Seht euch die Bürger an, die hier versammelt sind!«, ruft der junge Mann in Dreispitz, Kniehosen und Schnallenschuhen. »Ein Seiler findet sich Seite an Seite mit Kaufleuten, und ein einfacher Schuhmacher steht stolz neben einem Arzt.« Er geht umher, schüttelt Hände und klopft Schultern in dem Menschenknäuel, das sich auf dem Deck eines historischen Handelsschiffs im Bostoner Hafen drängt. »Was immer euer Gewerbe, hier seid ihr alle Söhne und Töchter der Freiheit. Kommt, lasst uns eine Tasse Tee brühen!« Sein Publikum, überwiegend in Shorts und Sportschuhen, jubelt und applaudiert.

Die zwei Dutzend Touristen gehören zu den ersten Besuchern des Boston Tea Party Museum, das an diesem Tag neu eröffnet. Es erinnert an ein Schlüsselereignis der amerikanischen Geschichte: jene Nacht im Dezember 1773, in der Aufständische, die selbst ernannten Söhne der Freiheit, hier am Griffin’s Wharf als Protest gegen ein britisches Steuergesetz 340 Kisten Tee ins Hafenwasser kippten. Dieser frühe Akt des Widerstands war ein Fanal für den Unabhängigkeitskampf der amerikanischen Siedler. Anderthalb Jahre später begann der Krieg gegen England.

Die Boston Tea Party gehört so sehr zum Ursprungsmythos der Vereinigten Staaten, dass die politische Bewegung, die sich vor drei Jahren nach ihr taufte, diese Namenswahl nicht groß erklären musste. Die Tea Party von heute, das sind einige Hunderttausend Amerikaner, die sich in Graswurzelgruppen organisiert haben, um ihre politischen Ziele durchzusetzen: vor allem weniger Steuern und weniger Staat. Eine logische Weiterführung der Ideale von damals? Hier am Griffin’s Wharf sollte man sich am besten einen Eindruck davon machen können.

An der richtigen Stelle liegt das Museumsgebäude jedenfalls: nur ein paar Hundert Meter entfernt vom Ort der Teeversenkung. Der kleine Ausstellungskomplex befindet sich auf einem Ponton, den man von der Congress Street Bridge aus betritt; links und rechts davon sind Nachbauten von zwei Handelsschiffen vertäut, die damals von den Rebellen um ihre Ladung erleichtert wurden, die Eleanor und die Beaver.

Erster Stopp der Besichtigungstour: ein nachgebauter Gemeindesaal aus dem 18. Jahrhundert, weiß und karg. Auf seinen Bänken verwandeln sich die Museumsbesucher in Teilnehmer eines konspirativen Treffens am Vorabend des Rebellenangriffs: Jeder hat ein Zettelchen mit Namen und Lebensdaten eines Kolonisten in die Hand gedrückt bekommen. Von der Kanzel peitscht ein korpulenter Samuel Adams, Gründer der Söhne der Freiheit, die Stimmung gegen die britische Tyrannei auf; die Museumsgäste brüllen gutwillig »Buh!« oder »Hurra!« dazu. Das Laientheater dauert zehn Minuten, dann schleust die in Haube und Schürzenkleid gewandete Führerin die Gruppe weiter.

Die Boston Tea Party steht für ein wolkiges Gebräu aus Patriotismus, Freiheitsliebe, Graswurzeldemokratie, Widerborstigkeit und Hass auf Steuern, das vielen Amerikanern bis heute als Quintessenz ihres Nationalgefühls erscheint. Darum ist sie als Symbol noch heute so präsent. In den neunziger Jahren schickten konservative Wähler als Ausdruck ihrer Unzufriedenheit Teebeutel an ihre Vertreter in Washington, und Anfang 2009 schütteten Tea-Party-Aktivisten Limonade in den Susquehanna River im Bundesstaat New York, um gegen eine geplante Steuererhöhung für nicht alkoholische Getränke zu protestieren.

Beim zweiten Stopp der Museumstour geht es ebenfalls ans Auskippen. Über eine Gangway marschiert die Gruppe aufs Deck der Eleanor. Nach der glühenden Ansprache des jungen Mannes mit Dreispitz will eine Handvoll Teekisten von den Besuchern über die Reling gehievt werden. Im Original wogen die Lattenboxen rund 160 Kilogramm, doch hier und heute heben selbst die Kinder sie mühelos hoch. Dann werden die tropfenden Kisten an Seilen aus dem Wasser gezogen. Für die nächste Gruppe, die in einer Viertelstunde folgen wird.