Higgs-TeilchenSensation auf Raten

Die Hinweise auf die Existenz des Higgs-Teilchens häufen sich.

Die Wissenschaft hat schon vieles erfunden, was ihrem Fortkommen dient, neben dem Buhlen um Aufmerksamkeit, dem Eifern um Geld, dem Konkurrenzkampf um Nobel-Ehren: zum Beispiel die kleinste publizierbare Einheit (kpE). Sie misst, in wie viele Einzelergebnisse sich eine wissenschaftliche Erkenntnis zerlegen und in Form von Veröffentlichungen in Reputation ummünzen lässt. Publish or perish – veröffentliche oder verschwinde –, diesem Schicksal kann man mit exzellenter Forschung begegnen oder mit ausgefeilter Publikationsstrategie.

Am Cern in Genf arbeiten Physiker an einer weiteren Entdeckung, die die Kommunikationsstrategie der Wissenschaft revolutionieren könnte: die des minimalen medienwirksamen Wahrscheinlichkeitsgewinns (mmW). Für den Mittwoch dieser Woche (nach Redaktionsschluss) haben sie eine Pressekonferenz angekündigt, auf der sie Neuigkeiten über das Higgs-Boson verkünden wollen.

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Seit Wochen kursieren Gerüchte, dass Messungen am Teilchenbeschleuniger LHC nach ersten Hinweisen im vergangenen Jahr erneut Belege für die Existenz des Higgs geliefert haben. Die Forscher sind auf der Suche nach dem letzten noch fehlenden Baustein im Standardmodell der Teilchenphysik, dessen Existenz der britische Physiker Peter Higgs 1964 gleichzeitig mit zwei anderen Forschern postuliert hatte.

Dabei machen die Europäer am Cern mit dem größten Ringbeschleuniger der Welt den Amerikanern mit ihrem Tevatron, dem zweitgrößten Ringbeschleuniger der Welt, Konkurrenz. Die Anlage bei Chicago wurde zwar vor einem Jahr abgeschaltet, aber noch immer werden Daten ausgewertet. Die Physiker konkurrieren nicht nur mit der Datenflut aus den milliardenschweren Maschinen, sondern mit einer ausgeklügelten PR-Taktik. Noch bevor die Genfer am Mittwoch ihre Neuigkeiten verkünden konnten, versuchten die Amerikaner ihnen mit neuen Berechnungen ein wenig Wind aus den Segeln zu nehmen. »Unsere Daten weisen stark auf die Existenz des Higgs hin«, sagte Sprecher Rob Roser am Montag.

Das Raunen der Physiker schwillt an: Es gebe nur noch wenig Zweifel an der Existenz des Higgs, sagen die einen. Man müsse noch viel messen, um sicher zu sein, dass das Signal eindeutig vom Higgs stamme, sagen andere. Wir kommen der Sache näher, sagen beide.

Was die Cern-Forscher präsentieren, wird zwar noch immer kein zweifelsfreier Beweis für die Existenz des Higgs-Teilchens sein. Sie schätzen aber die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ein, es gefunden zu haben. Man habe seine Fußspuren gesehen. Oder seinen Schatten. Man habe seinen Rockzipfel erfasst. Die Metaphern, mit denen sich Physiker in dieser Woche zitieren lassen, beschwören das Geheimnis mehr als den Beweis.

Ist der Wettlauf zwischen Europa und den USA entschieden? Auch wenn sie die Befunde stützen, den Beweis für das Higgs werden die Amerikaner nicht mehr liefern können. Aber am Ende braucht es ohnehin die Bestätigung mehrerer Forschergruppen, damit die Wissenschaft endlich an die Existenz des Higgs glauben darf; am Cern selbst konkurrieren zwei Teams mit jeweils eigenem Teilchendetektor.

Vielleicht weil sie der medialen Wirkung ihrer Wahrscheinlichkeitseskalation nicht trauen, haben die Physiker vom Cern berühmte Kollegen zur Pressekonferenz eingeladen. Unter anderem einen, an dessen realer Existenz dann in Genf niemand vorbeisehen könnte: Peter Higgs.

 
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