SchulunterrichtDas große Experiment

In dieser Klasse lernen alle Kinder gemeinsam – auch die besonders förderbedürftigen. Wie Bremen die Inklusion erprobt. von 

Ein gewöhnlicher Morgen ist das nicht: Alex* macht keine Geräusche. Er schreit nicht, singt nicht, schnalzt nicht mit der Zunge. Für den Bremer Lehrer Frank Dopp und seine Klasse 5.3 an der Gesamtschule Ost (GSO) ist das ein Etappensieg. Alex macht keine Geräusche! Vielleicht auch nicht morgen, nicht übermorgen, nie mehr.

Es gab Tage, da dachte Frank Dopp, er würde durchdrehen. Er hatte seinen Schülern erklärt, »Wir können das nicht ändern. Wir halten das jetzt aus« – und dann stand er plötzlich vor 21 Kindern, die Geräusche machten wie Alex. Sie ertrugen ihn, indem sie einfach so laut wurden wie er.

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Leicht ist es nicht, auf den ersten Blick auszumachen, wer außer Alex in der 5.3 zu den Inklusionskindern zählt. Zu jenen Kindern also, die seit einem Jahr nicht mehr die Förderschule besuchen, sondern die fünfte Klasse der GSO in Bremen-Osterholz, einem Arbeiter- und Migrantenviertel.

Nach dem Willen der UN-Behindertenrechtskonvention von 2006 sollen alle Kinder gemeinsam zur Schule gehen, gesunde und behinderte, begabte und entwicklungsverzögerte Schüler, ruhige und verhaltensauffällige. Jedes Kind soll den gleichen Anspruch auf hochwertigen und unentgeltlichen Unterricht in einer Grund- oder weiterführenden Schule haben. Bremen hat die inklusive Schule als erstes Bundesland bereits 2009 ins Schulgesetz geschrieben. Schon 67 Prozent aller Schüler mit besonderem Förderbedarf lernen hier in einer Regelschule. Die Förderzentren werden in Bremen abgeschafft. Nur noch für die älteren Jahrgänge werden sie für eine Übergangszeit bis 2017 bestehen bleiben. Sonderschulen für Blinde, Gehörlose, Schwerst- und mehrfach Körperbehinderte soll es zunächst weiterhin geben.

Kayhan, ein autistischer Junge, »der Besondere unter den Besonderen«, wie Frank Dopp ihn nennt, ist leichter zu erkennen als die anderen Inklusionsschüler. Er meldet sich sofort, als sein Lehrer fragt, wer sich schon zutraue, das Gedicht Besagter Lenz ist da von Erich Kästner aufzusagen. Der Junge verhaspelt sich bei jeder Zeile, schüttelt nervös die Arme. Aber gemeinsam mit seinem Lehrer hält er durch bis zum Ende. Kein Kind lacht. Alle klatschen.

Für Frank Dopp war es das erste Schuljahr in seinem Lehrerleben, in dem er einen autistischen Jungen unterrichtete. Und mit ihm drei ebenfalls förderbedürftige Kinder, die langsamer lernen, schnell aggressiv werden. Dopp hatte keine Ahnung, wie es sein würde, diesen Kindern Deutsch und Englisch beizubringen, mit ihnen Theater zu spielen oder auf Klassenfahrt zu gehen. Er meldete sich trotzdem, als Lehrer für die Inklusionsklasse gesucht wurden. Nicht aus Naivität, er war begeistert von der Idee, die ganze Vielfalt an Kindern gemeinsam zu unterrichten. Aber dieses Schuljahr hat den 54-Jährigen viel gekostet. Es gab Momente der Hilflosigkeit und Verzweiflung. Noch immer schüttelt Dopp ungläubig den Kopf, wenn er sich an die Anfänge erinnert: »Es war unmöglich, diese Klasse überhaupt zu unterrichten. Wir hätten fünf Lehrer pro Stunde gleichzeitig gebraucht.«

