Passanten vor einem Luxusgeschäft in Hong Kong © Getty Images

Mitten in Shanghai, nicht weit von den Fabriken des Südens, wo Wanderarbeiter die Turnschuhe und iPhones dieser Welt zusammenschrauben, billig und schnell, liegt ein Geschäft namens Shangxia. Nicht weit? Fast scheint es, als lägen Lichtjahre zwischen den Orten.

»Ach«, sagt Shangxias Pressefrau Chen Shushu und gießt mit aufreizender Langsamkeit eine weitere Tasse Tee ein, »wir können unsere Handwerker einfach nicht drängen. Sie müssen ganz im Zen sein. Wie sagte mir letztens einer? Alles, was er sich wünsche, sei, morgens mit einem leichten Herzen aufzustehen.« Eine weitere Tasse Tee, und Chen stellt die Stücke im Laden vor, ganz so, als präsentiere sie die Mitglieder einer weitverzweigten Familie. Da ist die Porzellanschale, so fein gebrannt, dass sie schwingt wie eine buddhistische Klangschale, wenn man sie anschlägt. Der Schaukelstuhl aus rotem Sandelholz, einer Baumart, die vor hundert Jahren ausstarb und nur noch in wenigen Lagern zu finden ist. Früher war sie Adeligen vorbehalten und adelig ist auch der Preis: 880.000 Yuan, mehr als 110.000 Euro. Wem das zu teuer ist, der kann das günstigste Stück im Laden erstehen, einen Kamm. Er kostet umgerechnet 150 Euro. Wurde er doch aus edlem Holz und von Hand geschnitzt.

Die Handwerker, die für Shangxia arbeiten, sind oft uralt, und sie brauchen sehr viel Zeit. Der Bambusflechter etwa benötigt für den fein geflochtenen Bambusrock, der später eine Teetasse zieren wird, eine Woche. Das macht denen bei Shangxia aber nicht viel, denn sie rechnen in ziemlich großen Zeitdimensionen. Umsatz, Profit? »Vielleicht in zehn, zwölf Jahren.« Viel wichtiger sei es doch, die ehrwürdige chinesische Handwerkskunst zu retten. »30 Jahre lang haben die Menschen wie verrückt billige Dinge produziert«, sagt Chen. »Die alten Techniken, das alte Kunsthandwerk ist fast am Aussterben. Es gab einfach keine Nachfrage, kein Wissen darüber.« Deshalb fahren sie über Land, um alte Handwerksmeister zu finden. Um dann alte Handwerkskunst und zeitgenössisches Design zu verbinden, chinesische Lebensart, beeinflusst von jahrtausendealter Teekultur.

Die Preise steigen: Peking ist schon auf Platz 20 der weltweit teuersten Städte

»Wir sind kein gewöhnliches finanzielles, wir sind ein kulturelles Investitionsprojekt. Eines für die nächsten 200, 300 Jahre.« Vielleicht stört sich auch deshalb keiner daran, dass in zwei Stunden gerade mal eine Handvoll Kunden durch das Geschäft schleicht. Denn der Kunde von Shangxia, so glaubt man hier, der ist gerade erst im Entstehen.

Noch immer ist China die Werkstatt der Welt, noch immer wird hier ein Fünftel aller Waren gefertigt. Doch es kommt Bewegung in dieses Land, und diese Bewegung verheißt: Billig war gestern. Pfennigware billig zu produzieren ist kein Vorbild mehr, kein Schlüssel für nachhaltigen Unternehmenserfolg. Denn wirklich billig sind heute andere Arbeiter in anderen Ländern. Kurz gesagt: China steht vor seiner nächsten Umwälzung.

Jörg Wuttke, ein seit langer Zeit in China lebender Industrieller, schätzt, dass die Lohnkosten sich bis 2020 verdoppeln oder verdreifachen könnten. Die Regierung will die ausbleibende Nachfrage aus dem Ausland durch Konsum im eigenen Land ersetzen, aber dafür müssen die Arbeiter erst mehr verdienen. Nicht wenige Unternehmen, chinesische wie ausländische, ziehen bereits ins chinesische Landesinnere oder in Nachbarländer um. Tatsächlich sagt der philippinische Handelssekretär Gregory Domingo, sein Land erhalte mehr Besuch als je zuvor von Firmen, die überlegten, ihren Standort in die Philippinen zu verlegen. Einer der Gründe seien die gestiegenen Lohnkosten in China. Die Löhne steigen aber nicht nur infolge politischer Vorgaben, sondern auch, weil der endlos scheinende Strom günstiger chinesischer Arbeiter langsam versiegt. Aufgrund der Ein-Kind-Politik wird Chinas arbeitende Bevölkerung ab dem nächsten Jahr schrumpfen. Bereits ab 2030, so zitiert das britische Wirtschaftsmagazin Economist die Zeitarbeitsfirma Manpower, könnte China Arbeiter importieren.

Auf diese Entwicklung macht sich der französische Fotograf Benoit Cezard seinen ganz eigenen Reim. Kürzlich hat er seine Arbeit China 2050 veröffentlicht, die im chinesischen Internet leidenschaftlich diskutiert wird. In den Arbeiten sind Westler zu sehen, die in China die typischen Jobs der Wanderarbeiter verrichten. Das Augenzwinkern ist unübersehbar, die Botschaft dahinter aber auch: China wird reich, und die Zeiten gehen zu Ende, in denen die Ausländer überbezahlte Jobs hatten und sich über die billigen Lebenshaltungskosten in China freuen konnten. Dazu passend, titelten Pekinger Zeitungen: Was ist teurer? Peking oder New York? Die US-Marktforschungsfirma Mercer gibt darauf eine Antwort: Ihren Studien zufolge steht Peking mittlerweile in der Liste der teuersten Städte der Welt auf Platz 20 und ist damit zumindest für expats teurer als New York oder Paris.