»Mama, ich komme gleich wieder«, das sind die letzten Worte, die Melek B. von ihrem Sohn in Erinnerung hat. »Und dann ist er nicht wiedergekommen.« Die Sätze der 43-Jährigen ertrinken in Schluchzen. Aber sie will reden, über Burak, »unseren Ältesten, unseren Stolz, unsere Sonne«.

Wer auch immer Burak in der Nacht auf den 5. April in Berlin-Neukölln erschossen hat: Er läuft frei herum. Und er wohnt womöglich nebenan. »Warum? Wer tut nur so etwas?«, fragt die Mutter.

Das fragt sich auch Bernhard Jaß. 20 Kilometer vom Heim der Familie B. entfernt, sitzt er in einem Dienstzimmer des Berliner Landeskriminalamts, Abteilung »Delikte am Menschen«. Ein sportlicher Mann mit kraftvollem Händedruck, seit 20 Jahren bei der Kripo. Seit zwölf Jahren leitet er die 6. Mordkommission. »In all dieser Zeit«, sagt Jaß, »hatte ich noch nie einen Fall, in dem es so gar keinen Hinweis auf eine Richtung gibt.«

Buraks Mörder hat weder ein Motiv noch Spuren hinterlassen, von den tödlichen Geschossen abgesehen, die irgendwann einer Waffe zugeordnet werden könnten – wenn man die Waffe denn findet. Deshalb will auch Jaß reden, um in Erinnerung zu rufen, was in der Nacht auf Gründonnerstag geschah.

Am Abend des 4. April kommt der 22-jährige Burak B. vom Sportstudio Wing Tsun nach Hause. Er hat gute Laune, als er sich um zehn von seiner Mutter verabschiedet, um noch ein paar Freunde zu treffen, gleich um die Ecke.

Die Ecke, das ist das bessere Neukölln, Rudow, das nur selten im Fernsehen zu sehen ist: brave Einfamilienhäuser, Koniferen und Rasenkanten, idyllische Straßennamen wie Goldammerweg oder Trappenpfad. Vor drei Jahren haben sich die B.s hier eine Doppelhaushälfte gekauft. »Unsere drei Kinder sollten eine bessere Zukunft haben«, sagt Buraks Vater Ahmet. Er kam 1980 als Gastarbeiterkind aus der Türkei. Jetzt ist er sein eigener Chef als Fernsehtechniker. Seine Frau Melek arbeitet als Krankenpflegerin.

Der Aufbruch aus der Altbauenge Neuköllns in den südlichen Ortsteil Rudow war ein Zeichen: Die B.s haben den Aufstieg geschafft. Mit ihrem türkischen Namensschild an der Gartentür sind sie in dieser Gegend zwar eine Ausnahme, aber die Familie fühlt sich wohl in der grünen Nachbarschaft, die so friedlich anmutet. Und dann geschieht hier das Unfassbare.

Burak trifft sich mit vier Freunden im nahen Park. Eine Neuköllner Multikultirunde mit türkischen, russischen und arabischen Wurzeln. Auf dem Heimweg quatschen sie sich an der viel befahrenen Rudower Straße fest, dort, wo die weniger schmucken Häuser der Siedlung stehen. Vor der Nummer 51, zwischen dem Frisiersalon Duett und dem Racletterestaurant Chäs Chuchi, stehen sie eine halbe Stunde, lachen, rauchen, trinken.