Damals, in den ersten Wochen des Schuljahres, gab es noch ein fünftes Inklusionskind, das mehr Unterstützung nötig hatte als die anderen. Das Mädchen fand keinen Anschluss, fühlte sich ausgeschlossen. Und Frank Dopp und seine Kollegen standen ratlos neben diesem Häufchen Unglück. Sie kapitulierten, das Mädchen ging zurück in ein Förderzentrum. Ein Ausweg, den es in Bremen bald nicht mehr geben werde, sagt Dopp. »Dann wird jedes Kind zur Inklusion verdammt sein.«

Leserkommentare
  1. Im Artikel wird nur kurz darauf verweisen, aber wie läuft die Schulzeit dann für Kinder die zwar auch besonderes gefördert werden sollten, aber nicht zu den "Inklusionskindern" gehören.

    Weil 1/4 des eigentlichen Schulstoffs im ersten Jahr, wie sollen die Kinder diese große Differenz aufholen?

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    Ich stimme Ihnen in diesem Punkt völlig zu. Es ist doch illusorisch, 3/4 des Stoffs aus dem 5. Schuljahr im 6. nachzuholen, wenn sich an den Umständen nichts ändert.
    So schön sich der Gedanke der Inklusion ja anhört, habe ich das Gefühl, dass die Umstellung überstürzt, unterfinanziert und nicht professionell begleitet ist. Dies kann gerade für die übrigen Kinder nur zu gravierenden Nachteilen führen.
    Dieser Umstand dürfte dazu führen, dass Privatschulen weiteren Zulauf bekommen, da Eltern ansonsten befürchten müssen, dass ihre Kinder keine adäquate Bildung erfahren.

    Aber was ist dieser Abschluß dann wert? Am Ende zählt eben doch, ob Eric fließend Englisch in in Rede und Schrift beherrscht; weniger, daß er 30-mal am Tag einen Inklusionschüler erziehen durfte - wohlgemerkt als Schüler, der selbst gefördert werden müsste. Wir schaffen hier eine neue Generation PISA - und niemanden scheint es zu stören.

    meiner Erfahrung nach wird folgendes passieren: Anfang des nächsten Jahres erhalten alle Schüler schlecht kopierte Arbeitsblätter mit Kurzzusammenfassungen, die nach der Schule zusammen mit den Eltern zusätzlich zum neuen Stoff, der natürlich auf dem alten Stoff aufbaut, durchzuarbeiten sind. Die Aufarbeitung in der Schule läuft am nächsten Tag wie folgt: Habt ihr euch das angeschaut? Gut, dann können wir ja weitermachen. Nächste neue Lektion und nächstes Arbeitsblatt zur Aufarbeitung zu Hause. Keine Übungen, kein Fragen beantworten. Und wenn man dann mal als Elternteil kritische Anmerkungen zu dieser Praxis macht, wird schulterzuckend und/oder tränenreich auf die besondere Situation der Klasse hingewiesen. Alles alternativlos. Alles selbst erlebt. Und Konsequenzen gezogen: Schulwechsel. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich habe nichts gegen Inklusion, aber so geht das einfach nicht. Und damit verbinde ich keinen Vorwurf an die Lehrer, die die Suppe genauso auslöffeln müssen wie die Schüler ohne Handicap und deren Eltern.

  2. Wenn selbst dei Lehrer zugeben müssen das die anderen Kinder in der klasse deutlich langsamer lernen und immer wieder Abgelenkt werden.

    Was word die Gesellschaftliche antwort sein wenn in 4-6 Jahren einer der anderen sich mit Gewalt luft verschaft und die Inklusionskinder als Grund defür angibt?

    Wie soll ein Autist lernen mit Mentschn klar zu kommen wenn ind Kriesensituationen darübern hinweggegengen wird und nicht geschuhlt wird ?

    Die Inklusion iat wohl eher ein nettes Wort um die Förderprogramme dicht zu machen und es nicht "sparen" nennen zu müssen. Wie schon so oft soll erst mal ein Prozip komplet überall eingeführt werden und erst dann mal geschaut werden ob man Lehrer darauf schulen kann oder ob es überhaup längere Zeit funktioniert.

