Chinas "Großer Sprung" : 36 Millionen Tote

Yang Jishengs Buch über die große Hungerkatastrophe unter Mao wird bereits mit dem "Archipel Gulag" verglichen. 2008 in Hongkong erschienen, in der Volksrepublik verboten, erscheint das Monumentalwerk jetzt auf Deutsch und in anderen westlichen Sprachen. Unsere Korrespondentin sprach mit dem Autor.
1958: Während der Zeit des "Großen Sprungs" produzierten unzählige Chinesen Stahl in selbstgebauten Hochöfen hinter ihren Häusern.

DIE ZEIT: Herr Yang, während der Hungersnot, die Ende der fünfziger Jahre durch Maos »Großen Sprung« ausgelöst wurde, starben Millionen. Dennoch gab es, wie Sie schreiben, »kein Mitgefühl, keine Trauer, keine Tränen... Millionen von Menschen sind einfach so, apathisch und ohne einen Laut, verschwunden.« Wie konnte das geschehen?

Yang Jisheng: Es starben einfach zu viele. Die Menschen waren wie betäubt, sie hatten keine Kraft mehr, um zu trauern. In vielen Dörfern starben bis zu drei Viertel der Bewohner. Und diejenigen, die nicht starben, siechten vor sich hin, waren halb tot. Manche hielten es nicht mehr aus und aßen Menschenfleisch. Andere versuchten, den Tod ihrer Verwandten zu verheimlichen. Sie versteckten die Leichen und taten alles, um weiter die Lebensmittelrationen zu bekommen.

ZEIT: Sie schreiben, in jenen Jahren »gab es keinen Krieg. Keine Krankheiten. Das Wetter war ziemlich normal.« Wie konnte es zu so einer gewaltigen Hungersnot kommen?

Yang Jisheng

Jahrgang 1940, lebt in Peking. Der Historiker arbeitete lange Zeit auch als Journalist.

Yang: Durch den »Großen Sprung« sollte der Weg zum Kommunismus beschleunigt werden; Mao wollte aus China eine Industrienation machen, die es mit dem Westen aufnehmen kann. 1957 lag die Stahlproduktion bei 5,7 Millionen Tonnen. 1958 sollte sie doppelt so hoch sein. Jeder musste bei der Stahlproduktion mitmachen.

ZEIT: Die Bauern waren gehalten, Töpfe, Messer, alle nur auffindbaren Metallgegenstände in kleinen »Hochöfen« selber einzuschmelzen...

Yang: Selbst die Haarklammern der Frauen sollten eingesammelt werden. Doch weil alle damit beschäftigt waren, Stahl zu erzeugen, hatte keiner mehr Zeit, das Land zu bestellen. Es war ein Desaster. In allen Industriezweigen sollte es einen »Großen Sprung nach vorn« geben. Alles sollte ganz schnell gehen. In der Provinz Gansu, wo es gar keine Industrie gab, wurden in Nullkommanichts ungezählte Fabriken eröffnet. Das war natürlich alles nur improvisiert, ohne Substanz, reine Windmacherei. Tatsächlich brachte der »Große Sprung« den großen Rückschritt, die Katastrophe.

ZEIT: Hinzu kam, dass man trotz der Not im eigenen Land immer noch Getreide exportierte, vor allem in die Sowjetunion, weil damit die Industrieanlagen bezahlt wurden, die man dort gekauft hatte. Sie schreiben von Bauern, die vor gefüllten Getreidesilos verhungerten und dabei schrien: »Vorsitzender Mao, komm und rette uns!«

Yang: Einige Beamte öffneten die Magazine, um Getreide zu verteilen, doch denen sollte es schlecht ergehen. Auch einer der Führer meines Heimatkreises gab ein Silo frei. Er wurde herabgestuft und deportiert. Er kam nie zurück.

ZEIT: Das Unglaubliche ist, dass die Katastrophe jahrzehntelang verschwiegen werden konnte. Erst viel später wurde das Ausmaß bekannt. Haben die Menschen denn damals nicht davon gehört, was im Land los ist? Wurde nicht geredet?

Yang: Nein, denn Gegenden, in denen die Lage besonders schlimm war, kamen quasi in Quarantäne. Die Menschen dort konnten nicht einfach Briefe schreiben und Freunde oder Verwandte um Hilfe bitten. Im Postamt wurden alle Briefe gelesen, diejenigen, in denen etwas von Hungertoten stand, wurden gar nicht erst weitergeschickt. Die Hungernden konnten auch nicht losziehen, um zu betteln. An einigen Orten, wo die Lage besonders prekär war, bewachten Soldaten die Straßen. Und wer hätte es da gewagt, öffentlich über den Hunger zu sprechen? So etwas galt als reaktionär. Das war in diesen Zeiten der totalen Unterdrückung unvorstellbar. Selbst dein bester Freund hätte dich verraten können. Wir konnten niemandem trauen. Alle hatten sehr große Angst. Auch ich habe mich nicht getraut, über den Tod meines Vaters zu sprechen.

