Wien : Eine heimtückische Stadt

Wien übertrumpft Zürich regelmäßig in Städterankings. Zu Recht. Perfekt aber wäre die österreichische Metropole erst ohne Einheimische.
Stadtstrand am Donaukanal in Wien © Herwig Prammer/Reuters

Am vergangenen Sonntag wurde in der Wiener Innenstadt der europäische Hitzerekord gemessen: 37,7 Grad. Nirgendwo sonst kletterte an diesem Tag das Thermometer so hoch. Wieder einer dieser Superlative für die Ranking-Königin unter den Metropolen! Tatsächlich, an manchem heißen Sommerwochenende kann Wien seinem Idealzustand schon sehr nahe kommen: Die Stadt ist dann fast menschenleer. Die Bewohner haben sich kollektiv in die Frei- und Strandbäder zurückgezogen. Nur vereinzelt irren kleine Touristentrupps in der Gluthitze durch das Häusermeer. Wahrscheinlich sind sie schweißgebadet, doch trotz der kleinen Unannehmlichkeit können sie Wien von seiner schönsten Seite genießen: ganz ohne die indigenen Begleitumstände, die sonst jeden Aufenthalt vergällen.

Es muss wohl einer dieser trägen Sonnensonntage in Wien gewesen sein, als dem unlängst verstorbenen Kabarettisten Georg Kreisler, einem geborenen Wiener, der, von den Nazis vertrieben, ein ruheloses Wanderleben führte, die befreiende Idee zum aufrichtigsten aller Wienerlieder kam. Ein Stoßseufzer im Dreivierteltakt: Wie schön wäre Wien ohne Wiener. Endlich wäre die Donau wirklich »so blau«, niemand würde sich in den lokalen Weinschänken, den Heurigen, berauschen, die Geigen blieben stumm, und das Burgtheater hätt zu – »es wär herrlich, wie schön Wien dann wär!«, schwärmte der intime Kenner von Wienerstadt und Wienerherz.

Nicht auszudenken, mit wie viel Wertschätzung Wien in diesem Fall überhäuft werden müsste. Die Stadt hätte keine Rivalin mehr zu fürchten – nicht einmal Zürich. Schon heute hat Wien häufig im urbanen Wettbewerb die Nase vorn, triumphiert in vielen Rangtabellen. Sie sei die weltweit lebenswerteste Stadt, heißt es einmal, eine Umweltmusterstadt an anderer Stelle. Das Prädikat Exzellenzmetropole findet sich ebenso wie ein Platz unter den Top Ten der Smart Cities. Zweifelsohne, ein beneidenswerter Ort, sollte man meinen.

Leider offenbaren all diese Weltmeisterschaftstitel nur einen Teil der Wahrheit, und zwar den quantifizierbaren. Rankings, zumindest die seriöseren, basieren auf statistischen Größen, sie werden aus Indikatoren erstellt, die Pünktlichkeit, Luftwerte, Bruttourbanprodukt, Lebenserwartung, Mietpreisindex, Beschäftigungsrate, medizinischen Versorgungsgrad und dergleichen leicht erfassbare sozioökonomische Richtwerte bemessen. Bestenfalls werden noch Sonnenstunden und Regentage eingerechnet.

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Kommentare

9 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

[luˈeːɡər] und sein Antisemitismus als politisches Kalkül

Wiens Kulturstadtrat Mailath-Pokorny hat verstanden, dass die Universität einen neuen Namen für ihren Standort haben will, da Karl Lueger auch wissenschaftsfeindlich und antiintellektuell war. Er, Lueger, bezeichnete die Universität als "Hort vaterlandsloser Gesellen". Somit war ausschlaggebend für die Umbennenung der ausdrückliche Wunsch der Universität, bis zu ihrem 650-Jahr-Jubiläum in 2015 nicht mehr an dieser "unwürdigen" Adresse liegen zu wollen.
Er, Lueger, bezeichnete die Universität als "Hort vaterlandsloser Gesellen".
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Berühmt ist Luegers Satz "Wer ein Jud` ist, bestimme ich", den er bei Bedarf anwandte, um jüdische Ärzte und Berater zu konsultieren.

Ja, Wien ist keine perfekte Stadt

Wien ist sicher nicht perfekt, auch wenn das unsere Stadtregierung immer gerne mit Verweis auf die Städterankings so verkaufen möchte. Dass man manchen Bewohnern Wiens Griesgrämigkeit vorwerfen kann, unterscheibe ich auch gerne. Und ja, die Boulevard-Kleinformate und die FPÖ verpesten das Klima hier gewaltig. Aber ich finde es trotzdem ein wenig fragwürdig, dass Sie allen Wienern scheinbar eine „niedrige Gesinnung“ vorwerfen. Rechtspopulisten und Boulevardblätter gibt es bekanntlich auch in anderen Ländern/Städten. Und der Universität würde ich auch nicht vorwerfen, die Umbenennung des Lueger-Rings nur deshalb zu fordern, um einen Standortnachteil aufgrund des Namens zu vermeiden (gerade seitens der Studierenden und der Universität wurde ja die Umbenennung gefordert und auf die Rolle Luegers als Antisemit und „Intellektuellenfeind“ hingewiesen). Dass die Umbenennung so lange gedauert hat, zeigt allerdings (leider) wieder einmal, dass Teilen der österreichischen Politik (und wohl auch der Bevölkerung) die klare Verurteilung der NS-Zeit und der rechten Vergangenheit sichtlich schwer fällt.

Dennoch: Was ist die Kernaussage Ihres Artikels? Alle Wiener sind verblödet (bzw. provinziell und mit niedriger Gesinnung...)?

Immer dasselbe...

Ach ja, wieder einmal das immer wieder selbe Gewäsch eines im Ausland sitzenden, der nur das Negative sieht. Das ist so einfach, solche Artikel schreibe ich dir jeden Tag. Natürlich haben wir die Gratis- und Kleinformate, natürlich haben wir die FPÖler und anderen Russ, aber da sind wir nicht allein. Das gibts überall. Ins Ausland gehen und von dort schimpfen ist easy. Hier sein und an der Änderung arbeiten. Das wärs. Gott sei Dank gibts noch ein paar mehr als mich, die das tun. Und uns nerven solche Artikel. In denen dann nicht einmal steht, dass es immer noch einen Lueger-Platz und ein Lueger-Denkmal gibt ;-) Trotzdem kenne ich trotz vielreisens immer noch keine Stadt, in der ich lieber leben würde. Grüsse. Helmut O. Knall.