    Selbst das Waldorf-prinzip ist besser erforscht und dokumentiert und wird auch nicht eingesetzt, da man gemerkt hat das es ebend ohne die geschulten Lehrer die mit leib und Sele dabei sind nicht geht.

    Jetzt sollen also Lehere die nie gelernt haben mit Behinderten kinder umzugehen mal ebend 4-5 in die Klasse gesetzt bekommen und dann in 50% der Stunden hilfe von einen Lehrer krigen der meist auch nicht gelernt hat mit ihnen umzugehen. Und das ERgebnis soll dann ein besseres Lernen für alle Kinder sein.

    Ich mag mich hier zwar aus den Fenster beugen, doch ich sag heute schon vorraus das das Prinzip nicht funktionieren wird.

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    [...]

    Als ehemaliger -engagierter - Lehrer weiß ich, dass in Klassengemeinschaften mit stark von einander verschiedenem intellektuellen Niveau ein Unterricht, der alle Lernenden gleichermaßen gut fördert, unmöglich ist. Und das nicht nur in der Praxis sondern auch in der Theorie.

    [...] Gekürzt. Bitte äußern Sie sich weiterhin sachlich und differenziert. Danke. Die Redaktion/kvk

  3. Warum muss man eigentlich die UN-Behindertenrechtskonvention umsetzen? Lief es nicht bislang besser? Sollte nicht jeder Schüler optimal gefördert werden, weshalb eine Sortierung nach Leistung (von Sonderschule bis Gymnasium) immer die besten Leistungen in jeder Gruppe bringt? Was soll das?

  4. Ich stimme Ihnen in diesem Punkt völlig zu. Es ist doch illusorisch, 3/4 des Stoffs aus dem 5. Schuljahr im 6. nachzuholen, wenn sich an den Umständen nichts ändert.
    So schön sich der Gedanke der Inklusion ja anhört, habe ich das Gefühl, dass die Umstellung überstürzt, unterfinanziert und nicht professionell begleitet ist. Dies kann gerade für die übrigen Kinder nur zu gravierenden Nachteilen führen.
    Dieser Umstand dürfte dazu führen, dass Privatschulen weiteren Zulauf bekommen, da Eltern ansonsten befürchten müssen, dass ihre Kinder keine adäquate Bildung erfahren.

    Antwort auf "25prozent..."
  5. Ich bin immer noch skeptisch, wie das funktionieren soll.
    Ich werde nämlich den Gedanken an den kleinsten gemeinsamen Nenners nicht los.

    Mich würde mal interessieren, wie es bei den PISA-Champions läuft: Wie ist das z.B. in Finnland? Wird dort auch inkludiert? Und wenn ja, wie?

    • Papera
    • 16. Juli 2012 15:26 Uhr

    ... der sich kritisch mit dem Thema "Inklusion" auseinandersetzt und aus dem deutlich herauszulesen ist, was Lehrer und Erzieher schon lange wissen: Die Inklusion an unseren Schulen kann als gescheitert angesehen werden.

    Es mag zwar für den Staat um einiges billiger sein, die Förderzentren zu schließen und förderbedürftige Kinder in die regulären Schulen einzugliedern, aber es kann nicht im Sinne unserer Leistungsgesellschaft sein und erfüllt keineswegs sozialen Ansprüchen.
    Jeder soll nach seinen Möglichkeiten gefördert und gefordert werden und das ist im Rahmen der Inklusion nicht möglich. Die Differenzierung, die oftmals von den Kultusministerien so verteufelt wird, ist unumgänglich (wenn diese nicht im Rahmen des Schulsystems umgesetzt wird, dann wird innerhalb der Klasse differenziert, was aber mit Sicherheit weniger effektiv ist)! Es ist zudem im höchsten Maße unsozial, allen Nicht-Inklusionskindern einen regulären und anspruchsvollen Unterricht vorzuenthalten und das nur aus dem Grund, weil der Lehrer den Großteil seiner Energie und Aufmerksamkeit auf die Aufrechterhaltung der Disziplin verwenden muss.
    Ich möchte nicht falsch oder gar diskriminierend gegenüber Inklusionskindern verstanden werden, da das Geschriebene womöglich sehr hart und ausgrenzend klingen mag. Aber ich bezweifle sehr stark, dass Inklusion das Mittel ist, sowohl die schulische Leistung als auch die Eingliederung in die Gesellschaft zu erhöhen.

