Beethoven & GoetheDas Treffen in Teplitz

Nur ein Mal sind sich Beethoven und Goethe begegnet, im Juli 1812 in Böhmen. Es war die Begegnung zweier Generationen, zweier Jahrhunderte. von Martin Geck

Teplitz im Sommer 1812: So stellte sich der Maler Carl Rohling das Treffen von Beethoven und Goethe vor.

Teplitz im Sommer 1812: So stellte sich der Maler Carl Rohling das Treffen von Beethoven und Goethe vor.  |  Public Domain/Wikipedia

Teplitz im Sommer 1812: Wie immer trifft sich, was Rang und Namen hat, in dem eleganten böhmischen Bad, 90 Kilometer nordwestlich von Prag. Man steigt ab im Grand-Hôtel zur Post, im Goldenen Schiff oder in der Goldenen Sonne – sofern man nicht gleich im Schloss wohnt, das der österreichischen Familie Clary-Aldringen gehört, jedoch dem gesamten Hochadel offensteht. 1812 gibt dort das österreichische Kaiserpaar seine Empfänge, ferner der König von Sachsen, der Großherzog von Würzburg und der Herzog von Sachsen-Weimar.

Es ist eine unruhige Zeit: Europa seufzt unter der Herrschaft Napoleons. Gerade ist die Grande Armée mit 600.000 Mann in Russland eingefallen, und ein Jahr später werden just im Teplitzer Schloss die drei alliierten Monarchen von Österreich, Preußen und Russland ihr Bündnis gegen Napoleon schließen.

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Man diskutiert die politische und militärische Lage, man plaudert, man genießt auch des Brunnens – schließlich sind in Teplitz mehr als ein Dutzend Badeärzte tätig – und begutachtet die neu eintreffenden Gäste, deren Namen das »Anzeigs-Protocoll« mitteilt. Als unter dem 15. Juli aufgeführt wird: »Hr. Johann Wolfgang von Goethe, herzogl. Weimarischer Geh. Rat usw. usw., im gold. Schiff Nr. 116«, ist nicht zuletzt der »Compositeur« Ludwig van Beethoven elektrisiert, der schon seit dem 5. Juli in Teplitz weilt und im Gasthof Zur Eiche wohnt. Beethoven wartet geradezu auf das Eintreffen des berühmten Dichters, und dieser zeigt sich nicht abgeneigt, das Musikgenie, von dem man allenthalben spricht, persönlich kennenzulernen.

Martin Geck

Der Autor ist Professor (em.) für Musikwissenschaft an der Universität Dortmund. Anfang Oktober erscheint im Siedler Verlag seine neue Wagner-Biografie; seine Beethoven-Monografie von 1996 ist weiterhin als Rowohlt-Taschenbuch erhältlich.

Ein Bad wie Teplitz ist der ideale Ort dazu. Denn kaum würde sich Beethoven von Wien nach Weimar aufgemacht haben, bloß um dem Dichterfürsten aufzuwarten. Und fast abwegig erscheint der Gedanke, der über sechzig Jahre alte Goethe hätte von sich aus den Kontakt zu dem eine Generation Jüngeren gesucht. Man sieht: Die damalige Kurkultur diente auch dem kulturellen Austausch, den heute öffentliche Gesprächsrunden oder Talkshows ersetzen müssen. Doch man stelle sich vor: Goethe und Beethoven bei Beckmann!

Das Treffen in Teplitz im Juli 1812 umranken viele Legenden. Wer es verstehen will, sollte die Vorgeschichte kennen – und den sozialhistorischen Hintergrund. Just mit Beginn des 19. Jahrhunderts wird der Komponist vom »Tonsetzer« zum »Tonkünstler« oder »Tondichter« nobilitiert. Für die Frühromantiker ist die Musik die Kunst des »Absoluten« und »Unendlichen«, und so legt die gebildete Gesellschaft den großen Meistern die ehrenvolle Verpflichtung auf, das Ihrige zu den Ideen der Zeit beizutragen, anstatt nur für religiöse Erbauung oder angenehme Unterhaltung zu sorgen.

Beethoven ist einer der Ersten, die diese Aufgabe bis ins Letzte ernst nehmen und alles daransetzen, der Forderung der Zeit zu entsprechen. »Es gibt keine Abhandlung«, so schreibt er 1809 seinem Leipziger Verleger Gottfried Christoph Härtel, »die sobald zu gelehrt für mich wäre.« Denn von Kindheit an habe er sich bemüht, »den Sinn der Bessern und Weisen jedes Zeitalters zu fassen: Schande für einen Künstler, der es nicht für seine Schuldigkeit hält, es hierin wenigstens so weit zu bringen«.

Er studiert antike Philosophen, liest Kant, Schiller und Goethe. Er schreibt Klaviervariationen über das Goethe-Lied Ich denke dein und vertont in den Liedersammlungen op. 52, op. 75 und op. 83 Verse des Weimarer Dichters. Vor allem aber komponiert er in den Jahren 1809/10 die Schauspielmusik zum Trauerspiel Egmont op. 84. Vordergründig ist es nur ein Auftrag des Wiener Hoftheaters, tatsächlich jedoch ein Bekenntnis: Namentlich die Ouvertüre gilt bis heute als Musterbeispiel für eine Ideenmusik, in der sich autonomer Gestaltungswille mit einer Hommage an Goethes Dramenfigur des Egmont verbindet, den Inbegriff des heroischen Menschen.

