DIE ZEIT : Mit 55 Jahren sind Sie der jüngste Kardinal der Welt. Wann waren Sie eigentlich zum ersten Mal in Rom?

Rainer Maria Woelki: Zum allerersten Mal? Da muss ich ungefähr 16 gewesen sein.

ZEIT: Schon damals ziemlich jung...

Woelki: Eigentlich war es ein Gelübde unseres Jugendkaplans. Ich war an einem öffentlichen Gymnasium in Köln-Mülheim, an dem es damals noch einen Schulgottesdienst gab, der aber abgeschafft werden sollte. Unser Religionslehrer sagte, wenn uns die Schulmesse erhalten bleibt, machen wir eine Fahrt nach Rom. Später, nach meiner Schulzeit, folgten weitere Rom-Fahrten. Da bin ich dann auch zum ersten Mal Joseph Ratzinger begegnet.

ZEIT: Wie das?

Woelki: Der Kardinal feierte damals oft die Heilige Messe im Campo Santo, wo deutsche Theologiestudenten wohnen. Unser Kaplan hatte bei ihm studiert und hat mich ihm vorgestellt.

ZEIT: Heute steht der Papst unter Druck wie selten zuvor. Wenn Sie die jüngsten Affären um vertrauliche Dokumente und veruntreutes Geld im Vatikan erleben, überrascht Sie das Ausmaß des Skandals?

Woelki: Mich beeindruckt, wie klar der Papst sagt, hier gilt es, Aufklärung zu betreiben. Wo Missstände sind, will er sie aufdecken und etwas ändern. Für mich ist das ein Zeichen von Stärke.

ZEIT: Aber erschreckt Sie nicht das Ausmaß des Skandals?

Woelki: Überall, wo Menschen sind, gibt es natürlich Schwäche, leider auch in der Kirche. Was wir sagen, das sollten wir auch versuchen zu leben. Umso ärgerlicher ist es, wenn im Raum der Kirche eine Bank schlecht agiert oder sogar Geldwäsche passiert und finanzielle Unregelmäßigkeiten geschehen. Das darf bei uns keinen Ort haben.

ZEIT: Aber Geldwäsche ist ein gravierendes Verbrechen.

Woelki: Ja natürlich, und ich bin froh darüber, dass es in Rom im letzten Jahr einen Neubeginn gab, für den der Papst gesorgt hat. Umgekehrt dürfen wir aber nicht behaupten, dass die Geschichte der Kirche frei von solchen Dingen war. Das hat es leider immer gegeben.

ZEIT: Das macht es doch nicht besser!

Woelki: Natürlich nicht, aber wir sollten auch ein Gefühl für die Perspektive und das Ganze behalten. Und die Kirche war sich auch immer der Fehlbarkeit ihrer Glieder bewusst, daher das alte Wort »Kirche der Sünder, Kirche der Gnade«.