Deutsche Architektur : Und davon soll ich träumen?

Deutschland hat ein Eliten- und ein Architektenproblem. Eine Exkursion in die Welt der Luxushäuser.

Schönheit, das weiß man ja, hat ihren Preis. Und Hässlichkeit? Ist auch nicht gerade billig. Auf dem Immobilienmarkt, da kostet selbst der größte Murks nicht selten zwei, drei, manchmal auch fünf Millionen Euro. Allerdings nur, wenn der Murks auch ein paar stramme Säulen aufweist, dazu ein retrogesinntes Walmdach und am besten ganz viele Buchsbaumkugeln. Dann jubelt der Makler: Ein echtes Juwel! First class! Und es ist ihm ziemlich gleichgültig, dass es sich bei der »hochwertigen Landhausvilla«, bei dem »herrschaftlichen Anwesen« und auch bei dem »Wohntraum auf großem Grundstück« meist nur um eine besonders dauerhafte Form von Luxus-Trash handelt.

Da hat es ein Bauherr zu viel Geld gebracht, und das dürfen jetzt auch ruhig alle sehen. Etwas Großes und Stolzes muss her, irgendwie ehrwürdig und klassisch soll es sein, aber auch unbedingt modern und individuell, und vor allem schön behaglich, am besten mit Sprossenfenstern. Heraus kommt dann oft irgendein vulgär verwachsenes Protz- und Motzgebilde, hilflos zusammengemauert, aufgepeppt mit Rundbogenfenstern und Balustraden und nicht selten derart rücksichtslos in die Gegend gerammt, dass man sich zweifelnd fragt, ob es sich wirklich um ein Haus und nicht doch um eine schräge Filmkulisse handelt, aus Pappmaschee. Aber nein, es gibt diese Scheußlichkeiten wirklich, und nie waren sie teurer als heute.

Nur ein paar Monate ist es her, da diskutierten alle über Christian Wulff und sein kleines Backsteinhaus in Großburgwedel. Das Haus wurde von vielen Architekten verlacht, von Journalisten als Gemütsschrott und Biederkeitsbunker verhöhnt und überhaupt vom intellektuellen Milieu bestenfalls milde belächelt. Sie alle haben keine Ahnung. Sie wissen nicht, wie sittsam und wohlgestalt dieses Haus in Wahrheit ist, verglichen mit dem, was sonst landauf, landab in die Dörfer und Vorstädte gestellt wird.

Ich weiß schon, es gibt auch die Guten und Schönen. Häuser, die in den Reservaten der Wohn- und Bauzeitschriften gerühmt werden, manchmal auch einen Architekturpreis gewinnen. Doch in der Wirklichkeit, dort draußen im Lande, treten sie kaum in Erscheinung. Wer einfach mal durchs Internet schaut, wer über die Seiten der Immobilienbranche streift und sich dort – nur so zum Spaß – das Teuerste vom Teuren vorführen lässt, den ganzen deutschen Superreichtum, der merkt rasch, wie erschreckend ärmlich es dort zugeht. Der allgemeine Schönheitssinn: heruntergekommen. Das Proportionsgefühl: wohlstandsverwahrlost. Lauter Spießigkeiten auf Millionenniveau. Nicht mal für richtige Werbefotos scheint es zu reichen.

Offenbar haben es viele Makler nicht nötig: Die Nachfrage ist gewaltig, da gibt man sich keine weitere Mühe, da knipst man einfach drauflos. Findet sich ja eh ein Käufer, ganz egal, wie verzerrt und grell das in den Anzeigen auch aussieht. Einige der Bilder drucken wir auf dieser Seite zitatweise nach, eine kleine Auswahl aus einem gigantischen Fundus des Absurden. Allerdings bin ich den Maklern eigentlich dankbar für die ungekünstelten Fotos. Ihre Texte schwärmen von noblen, edlen, eleganten Häusern – »Imposante Villa in understatement«! Die Bilder aber wollen nichts beschönigen, sie zeigen, was sonst nirgends zu sehen ist, nicht in Büchern, Ausstellungen, Zeitungen. Sie führen uns vor Augen: Die Deutschen haben ein Architektur- und vor allem ein Elitenproblem.

Gerade dort, wo das Geld wohnt und wo man früher wohl das Großbürgertum vermutet hätte, Menschen mit Bildung, mit einem verfeinerten Stil- und Formempfinden, scheint heute oft nur noch ästhetischer Analphabetismus zu Hause zu sein. Ganz gleich, ob es die Bewohner lieber bauhausartig verschachtelt oder portikushaft prächtig mögen, ob sie zum Modernismus neigen oder zum Historismus, ihre architektonischen Gehäuse sind meist gleichermaßen niederschmetternd. Sie zeugen von einer Unbeholfenheit, die auch im Laubenpiepermilieu nicht größer sein könnte.

Hört sich das nach Übertreibung an? Vielleicht. Und doch, ich übertreibe nicht. Jeder kann sich ein Bild von der Misere machen, nur ein paar Klicks, und schon beginnt die Exkursion ins baukulturelle Niemandsland.

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