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Wahlen in den USA sind ein großes Geschäft. Neuester Trend: Skrupellose Geldsammler, die sich in Firmen organisieren. von 

US-Präsident Barack Obama auf einer Wahlkampfveranstaltung in Parma, Ohio

US-Präsident Barack Obama auf einer Wahlkampfveranstaltung in Parma, Ohio  |  © Chip Somodevilla/Getty Images

Paul Wilson macht gerne eine Stadtführung durch die baumgesäumten Straßen Alexandrias, wo sich sorgfältig restaurierte Backsteinhäuschen aneinanderschmiegen. »An der Ecke dort war die Kneipe, in der George Washington seine Treffen abgehalten hat«, erzählt er über die Kleinstadt, in der einst der erste US-Präsident zu Hause war. Wilson wirkt mit seiner dichten weißen Haarmähne selbst ein wenig wie ein Gründervater. Und tatsächlich sorgt er dafür, dass sich Amerikas Demokratie grundlegend verändert. Dabei ist Wilson weder Abgeordneter noch Senator, noch Minister. Er ist ein Campaign Consultant, einer jener Berater und Helfer im Hintergrund, die Politikern zum Wahlerfolg verhelfen. Ohne Männer wie ihn ist kaum mehr ein wichtiges Amt zu gewinnen.

Die Präsidentschaftswahl 2012 verspricht die teuerste der amerikanischen Geschichte zu werden. Wilson und seine Kollegen werden so viele Fernseh- und Radiospots produzieren wie noch nie, sie werden das Internet mit Botschaften fluten und Millionen von Broschüren drucken. Egal, wer schließlich im November das Weiße Haus gewinnt, eines steht fest: Der Einfluss der Wahlprofis wird die größte Demokratie der Welt mehr verändern, als die Entscheidungen der Wähler es tun werden.

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Wahlen in den USA sind Big Business. Alle Wahlen zusammengerechnet, werden Kandidaten, Parteien und Spender in diesem Jahr einer Studie zufolge bis zu zehn Milliarden Dollar ausgeben – mehr als die deutsche Bundesregierung für Familienpolitik. Der Kampf um die Präsidentschaft erhält dabei die meiste Aufmerksamkeit, aber er stellt nur die Spitze des Eisbergs dar. Alle zwei Jahre wird über die Zusammensetzung des Repräsentantenhauses und des Senats abgestimmt, Hunderte von Volksvertretern werden dann gewählt – wie auch jetzt im Herbst wieder. Zudem wählt jeder Bundesstaat sein Repräsentantenhaus sowie Senatoren, dazu einen Gouverneur. Viele Ämter und Positionen, die in Deutschland von Beamten besetzt werden, sind in Amerika Wahlämter – vom Sheriff über den Richter und Staatsanwalt bis hin zum Vorsitzenden des Schulbezirksvorstands. Mehr als eine Million Abstimmungen finden über eine Legislaturperiode von vier Jahren in den USA im Schnitt statt.

Lokale Kandidaten setzen nach wie vor auf bewährte Mittel: Sie organisieren Bürgertreffen, knabbern gegrillte Maiskolben auf der Kirmes der County Fair und schütteln Hände in Seniorenheimen. Ihre Kampagnen leben vom Einsatz von Freiwilligen, die meisten Mittel kommen von Familie und Freunden. Doch wer höhere Ambitionen hat – egal, ob für ein Amt im Bundesstaat oder in Washington –, der kommt um Profis wie Wilson nicht mehr herum. »Seit den siebziger Jahren sind die Wahlkämpfe immer professioneller geworden, der Trend hat inzwischen so gut wie alle Ebenen der politischen Vertretung erfasst«, sagt Candice Nelson, Expertin für Wählerverhalten an der American University in Washington.

Die Wahlkampagnen unterscheiden sich kaum noch von den Werbekampagnen etwa für Pepsi oder Procter & Gamble, nur dass statt Brause und Windeln der Kandidat verkauft werden soll. Insider der Hauptstadt gehen sogar so weit, Rick Santorums Niederlage gegen Mitt Romney bei den republikanischen Vorwahlen nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass er auf die Dienste eines sogenannten Pollsters, eines professionellen Marktforschers, verzichtete. Pollster erfassen die Anliegen der potenziellen Wähler, wie Marktforscher der Industrie versuchen, Verbraucherwünsche zu ergründen, damit die Marketingabteilung möglichst zielgenaue Werbebotschaften formulieren kann. Obamas Wahlmanager Jim Messina treibt das 2012 einen Schritt weiter – er ließ sich von Stars wie dem inzwischen verstorbenen Apple-Visionär Steve Jobs, Googles Aufsichtsratschef Eric Schmidt und Hollywood-Magier Steven Spielberg Tipps geben. Und er setzt auf Merchandising à la Disney, um Geld in die Kasse zu bringen: Es gibt Obama-Socken, Obama-Schürzen, Obama-Soja-Kerzen, Obama-Handtäschchen und Obama-Hunde-Pullis. Für die betuchteren Obama-Fans hat er auf Anraten der einflussreichen Vogue -Chefin Anna Wintour eine Luxus-Kollektion herausgebracht. »Kampagnen heute sind nichts anderes als Konzerne auf Zeit«, sagt John Zogby, der als einer der Pioniere der Beraterzunft gilt. Wenn Obama vorgeworfen werde, er habe keinerlei Wirtschaftserfahrung, verweise er zu Recht darauf, er habe immerhin erfolgreich eine Multimillionen-Dollar-Kampagne geführt, meint Zogby.

