DIE ZEIT: Herr Yang, während der Hungersnot, die Ende der fünfziger Jahre durch Maos »Großen Sprung« ausgelöst wurde, starben Millionen. Dennoch gab es, wie Sie schreiben, »kein Mitgefühl, keine Trauer, keine Tränen... Millionen von Menschen sind einfach so, apathisch und ohne einen Laut, verschwunden.« Wie konnte das geschehen?

Yang Jisheng: Es starben einfach zu viele. Die Menschen waren wie betäubt, sie hatten keine Kraft mehr, um zu trauern. In vielen Dörfern starben bis zu drei Viertel der Bewohner. Und diejenigen, die nicht starben, siechten vor sich hin, waren halb tot. Manche hielten es nicht mehr aus und aßen Menschenfleisch. Andere versuchten, den Tod ihrer Verwandten zu verheimlichen. Sie versteckten die Leichen und taten alles, um weiter die Lebensmittelrationen zu bekommen.

ZEIT: Sie schreiben, in jenen Jahren »gab es keinen Krieg. Keine Krankheiten. Das Wetter war ziemlich normal.« Wie konnte es zu so einer gewaltigen Hungersnot kommen?

Yang: Durch den »Großen Sprung« sollte der Weg zum Kommunismus beschleunigt werden; Mao wollte aus China eine Industrienation machen, die es mit dem Westen aufnehmen kann. 1957 lag die Stahlproduktion bei 5,7 Millionen Tonnen. 1958 sollte sie doppelt so hoch sein. Jeder musste bei der Stahlproduktion mitmachen.

ZEIT: Die Bauern waren gehalten, Töpfe, Messer, alle nur auffindbaren Metallgegenstände in kleinen »Hochöfen« selber einzuschmelzen...

Yang: Selbst die Haarklammern der Frauen sollten eingesammelt werden. Doch weil alle damit beschäftigt waren, Stahl zu erzeugen, hatte keiner mehr Zeit, das Land zu bestellen. Es war ein Desaster. In allen Industriezweigen sollte es einen »Großen Sprung nach vorn« geben. Alles sollte ganz schnell gehen. In der Provinz Gansu, wo es gar keine Industrie gab, wurden in Nullkommanichts ungezählte Fabriken eröffnet. Das war natürlich alles nur improvisiert, ohne Substanz, reine Windmacherei. Tatsächlich brachte der »Große Sprung« den großen Rückschritt, die Katastrophe.

ZEIT: Hinzu kam, dass man trotz der Not im eigenen Land immer noch Getreide exportierte, vor allem in die Sowjetunion, weil damit die Industrieanlagen bezahlt wurden, die man dort gekauft hatte. Sie schreiben von Bauern, die vor gefüllten Getreidesilos verhungerten und dabei schrien: »Vorsitzender Mao, komm und rette uns!«

Yang: Einige Beamte öffneten die Magazine, um Getreide zu verteilen, doch denen sollte es schlecht ergehen. Auch einer der Führer meines Heimatkreises gab ein Silo frei. Er wurde herabgestuft und deportiert. Er kam nie zurück.

ZEIT: Das Unglaubliche ist, dass die Katastrophe jahrzehntelang verschwiegen werden konnte. Erst viel später wurde das Ausmaß bekannt. Haben die Menschen denn damals nicht davon gehört, was im Land los ist? Wurde nicht geredet?

Yang: Nein, denn Gegenden, in denen die Lage besonders schlimm war, kamen quasi in Quarantäne. Die Menschen dort konnten nicht einfach Briefe schreiben und Freunde oder Verwandte um Hilfe bitten. Im Postamt wurden alle Briefe gelesen, diejenigen, in denen etwas von Hungertoten stand, wurden gar nicht erst weitergeschickt. Die Hungernden konnten auch nicht losziehen, um zu betteln. An einigen Orten, wo die Lage besonders prekär war, bewachten Soldaten die Straßen. Und wer hätte es da gewagt, öffentlich über den Hunger zu sprechen? So etwas galt als reaktionär. Das war in diesen Zeiten der totalen Unterdrückung unvorstellbar. Selbst dein bester Freund hätte dich verraten können. Wir konnten niemandem trauen. Alle hatten sehr große Angst. Auch ich habe mich nicht getraut, über den Tod meines Vaters zu sprechen.