Diane ArbusMit entsicherter Waffe

Eine Ausstellung in Berlin feiert das Werk der großen Fotografin Diane Arbus. von Tobias Timm

So sehen Krieger aus. Der Mann hat einen Strohhut auf dem Kopf, sein Antlitz ist noch nicht wirklich erwachsen, etwas verloren stehen Ohren und Nase aus dem Gesicht. Aber seine Lippen haben bereits einen entschlossenen Zug. Unter dem Gesicht trägt der Mann eine Schleife um den Hals, auch sie ist entschlossen festgezurrt. Am Revers des schlottrigen Jacketts eine zweite Schleife zum Anstecken: das Sternenbanner. Und darunter ein überdimensionierter runder Button: »God Bless America. Support Our Boys in Vietnam«. Ein dritter Anstecker bringt seine Meinung noch lapidarer auf den Punkt: »Bomb Hanoi« .

Diane Arbus hat das Bild dieses Mannes mit Strohhut gemacht, 1967 in New York bei einer Pro-Kriegs-Demonstration, und es ist programmatisch für das Werk dieser großen Fotografin – die jetzt mit einer umfangreichen Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau (Bis 23.9.2012, täglich außer Dienstags von 10–19 Uhr) geehrt wird. Programmatisch deshalb, weil sich in dem Bild der sezierende Blick einer Kulturanthropologin zeigt. Ein Blick, der stets das Allgemeine im Besonderen und das Besondere im Allgemeinen herauszuarbeiten versucht, dabei sowohl Mittelklassefamilien als auch Transvestiten in den Fokus nimmt. Ein zuweilen politisch engagierter Blick, der zwar einen Kriegsbefürworter ins Aus stellt – ohne aber dabei einem jungen Mann mit Strohhut seine Würde zu nehmen.

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Im Gegensatz zu anderen Fotografen ihrer Zeit rückt die neugierige Arbus ihre Porträtierten meist mittig in den Vordergrund. Und es sind die Ex-Zentriker, die sie besonders gern ins Zentrum ihrer Bilder schiebt: den Jahrmarktdarsteller etwa, der sich das »menschliche Nadelkissen« nennt, die Domina mit ihrem Kunden oder den Gesichtstätowierten. Ihre Schwarz-Weiß-Bilder leben von einer paradoxen Mischung aus Distanz und Empathie für die Dargestellten, egal ob da nun ein Transvestit mit Lockenwicklern gezeigt wird, eine nackte Kellnerin mit kleiner Spitzenschürze in einem Nudistencamp oder eine ältere Dame mit Schleier und Perlenohrringen, die auf einer New Yorker Straße steht und wie eine gigantische Sahnetorte strahlt. Die Menschen können sich vor Arbus’ Kamera in Ruhe aufbauen, sie können sich in Pose bringen. Und es waren meist die etwas steifen Posen, die Diane Arbus dann ablichtete, nicht die exaltierten. Sieht man einmal von diesem Jungen ab, der eine Spielzeuggranate in der Hand hält und ganz fürchterlich wild aussehen will beim Spielen im Park.

Diane Arbus
Um die Fotostrecke zu sehen, klciken Sie bitte auf das Bild.

Um die Fotostrecke zu sehen, klciken Sie bitte auf das Bild.  |  © The Estate of Diane Arbus

New York war ihr liebstes Feld, hier zog sie durch den Central Park oder den Washington Square Park, durch Coney Island und die Varietés auf der Suche nach jenen Menschen, die ihrem Sinn von Exzentrik entsprachen.

In New York war Diane 1923 in eine wohlhabende, liberale Familie geboren worden. Die Eltern schickten sie auf progressive Schulen und förderten ihre künstlerischen Ambitionen: Am liebsten wäre es ihnen wohl gewesen, wenn aus der Tochter eine große Malerin geworden wäre. Doch die zieht es vor, zusammen mit ihrem Mann Allen Arbus Modefotografien zu inszenieren, gemeinsam füllt man die Seiten von Magazinen wie Glamour und Vogue. Erst Mitte der fünfziger Jahre beginnt Diane Arbus mit eigenen Bildern an die Öffentlichkeit zu gehen, sie fotografiert die Darsteller aus den Freakshows in deren Wohnzimmern und den bösen Blick kleiner Jungen auf der Straße.

1971, mit 48 Jahren, nahm sich die von Depressionen gepeinigte Arbus in New York das Leben. Im folgenden Jahr bedachte das Museum of Modern Art die Mutter zweier Töchter mit einer großen Retrospektive. Sie hatte mehr als 7000 Kontaktbögen voller Bilder hinterlassen.

Einige von Diane Arbus’ Figuren sind zu Ikonen geworden, etwa das eineiige Zwillingspaar in New Jersey, die zwei kleinen Mädchen mit den identischen weißen Haarbändern, oder der Jüdische Riese zu Hause mit seinen Eltern in der Bronx von 1970. Auch sie kann man jetzt im Berliner Gropius-Bau auf Originalabzügen betrachten. Die Ausstellung ist zwar wirr kuratiert – die Bilder hängen in keiner nachvollziehbaren Ordnung, sind weder chronologisch noch thematisch gegliedert –, und es gibt auch keinen neuen Katalog (der maßgebliche Katalog zu Arbus bleibt der zuerst 2003 bei Schirmer/Mosel erschienene Band Revelations). Und doch gewinnt man aus den rund zweihundert Fotografien, den Tagebuchauszügen und Briefen einen guten Eindruck von dem Leben und Werk dieser Fotografin.

Zu sehen sind in Berlin auch Porträts einiger Intellektueller. Etwa ein Foto von Susan Sontag, die Arbus nach deren Tod in den berühmten Aufsätzen Über Fotografie jede Empathie für ihre Porträtierten absprach und ihr einen naiven, ahistorischen Blick vorwarf. Sontag sitzt 1965 vor Arbus’ Kamera auf einer Matratze und raucht eine Zigarette. Und Norman Mailer fläzt sich auf seinem Porträt von 1963 so breitbeinig auf einem Sessel, dass einem dieses gedemütigte Möbel fast schon leidtut. Diane Arbus eine Kamera in die Hand zu geben, sagte Norman Mailer später einmal, das sei so, als ob man ein Baby mit einer scharfen Handgranate spielen lasse.

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Leserkommentare
  1. Danke für den interessanten Hinweis, werde ich mir ansehen.

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