Leserkommentare
  1. den letzten Wahlkampf der USA habe ich gefühlt noch in Erinnerung und schon wieder wird gross gefeiert.
    Nun ja, Geld verbrennen mal anders . Die müssens ja haben (Geldschleudern). Bald werdens nicht mehr haben, dann alles riesengross pleite, und alles nixos Geldos.

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    Na, wieso verbrennen sie das Geld denn?

    Die Wahl ist doch ein gigantisches Konjunkturprogramm für die Werbeindustrie! Webdesigner, Grafikdesigner, social media Leute... endlich müssen die Freelancer nicht um die nächsten Monate bangen, sondern wissen dass die Aufträge schon kommen werden, der Wahl sei dank.

    Wäre für Berlin gar nicht mal so schlecht. ;)

    Ich hab natürlich keine einzige Quelle für meine Aussage. Aber Geld das in Broschüren, Spots und Werbung fließt... da verdient eine ganze Branche dran, fürs Geld verbrennen muss man schon einen Banker fragen.

  2. Woran, liebe Frau Buchter, bemessen Sie das? Von der Einwohnerzahl her ist es zumindest Indien.

    P.S.: That's how things work -> https://www.youtube.com/w...

    • deDude
    • 09. Juli 2012 10:38 Uhr

    [...]Viele Ämter und Positionen, die in Deutschland von Beamten besetzt werden, sind in Amerika Wahlämter"

    Ist vielleicht auch in gewisser Hinsicht besser so. Politiker kommen und gehen, aber Beamte kleb(t)en meist endlos am Sessel und lachen sich ins Fäustchen...

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    • joG
    • 09. Juli 2012 10:50 Uhr

    ....nur ist es dem Hiesigen kaum möglich so zu denken. Man hat sich an den Balken im Auge gewöhnt und bemerkt ihn nicht. Aber das Beamtensystem hat ein Gewicht erreicht, das den demokratischen Prozess zerstört.

    • Karl63
    • 09. Juli 2012 10:38 Uhr

    Wie bekannt entstand die Bundesrepublik aus einem Teil dessen, was die braune Diktatur von Deutschland übrig gelassen hatte. Historisch ist in vielerlei Hinsicht belegt, der Aufstieg der Nazis wurde durch erhebliche finanzielle Zuwendungen eines Teils der Deutschen Wirtschaft ermöglicht. Insofern galten mit Gründung der Bundesrepublik andere Regeln für die Finanzierung von Parteien durch Spenden und eine Entwicklung wie aktuell in den USA wäre hier eindeutig nicht konsensfähig.
    Eine Frage die sich aus hiesiger Sicht stellt ist, ob denn die Verwandlung eines Wahlkampfs in eine Form von kostenintensiven Marketing nicht in eine Erstarrung der Demokratie mündet. Wir leben in einer Welt, die sich rasch verändert und eine Reaktion darauf ist, dass in unseren Parlamenten immer mal wieder Parteien auftauchen, die andere Konzepte / Ideen verkörpern.
    Wenn ein erfolgreicher Wahlkampf von der Akquise von sehr viel Geld abhängt, dann wird dies zwangsläufig etablierten Parteien einen Vorteil gewähren.

    • Moika
    • 09. Juli 2012 10:43 Uhr

    Wenn anstatt Fakten, Argumenten und aussagefähigen Programmen nur noch die Zeit der gekauften Werbeminuten zur Präsidentschaft führt, ist in den USA die nicht nur die Demokratie am Ende.

    Ich wünsche mir fast den Sieg Romneys und damit der Republikaner um zu sehen, wie weit die Partei der Tea-Party und den Klerikalen mit ihren Spinnereien entgegen kommt. Ich fürchte, nur ein heilsamer Shock könnte hier noch helfen.

  3. Na, wieso verbrennen sie das Geld denn?

    Die Wahl ist doch ein gigantisches Konjunkturprogramm für die Werbeindustrie! Webdesigner, Grafikdesigner, social media Leute... endlich müssen die Freelancer nicht um die nächsten Monate bangen, sondern wissen dass die Aufträge schon kommen werden, der Wahl sei dank.

    Wäre für Berlin gar nicht mal so schlecht. ;)

    Ich hab natürlich keine einzige Quelle für meine Aussage. Aber Geld das in Broschüren, Spots und Werbung fließt... da verdient eine ganze Branche dran, fürs Geld verbrennen muss man schon einen Banker fragen.

    Antwort auf "Saus und Braus"
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    • eeee
    • 09. Juli 2012 13:36 Uhr

    Entfernt. Kein konstruktiver Kommentar. Die Redaktion/kvk

    • joG
    • 09. Juli 2012 10:44 Uhr

    ... und Spender in diesem Jahr einer Studie zufolge bis zu zehn Milliarden Dollar ausgeben – mehr als die deutsche Bundesregierung für Familienpolitik."

    Und da fragt man sich, wieso in Deutschland die Familienpolitik nicht funktioniert.

    Aber im Ernst. Sind 10 Milliarden Dollar wirklich viel? Es geht um eine Gesellschaft von über 300 Millionen Einwohnern und eine Wirtschaft von über 15.000 Milliarden. Also ich finde da 10 Milliarden in Ordnung. Ist es notwendig? Vielleicht hätte man hier mehr ausgeben sollen.Vielleicht hätte man dann den Fehler mit dem Euro vermieden.

  4. eine kleine Übersicht -> http://www.opensecrets.or...

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    ist es noch hier -> http://projects.propublic...

    Dass Big Money überwiegend der GOP zuneigt, ist ja nicht weiter verwunderlich.

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