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Kommentare

20 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

In den hier im Forum gezeigten Meinungen...

....zeigt sich kaum, dass man überhaupt verstanden hat, wie hitlers, Stalins und Maos entstehen können. Man hat meines Dafürhaltens hier nicht sehr viel aus den gewaltigen gesellschaftspolitischen Experimenten des letzten Jahrhunderts gelernt. In Ländern wie Russland herrscht eine Politikvorstellung, wie sie die europaischen Hauptstädte vor dem ersten Weltkrieg kennzeichnete. Also Ihre Hoffnung in Ehren.

Der große Sprung nach vorn …

Mao Tse Tong war, ebenso wie Stalin, Lenin und andere große Führer von der absoluten Überlegenheit des sozialistisch/kommunistischen Systems überzeugt. In dem Buch: China nach dem Sturm von Klaus Mehnert wird die Situation recht plastisch beschrieben.

In jedem Dorf musste seinerzeit ein Hochofen gebaut werden um Stahl zu schmelzen. Ich Han Dan (Nordchina) gibt es diese Hochöfen noch heute!!! Und die Kokillen mit dem gegossenen Eisen werden in der Eisenhütte abgeliefert, um sie erneut einzuschmelzen und zu Stahl, also Kohlenstoff armen Eisen, umzuformen.

Man hatte in den 50-ger Jahren Brücken aus Gusseisen gebaut und sich natürlich gewundert, dass diese bei der ersten Zugüberfahrt zusammenbrach, weil das Gusseisen enorm spröde ist. Die Beteiligten wurden natürlich bestraft!

Was man daraus erkennen kann, liegt ja wohl darin, dass die UdSSR zwar die Hardware, also die Anlagen, geliefert haben, das Wissen, diese zu betreiben und vernünftige Produkte zu erzeugen jedoch für sich behalten. Soviel zur sozialistischen Brudergemeinschaft, denn die Angst, von diesem Moloch im Norden überrannt zu werden, schwebte stets über die roten Zaren im Kreml.

Mao hat es sicher gut gemeint, doch schon Goethe schrieb:
Man tut Böses niemals so vollkommen, wie wenn man es mit guten Gewissen tut.
KH

Als Quelle

Klaus Mehnert aus dem Jahr 1971? Ich kann Ihnen gerne einmal ein Zitat des großen Herder zu dessen Bild über Chineser, wie es damals hieß, anführen:

" … Hindernisse liegen in seinem Charakter, im Ort seiner Wohnung und in seiner Geschichte uns klar vor Augen. Mongolischer Abkunft ist die Nation, wie ihre Bildung, ihr grober oder verschrobener Geschmack, ja selbst ihre sinnreiche Künstlichkeit und der erste Wohnsitz ihrer Kultur zeiget. ... Sinesen waren und blieben sie, ein Volksstamm mit kleinen Augen, einer stumpfen Nase, platter Stirn, wenig Bart, großen Ohren und einem dicken Bauch von der Natur begabet; was diese Organisation hervorbringen konnte, hat sie hervorgebracht, etwas anders kann man von ihr nicht fordern. ... Nur ein mongolisches Ohr konnte darauf kommen, aus dreihundertdreißig Silben eine Sprache zu formen, die sich bei jedem Wort durch fünf und mehrere Akzente unterscheiden muß ... Welch ein Mangel an Erfindungskraft im Großen und welche unselige Feinheit in Kleinigkeiten gehörte dazu, dieser Sprache aus einigen rohen Hieroglyphen die unendliche Menge von achtzigtausend zusammengesetzten und mehr Schriftarten die sinesische Nation unter allen Völkern der Erde auszeichnet!"

(J.G. Herder, Ideen zu einer Geschichte der Menschheit, III. Teil, 11. Buch, 1. Abschnitt China

Braucht es da noch mehr Worte?

Ja, lieber Xiezeren,

so habe ich China auch kennengelernt. Sie beziehen sich auf ein Buch, dass zwischen 1784 und 1791 entstanden ist. Ihr Zitat ist einfach lächerlich, haben Sie keine neueren Quellen? Dass Sie Sprach- und Verständniskonstrukte ansprechen, die mehr als 200 Jahre alt sind, verweist auf Ihr Geschichtsverständnis, mit der Gegenwart hat das nichts zu tun.
Und ja, Xiezeren, einen eklatanten Mangel an Erfindungskraft konnte ich in den 2 Jahren, die ich dort weilte durchaus feststellen, so viel hat sich also offensichtlich nicht getan in den letzten 2 Jahrhunderten.
Und ja, Xiezeren, die heute noch gängige Sprache und Schrift, vor allen Dingen diese, bereiten den Chinesen Probleme, technisch-industrielle Kultur zu adaptieren, da dieses konfuzianische Sprach- und Philosophiekonstrukt keine Entsprechungen im technologischen Bereich aufweist.
KH