Wie wichtig es Beethoven ist, diese Musik, die er vor allem »aus Liebe zum Dichter geschrieben« hat, Goethe möglichst schnell zukommen zu lassen, zeigt ein mit »Euer Excellenz Großer Verehrer Ludwig van Beethoven« unterzeichneter Brief vom 12. April 1811. Darin kündigt er Goethe die Zusendung der Partitur durch den Verleger an und preist den »herrlichen Egmont, den ich, indem ich ihn eben so warm als ich ihn gelesen, wieder durch Sie gedacht, gefühlt und in Musik gegeben habe«.

Leserkommentare
  1. Zwei Große Künstler, die sich trafen sahen, und beide siegten. Keiner der beiden war ein einfacher Mensch, beide sehr introvertiert, aber nicht scheu zu den Gesellschaftsschichten. Wer von wem mehr profitierte, in seiner Werken nach dem Treffen weis ich nicht, dazu kenne ich mich nicht gut genug aus, Kinder hatten sie aber glaube beide nicht, also denk ich mal das sie danach die besseren Werke hervorbrachten, weil sie alles in ihre kunst investierten.

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    August von Goethe war das einzige der fünf Kinder Christiane und Johann Wolfgang von Goethes, das das Erwachsenenalter erreichte. Er studierte 1808/09[2] in Heidelberg drei Semester Rechtswissenschaften.

    Und Goethe hatte neben seinem literarischen Schaffen derart viel gemacht und geschafft, dass es unmöglich ist, es in ein paar Sätzen aufzuzählen.

  2. Das ist ein wirklich schöner, interessanter und lehrreicher Artikel. Werde ich mir abspeichern. Das Einzige, was etwas holprig ist, ist der Hinweis auf die Liebesbriefe am Ende - haben mich etwas verwirrt, weil ich nach dem Zusammenhang (außer Zeit und Ort) mit der Begegnung Beethoven/Goethe suchte. Ist immer eine Versuchung, sein weiteres Wissen in Exkursen und Postskripten zu zeigen, die aber bei kurzen Texten eher zur Verwirrung als Aufklärung führen...

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    • maksym
    • 14. Juli 2012 20:51 Uhr

    Der war auch dabei? Echt interessant.

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    ... hatte der Ihres Wissens Einreiseverbot in Böhmen?

  3. Beethoven war zum Zeitpunkt des Treffens 41 Jahre alt, ihn als junges Musikgenie zu bezeichnen, ist wohl etwas übertrieben. Er hatte schon sechs Sinfonie geschrieben und veröffentlicht und war ein arrivierter Künstler. Übrigens: Beethoven war drauf und dran, an den Hof des Bruders Napoléons, Jérôme, zu gehen. Er war also Hofämtern nicht so abgeneigt, wie der konstruierte Kontrast suggeriert.

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    • Panic
    • 15. Juli 2012 11:52 Uhr

    Beethoven hasste das Mäzentum. Und nichts anderes war ein Hofamt in der Zeit. Wenn Sie sich für Beethoven interessieren, dann lege ich Ihnen: "Beethoven" von Lewis Lockwood ans Herz. Meiner Meinung nach das beste Buch, was bisher über Beethoven geschrieben wurde. Ludwig hasste alles, was ihn in irgendeiner Weise beschnitt. Und das tat fast jeder und alles in seiner Zeit. Warum? Weil er, wie schon ein anderer Kommentar richtig bemerkte, seiner Zeit weit voraus war.

    cheers

    aber trotzdem nahm er die Leibrente seiner adligen Mäzen an. Wer ist schon gerne abhängig? Auch Goethe wäre wohl lieber als Herzog geboren, als einem solchen um den Bart streichen zu müssen.

  4. ... hatte der Ihres Wissens Einreiseverbot in Böhmen?

  5. August von Goethe war das einzige der fünf Kinder Christiane und Johann Wolfgang von Goethes, das das Erwachsenenalter erreichte. Er studierte 1808/09[2] in Heidelberg drei Semester Rechtswissenschaften.

    Und Goethe hatte neben seinem literarischen Schaffen derart viel gemacht und geschafft, dass es unmöglich ist, es in ein paar Sätzen aufzuzählen.

  6. schon ganz lustig die schilderung der szene beim gemeinsamen spaziergang, als sie der hohen gesellschaft begegneten. die überlieferte reaktion der beiden mag tatsächlich einen anekdotenhaften charakter haben, sie spiegelt aber vorzüglich die persönlichkeit der protagonisten wider.

    hier der notorisch selbstverliebte und zur gefühlskälte neigende goethe, über den sich selbst schiller echauffierte, der stets auf etikette und persönliche vorteilnahme bedacht ist, gleichzeitig aber dem blauen geblüt eine servilität bezeugt.
    dort das wilde und ungestümte wesen beethoven, das durch sein gebrechen nur noch weiter bestärkt wird und eine einstellung gegenüber menschen, die sich aus ihrer ständischen position sonderrechte nehmen zu glauben.

    in goethe vermeint man noch das späte mittelalter zu spüren, während beethoven durch und durch den geist der französischen revolution atmet: egalite, liberte, fraternite !

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  7. Wir sind Goethooven!

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