Am Freitag letzter Woche, morgens um neun, fiel Horst Arnold in Völklingen von seinem Fahrrad und starb. 53 Jahre war er alt, Herzversagen. Doch es gibt eine zweite Todesursache: Horst Arnold starb, weil er vom Unrecht zermürbt war, weil der deutsche Staat, dem er als Lehrer gedient hatte, ihn psychisch und physisch zugrunde gerichtet hatte.

Sein Leiden beginnt im September 2001. Da stehen sechs Polizisten mit einem Haftbefehl vor der Tür. Arnold, damals 42 Jahre alt und geschieden, Gymnasiallehrer für Biologie und Sport an der Georg-August-Zinn-Schule im Odenwald, ist seit einigen Tagen vom Schuldienst suspendiert. »Wegen Beschwerden«, wie es heißt. Anfangs hatte sich Arnold nicht gewundert; er wusste um sein Alkoholproblem. Doch jetzt erfährt er: Die neue Kollegin Heidi K., Lehrerin für Biologie und Deutsch, beschuldigt ihn der Vergewaltigung.

Zunächst kann Arnold nicht glauben, was ihm geschieht, so hat er es später wieder und wieder erzählt: den Richtern, den Journalisten, den Fernsehmoderatoren. Es muss ein fürchterliches Missverständnis sein. Aber er kommt ins Gefängnis.

In den folgenden Wochen, Monaten, Jahren wird er das Opfer eines vermeidbaren Fehlurteils, gefällt vom Landgericht Darmstadt. Die Polizeibeamten, Staatsanwälte und Richter ignorieren – blind vor Mitleid mit einem vermeintlichen Opfer – wichtige Fakten und Beweise.

Die Staatsanwaltschaft Darmstadt sieht das Geschehen so: Horst Arnold soll am 28. August 2001 während der großen Pause der Kollegin Heidi K. im Biologievorbereitungsraum aufgelauert und sie dort im Stehen anal vergewaltigt haben. Dies hat Frau K. bei der Polizei ausgesagt. Unter Tränen wiederholt sie es in der Hauptverhandlung. Die ergreifende Darbietung überzeugt das Gericht. Niemand beachtet die Aussage der Gynäkologin, die das angebliche Opfer untersucht und keine Spuren gefunden hatte. Niemand wundert sich darüber, dass Frau K. nach der Vergewaltigung weiter unterrichtete und abends mit Kolleginnen feierte. Auch dass sie lügt, stört das Gericht nicht: Die Frau behauptet in der Verhandlung, Tage nach der Vergewaltigung von Arnold bedroht worden zu sein – zu einer Zeit, da dieser längst in Untersuchungshaft saß.

Fünf Verhandlungstage reichen, Horst Arnolds Leben zu zerstören. Die Richter verurteilen ihn zu fünf Jahren Haft. Höllenqualen, so erzählt er später bei Beckmann, habe er im Knast erlitten. Als Sexualstraftäter wird er im Gefängnis von Mithäftlingen verprügelt und gedemütigt, kommt zeitweise 23 Stunden in Isolationshaft. Seinen todkranken Vater darf er nicht einmal unter Aufsicht und in Handschellen besuchen, seine Liebesbeziehung zerbricht, die Frau wendet sich ab. Arnold erleidet einen stressbedingten Schlaganfall. Als er nach 1800 Tagen, nach Vollverbüßung seiner Strafe entlassen wird, ist er ein Wrack. Seinen Glauben an den Rechtsstaat hat er verloren wie sein Haus, seine Freunde, sein Vermögen.

Wer sich in der Strafjustiz auskennt, weiß, dass feministische Beratungsstellen oft eine zentrale Rolle bei falschen Vergewaltigungsvorwürfen spielen – im Fall Arnold ist es andersherum. Eine Feministin ist es, die den Justizirrtum knapp ein Jahr nach Arnolds Entlassung aufdeckt. Anja Keinath, Frauenbeauftragte der Odenwälder Schulen, kennt die Lehrerin Heidi K. seit dem Einstellungsgespräch. Sie hat die angeblich Vergewaltigte in der Verhandlung begleitet und ihr beigestanden. Allmählich kommen ihr allerdings Zweifel an den immer neuen, immer abenteuerlicheren Geschichten: Einmal erzählt K., ihr Lebensgefährte sei nach einem Kopfschuss im Krankenhaus gestorben. In Wirklichkeit ist der Mann kerngesund. Ein anderes Mal behauptet sie, man habe an einer südhessischen Schule versucht, sie zu vergiften. Dann sagt sie, der Ermittler in der Sache Arnold sei wegen seiner tapferen Nachforschungen heimtückisch ermordet worden. Die Frauenbeauftragte Keinath kennt zufällig jenen Beamten und weiß, dass er sich das Leben genommen hat. In Keinath keimt ein Verdacht: Was, wenn Heidi K. auch die Vergewaltigung erfunden hat?