Teplitz im Sommer 1812: So stellte sich der Maler Carl Rohling das Treffen von Beethoven und Goethe vor.

Teplitz im Sommer 1812: Wie immer trifft sich, was Rang und Namen hat, in dem eleganten böhmischen Bad, 90 Kilometer nordwestlich von Prag. Man steigt ab im Grand-Hôtel zur Post, im Goldenen Schiff oder in der Goldenen Sonne – sofern man nicht gleich im Schloss wohnt, das der österreichischen Familie Clary-Aldringen gehört, jedoch dem gesamten Hochadel offensteht. 1812 gibt dort das österreichische Kaiserpaar seine Empfänge, ferner der König von Sachsen, der Großherzog von Würzburg und der Herzog von Sachsen-Weimar.

Es ist eine unruhige Zeit: Europa seufzt unter der Herrschaft Napoleons. Gerade ist die Grande Armée mit 600.000 Mann in Russland eingefallen, und ein Jahr später werden just im Teplitzer Schloss die drei alliierten Monarchen von Österreich, Preußen und Russland ihr Bündnis gegen Napoleon schließen.

Man diskutiert die politische und militärische Lage, man plaudert, man genießt auch des Brunnens – schließlich sind in Teplitz mehr als ein Dutzend Badeärzte tätig – und begutachtet die neu eintreffenden Gäste, deren Namen das »Anzeigs-Protocoll« mitteilt. Als unter dem 15. Juli aufgeführt wird: »Hr. Johann Wolfgang von Goethe, herzogl. Weimarischer Geh. Rat usw. usw., im gold. Schiff Nr. 116«, ist nicht zuletzt der »Compositeur« Ludwig van Beethoven elektrisiert, der schon seit dem 5. Juli in Teplitz weilt und im Gasthof Zur Eiche wohnt. Beethoven wartet geradezu auf das Eintreffen des berühmten Dichters, und dieser zeigt sich nicht abgeneigt, das Musikgenie, von dem man allenthalben spricht, persönlich kennenzulernen.

Ein Bad wie Teplitz ist der ideale Ort dazu. Denn kaum würde sich Beethoven von Wien nach Weimar aufgemacht haben, bloß um dem Dichterfürsten aufzuwarten. Und fast abwegig erscheint der Gedanke, der über sechzig Jahre alte Goethe hätte von sich aus den Kontakt zu dem eine Generation Jüngeren gesucht. Man sieht: Die damalige Kurkultur diente auch dem kulturellen Austausch, den heute öffentliche Gesprächsrunden oder Talkshows ersetzen müssen. Doch man stelle sich vor: Goethe und Beethoven bei Beckmann!

Das Treffen in Teplitz im Juli 1812 umranken viele Legenden. Wer es verstehen will, sollte die Vorgeschichte kennen – und den sozialhistorischen Hintergrund. Just mit Beginn des 19. Jahrhunderts wird der Komponist vom »Tonsetzer« zum »Tonkünstler« oder »Tondichter« nobilitiert. Für die Frühromantiker ist die Musik die Kunst des »Absoluten« und »Unendlichen«, und so legt die gebildete Gesellschaft den großen Meistern die ehrenvolle Verpflichtung auf, das Ihrige zu den Ideen der Zeit beizutragen, anstatt nur für religiöse Erbauung oder angenehme Unterhaltung zu sorgen.

Beethoven ist einer der Ersten, die diese Aufgabe bis ins Letzte ernst nehmen und alles daransetzen, der Forderung der Zeit zu entsprechen. »Es gibt keine Abhandlung«, so schreibt er 1809 seinem Leipziger Verleger Gottfried Christoph Härtel, »die sobald zu gelehrt für mich wäre.« Denn von Kindheit an habe er sich bemüht, »den Sinn der Bessern und Weisen jedes Zeitalters zu fassen: Schande für einen Künstler, der es nicht für seine Schuldigkeit hält, es hierin wenigstens so weit zu bringen«.

Er studiert antike Philosophen, liest Kant, Schiller und Goethe. Er schreibt Klaviervariationen über das Goethe-Lied Ich denke dein und vertont in den Liedersammlungen op. 52, op. 75 und op. 83 Verse des Weimarer Dichters. Vor allem aber komponiert er in den Jahren 1809/10 die Schauspielmusik zum Trauerspiel Egmont op. 84. Vordergründig ist es nur ein Auftrag des Wiener Hoftheaters, tatsächlich jedoch ein Bekenntnis: Namentlich die Ouvertüre gilt bis heute als Musterbeispiel für eine Ideenmusik, in der sich autonomer Gestaltungswille mit einer Hommage an Goethes Dramenfigur des Egmont verbindet, den Inbegriff des heroischen Menschen.

Wie wichtig es Beethoven ist, diese Musik, die er vor allem »aus Liebe zum Dichter geschrieben« hat, Goethe möglichst schnell zukommen zu lassen, zeigt ein mit »Euer Excellenz Großer Verehrer Ludwig van Beethoven« unterzeichneter Brief vom 12. April 1811. Darin kündigt er Goethe die Zusendung der Partitur durch den Verleger an und preist den »herrlichen Egmont, den ich, indem ich ihn eben so warm als ich ihn gelesen, wieder durch Sie gedacht, gefühlt und in Musik gegeben habe«.