DIE ZEIT: Herr Professor Dickhäuser, sind Lehrer eigentlich die besseren Menschen?

Oliver Dickhäuser: Sie sind nicht besser und nicht schlechter als andere Menschen.

ZEIT: Tatsächlich? Lehrerverbänden zufolge sind Pädagogen besonders selbstlos veranlagt, idealistisch und vor allem am Wohl der Kinder interessiert. Es heißt, das bewiesen schon die schlechte Bezahlung und die fehlenden Aufstiegschancen, die sie in Kauf nähmen.

Dickhäuser: Unsere Studien, bei denen wir bislang mehr als 1000 Lehrer und Referendare befragt haben, zeigen, dass Lehrer genauso selbstbezogene Interessen haben wie andere Berufsgruppen. Wir stellen gar nicht in Abrede, dass sie gleichzeitig auch uneigennützige Ziele verfolgen können. Aber eben nicht nur.

ZEIT: Wenn nicht ans Wohl ihrer Schüler, woran denken Lehrer denn dann?

Dickhäuser: An den Eindruck zum Beispiel, den sie bei anderen machen. Daran, vor anderen nicht als unfähig dazustehen. Das kann eine ziemlich starke Motivation sein. Wissenschaftlich sprechen wir hierbei von einer Vermeidungsleistungszielorientierung. Ein unschönes Wort, doch es korrespondiert mit einer zweiten Motivation, die so ähnlich ist und die wir Annäherungsleistungszielorientierung genannt haben: Lehrer, bei denen diese Zielorientierung ausgeprägt ist, geben sich große Mühe, vor anderen Menschen besonders kompetent zu wirken.

ZEIT: Es klingt, als wären das zwei Seiten derselben Medaille.

Dickhäuser: Das ist auch so. Aber die Folgen für den Unterricht sind sehr unterschiedlich. Die »Vermeider« versuchen zum Beispiel, Schülerfragen zu unterbinden, weil sie Angst haben, sie vielleicht nicht richtig beantworten zu können. Dafür spielen Noten und Leistungskontrollen bei ihnen eine große Rolle. Die »Annäherer« dagegen, ich will sie jetzt mal so nennen, tun unseren Befunden zufolge genau das Gegenteil: Sie setzen alles daran, dass ihre Schüler verstehen, was sie ihnen beibringen wollen, viel fragen und zufrieden sind. Denn dann kommen die Lehrer automatisch als fähig rüber: bei den Schülern, aber auch bei den Eltern und den Kollegen.

ZEIT: Wogegen ja nichts zu sagen ist.

Dickhäuser: Trotzdem halten wir auch die Annäherungsleistungszielorientierung für nicht unproblematisch. Einerseits finden Studien anderer Forschergruppen nicht so klar diese positiven Unterrichtsmerkmale bei den Annäherern. Problematisch ist, dass hinter dieser Zielorientierung die zu starke Beschäftigung mit der Wirkung der eigenen Person auf andere steht. Sodass die scheinbar positive Grundtendenz irgendwann kippen kann: Ein paar Frusterlebnisse und Misserfolge, und aus Annäherern, die unbedingt gut aussehen wollen, werden Vermeider, die alles, nur nicht schlecht dastehen wollen.

 "Der Lehrer will besser werden"

ZEIT: Selbstbezogene Ziele und guter Unterricht gehen also auf Dauer nie zusammen?

Dickhäuser: Doch! Es gibt nämlich noch eine dritte Motivationsebene, bei der Lehrer auf ihren eigenen Vorteil aus sind und gleichzeitig ihren Schülern nützen. Wir sprechen, wieder etwas sperrig, von einer Lernzielorientierung. Soll heißen: Der Lehrer will besser werden, und sein Handeln – auch im Unterricht – dient ihm als Instrument, um seine eigenen Kompetenzen zu verbessern.

ZEIT: Mit welchen Folgen für den Unterricht?

Dickhäuser: Zunächst einmal sieht der ähnlich aus wie der von den Annäherern: verständnisorientiert, Fehler bei den Schülern nicht verurteilend, sondern als Lerngelegenheit begreifend. Weniger Leistungskontrollen. Aber die dahinterliegende Haltung ist eine andere: Lehrer, die eine der beiden von mir vorhin beschriebenen Leistungszielorientierungen haben, beschäftigen sich mit ihrem Status quo und dessen Verteidigung. Lehrer mit Lernzielorientierung wollen wachsen.

ZEIT: Gibt es überhaupt Lehrer, die nur das eine oder andere sind?

Dickhäuser: Natürlich nicht. Wir alle, ob Lehrer oder nicht, werden von vielen unterschiedlichen – meist selbstbezogenen – Zielen und Motivationen getrieben. Nur wie stark sie jeweils ausgeprägt sind, das ist unterschiedlich. Genau wie die Folgen, die sich daraus ergeben.

ZEIT: Wären selbstlose Lehrer dann überhaupt gute Lehrer?

Dickhäuser: Schwer zu sagen, weil es keine nur selbstlosen Lehrer gibt. Fest steht: Je weniger beispielsweise Referendare motiviert sind, egal auf welchem der drei Felder, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie irgendwann aus dem Schuldienst ausscheiden. Gleichzeitig führt jedoch auch eine zunehmende Leistungszielorientierung zu vermehrten Gedanken, vorzeitig auszuscheiden. Je größer dagegen die Lernzielorientierung ist, desto länger werden Lehrer ihren Job mit Freude ausüben.

ZEIT: Lassen sich daraus Schlussfolgerungen für die Lehrerbildung ableiten?

Dickhäuser: Gemeinsam mit Professor Dresel, Michaela Fasching und Sebastian Nitsche haben wir im Forschungsteam viel darüber diskutiert. Wir müssen den künftigen Lehrern schon im Studium und im Referendariat die Angst davor nehmen, Fehler einzugestehen und um Unterstützung zu bitten. Nur dann werden sie die Lerngelegenheiten, die sich ihnen bieten, auch ergreifen – und nicht nur Strategien perfektionieren, um nach außen möglichst gut dazustehen. Eine Möglichkeit wäre es, Seminare einzurichten, in denen es am Ende keine Noten gibt, sondern die eher einen Supervisionscharakter haben.