, aber die Situation ist prekär: Drogen, häusliche Gewalt, Prostitution.« Jobs gebe es in Cabuçu so gut wie keine. Die wenigen Bewohner, die in der Stadt eine Stelle ergattern konnten, seien bis zu vier Stunden im Bus unterwegs – tagtäglich.

Für ein Drittel der Menschen in der 20-Millionen-Metropole ist dies der Alltag. Weltweit leben etwa eine Milliarde Menschen in Slums, bis 2030 werden es vermutlich doppelt so viele sein. »Länder wie die Schweiz und Deutschland sind Inseln des Wohlstands«, sagt Hoelzel, »die Zukunft des Planeten wird geprägt werden davon, wie wir mit Slums umgehen.« São Paulo hat eines der größten Programme für die Entwicklung der Armutsquartiere weltweit. Vier Prozent ihres Budgets gibt die Stadt dafür aus.

Wachsende Slums

Die Anziehungskraft der Städte ist ungebrochen: Mit 3,5 Milliarden Menschen lebt inzwischen fast die Hälfte der Weltbevölkerung in urbanen Räumen, zeigt der UN-Bericht »State of the world cities 2010/11«. Fast eine Milliarde von ihnen haben aber wenig Anteil am Wohlstand der Ballungsräume. Sie fliehen das Elend auf dem Land und finden sich im Elend der Städte wieder.

Slumwohnungen definieren die UN vor allem nach dem, was sie nicht bieten: Stabilität, Schutz gegen Hitze, Kälte und Eindringlinge, genügend Raum für den Einzelnen sowie Zugang zu sauberem Wasser und zu Toiletten. Nicht in jedem Slum fehlt es an allem. Ein Problem für Städte sind Slums, wenn sie zu Brennpunkten von Armut und Gewalt werden, die sich dem öffentlichen Eingriff entziehen.

Anteil in Städten

Zwar ist der Anteil der Slumbewohner in den Städten der Entwicklungsländer relativ gesunken, von 39 auf 32 Prozent. Die absoluten Zahlen jedoch steigen weiter, da die Städte sehr schnell wachsen. Seit 2000 kamen jedes Jahr rund sechs Millionen Arme hinzu. Bis 2020 werde die Zahl der Slumbewohner allein in den Entwicklungsländern auf rund 900 Millionen steigen, schätzen die UN.

Während Lateinamerika es schafft, die Zahl seiner Slumbewohner seit den neunziger Jahren bei rund 110 Millionen konstant zu halten, verzeichnen das südliche Afrika und Asien starke Zuwächse. Der Anteil der Slumbewohner an der städtischen Bevölkerung beträgt in Angola knapp 90 Prozent, in Mexiko sind es nur 15 Prozent.

Innerhalb der Wohnbaubehörde hat Fabienne Hoelzel eine Art Thinktank gegründet: »Von uns wird erwartet, dass wir nicht verwalten, sondern provozieren und Visionen entwickeln.« Im Falle von Cabuçu de Cima sieht das so aus: Zusätzlich zum Standardprogramm, das Strom, Wasser, Kanalisation und asphaltierte Straßen in einen Slum bringt, hat Cabuçu einen Stadtbauplan erhalten. Nicht nur das Nötigste soll eingerichtet, sondern die Favela als Ganzes attraktiver gemacht werden.

Früher sahen Zukunftskonzepte von Großstadtplanern meist anders aus: Verruchte Slums sollten verschwinden. Die Abrissbirne war oft das Mittel der Wahl. São Paulo schlägt in dieser Hinsicht eine grundsätzlich andere Richtung ein: Die Favela besteht, sie ist die Basis, auf ihr wird aufgebaut. Cabuçu erhält eine eigene Identität – und zu alledem noch neue Jobs.

Die Ingredienzien des Wunders: Cabuçu soll zur Ökotourismus-Destination werden, einen Zoo erhalten, eine Seilbahn sogar. Das klingt so ambitioniert, dass man eine planerische Kopfgeburt dahinter vermuten könnte, obwohl doch Hoelzel von sich sagt, dass sie »gerne nah an den Dingen« sei, gern sehe, »wie sich die Dinge auf der Straße verändern«. Etwas, was man in normalen Planungsbüros kaum erlebe.

Tatsächlich herrscht kein Mangel an hochfliegenden Plänen. Der brasilianische Architekt und Stadtplaner Carlos Leite spricht von einer Art Architektentourismus in den Slums von São Paulo. Professoren und Studenten renommierter Architekturschulen flögen für einige Wochen in einer Favela ein, skizzierten ein aufregendes Projekt und verschwänden wieder – ohne irgendwelche Folgen.

Hoelzels Pläne für Cabuçu de Cima fußen auf langjähriger und enger Zusammenarbeit mit den Bewohnern. So war es das Gespräch mit einem Ansässigen, der das Planerteam auf die Idee mit dem Ökotourismus brachte: »Da war dieser Mann, der voller Wut ausrief, dies hier sei das allerletzte Viertel von São Paulo. Hier, am äußersten Rand der Stadt, gebe es nichts, aber auch gar nichts.«

Warum nicht dieses urbane Defizit umkehren in einen Vorteil? Hinter den letzten Hütten von Cabuçu beginnt die Serra da Cantareira, ein Höhenzug, bedeckt von urwüchsigem Regenwald. In seinen Baumriesen brüten Papageien, Jaguare streifen durchs Gestrüpp. Aber obwohl es in São Paulo kaum Parks gibt, »ignorieren die Bewohner der Metropole die Serra da Cantareira total«, sagt Hoelzel, »die Stadt kehrt ihr den Rücken zu«.

Einige Parks am Rand des geschützten Urwalds sollen nun zu einem Naherholungsgebiet verbunden werden und die Favela Cabuçu die Funktion eines Eingangstors übernehmen, schlägt der neue Plan vor. Spektakuläres Kernstück des Entwurfs ist eine Gondelbahn; sie soll Besucher auf die Höhen der Serra da Cantareira hieven. Von dort hat man einen spektakulären Blick über das Häusermeer von São Paulo. Am Rand der Favela leben bereits Kleinbauern. Sie könnten künftig Gäste aufnehmen; neue Pensionen würden weitere Jobs schaffen. Ein Zoo soll lokale Tiere zeigen. »Für São Paulo sind das unheimlich luxuriöse Angebote«, sagt Hoelzel. Sie denkt dabei daran, dass die allermeisten Städter wegen des anhaltenden Verkehrsinfarkts kaum je Grün sehen. Die Kinder von Bekannten hätten noch nie ein lebendes Huhn oder eine Ziege zu Gesicht bekommen. »Ich bin überzeugt: für Wochenendtourismus gibt es hier ein riesiges Potenzial.« Das ehrgeizige Projekt ist als eines der Kernstücke für die diesjährige Architekturbiennale Rotterdam ausgewählt worden.

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