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    ... ein ZEIT-Artikel, der nicht einfach nur die heile Welt des fröhlichen Miteinanders beschreibt. Das war längst überfällig, wenn es so etwas wie ausgewogenen Journalismus gibt.

    Endlich ein Artikel, der festhält: Ja, es gibt Inklusionsschüler, die im Unterricht ständig Geräusche machen, die unmotiviert einfach schreien (wie hier "Alex"). Viele Foristen haben bei anderen Inklusions-Artikeln der ZEIT in ihren Beiträgen solche Fälle in den Bereich des sehr sehr Unrealistischen oder zumindest Unwahrscheinlichen verbannt.

    Schade, dass hier nur die Sicht der (wirklich nicht zu beneidenden) Lehrer widergegeben wird. Und nicht die Überlegungen, vielleicht auch Ängste der Eltern der "nicht-Inklusionsschüler" der Klasse.

    ist nach meinem Dafürhalten die Aufgabe Aller. Schon im Grundgesetz ist verankert, dass alle Menschen gleich sind. Also hat Jede und Jeder darauf zu achten, dass ein gutes Miteinander möglich ist. Warum nur sollen alles die Lehrer/innen richten. Die haben ja eh schon unzählige Pflichten aufgebrummt bekommen! Erziehung, Bildung, Wertevermittlung und nun noch die INKLUSION. Wer hat für die Ausarbeitung eigentlich das Gehalt bekommen?

  6. Wie soll ich einem "NORMALEN" Hauptschüler klar machen, daß er nicht geeignet ist ein Gymnasium zu besuchen.

    Was befähigt einen attestierten Lernbehinderten, dank Inklusion ein Gymnasium zu besuchen?

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    Der Hauptschüler wird abgeschafft.
    Bald gibt es auschließlich Schulen mit unterschiedlichen Namen, die zumindest auf dem Papier zum Abitur führen.

    • Medley
    • 16. September 2012 17:09 Uhr

    "Was befähigt einen attestierten Lernbehinderten, dank Inklusion ein Gymnasium zu besuchen?"

    Sehn sie, so ist das in der bundesdeutschen Soziaklemptnerei ja generell. Ich mumaße mal, -und dass ohne Beweise und Zahlen dafür in der Hand zu haben- dass gut 90% aller Politiker von den Linken bis hin zur FDP ihren Nachwuchs auf das Gynasium schicken. Ebenso vermute ich reinweg aus dem Bauch heraus, dass gut 90% aller Inklusionskinder eine Gesamschule, oder eine zusammengeführte Haupt- und Ralsschule in der Form einer Oberschule, aber nur die allerwenigsten von ihnen ein Gymnasium jemals von innen sehen werden. Und wenn doch, dann sind das körperbehinderte Mädchen und Jungen die einen hellen, wachen Geist haben. Na, klingelt's, was ich frecherweise unterstellen will?

    • TDU
    • 16. Juli 2012 15:33 Uhr

    Alle wissen Bescheid über Kosten und Schwierigkeiten, und wenn es eingeführt wird, müssen die vor Ort es ausbaden. Die Beschliesser wenden sich neue Themen zu und erklären ihre von jetzt ab Nichzuständigkeit (Merkel: Ländersache).

    Mal sehen, was aus den notwendigen "Pufferexistenzen" wird. Irgendwie müsste sich das in Benotung und Bewertung niederschlagen. Und mancher hat es vielleicht gern, weil ihm das Kümmern leichter fällt als das Lernen.

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