Wird Deutschland jetzt eingekreist? Zerbricht die deutsch-französische Achse ? Auf dem Brüsseler EU-Gipfel hatten sich Italien und Spanien vor einer Woche mit Frankreich zusammengetan, um Deutschland erhebliche Zugeständnisse abzuringen. Wie folgenreich sie sind, ist zwar umstritten . Aber unzweifelhaft hat sich etwas verschoben. Bisher galt die Regel, dass sich Deutsche und Franzosen in wichtigen Fragen vorab verständigen. Stattdessen war Europa diesmal in Nord und Süd gespalten, und an der Spitze der beiden Lager standen einander gegenüber: Angela Merkel und François Hollande .

Das war kein Unfall. Dass so etwas passieren könnte, wurde bereits Anfang des Jahres angekündigt , wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand. Ein Wirtschaftsdiplomat aus dem Lager des damaligen sozialistischen Präsidentschaftskandidaten brachte die neue Denkweise auf den Punkt: Der größte Fehler Nicolas Sarkozys sei gewesen, »keine Koalition gegen Angela Merkel geschmiedet« zu haben – Hollande hingegen werde andere Saiten aufziehen.

Dabei hatte Sarkozy zu Beginn seiner Amtszeit durchaus versucht, das deutsche Gewicht auszutarieren. Etwa indem er sich den Amerikanern oder, hilfsweise, den Briten als engster Partner andiente – vergeblich. Auch seine »Mittelmeerunion«, heute nur mehr eine unbewohnte Ruine, war als Bauwerk gegen Deutschland gedacht. Erst unter dem Druck der Krise fand Hollandes Vorgänger zur alten deutsch-französischen Zusammenarbeit zurück: Wie schließlich sollen Investoren auf Europa vertrauen, wenn die beiden stärksten Länder ihre Energien im Gegeneinander verbrauchen? Zwar gab Sarkozy spezifisch französische Ideen nicht auf, wie sie heute Hollande verficht (Eurobonds, eine erweiterte Rolle der EZB, europäische Industriepolitik), seit Dezember 2008 suchte er jedoch Kompromisse.

Die sind eigentlich geradezu Hollandes Naturell. Aber der Neue reagiert auch blitzschnell, wenn ein Kräfteverhältnis sich zu seinen Gunsten verschiebt, und in Brüssel war auf einmal etwas drin. »Er betreibt Politik wie ein Käufer auf dem Spotmarkt«, wo Rohstoffe in kurzfristigen Geschäften gehandelt werden, sagt ein ehemaliger Vertrauter; Hollande sei ein »geradezu klinischer Fall eines gefühlsfreien Politikers, der ganz Berechnung ist«.

Man hat Hollande wohl auch stark eingeredet, mit seiner Präsidentschaft werde Frankreich der »Vorreiter des neuen Europa sein« – so hatte es Sigmar Gabriel Mitte März ausgedrückt, auf einer Wahlkampfveranstaltung für den französischen Freund, abgehalten in einem Pariser Zirkusgebäude. Seither behauptet das sozialistische Lager, dass Hollande in Europa das Thema »Wachstum« ins Zentrum gerückt habe. Betrachtet man die Beschlüsse der vergangenen Woche, so wirken sie freilich wie die bloß aufgemalten Fenster, die in früherer Zeit aus Symmetriegründen an Häusern angebracht wurden. Um neues Geld, das wachstumsfördernd ausgegeben werden könnte, handelt es sich nur in geringem Maße, und wann es eintrudeln wird, weiß ohnehin niemand recht.

Von der »Neuverhandlung des Fiskalpakts«, mit der Hollande europaweit Verunsicherung erzeugt hatte , ist jedenfalls wenig übrig.In Frankreich wird dieser Umstand von rechts mit Häme, von ganz links mit Empörung kritisiert. Was bleibt, ist die Erfahrung, dass da jemand – noch dazu erfolgreich – über viele Monate Wahlkampf auf Kosten Europas gemacht hat, indem er einen Keil dort hineintreiben wollte, wo man sich immerhin schon mal geeinigt hatte.

Eine Lesart, der Frankreichs Führung entschieden widerspricht. »Bindeglied« zwischen Nord und Süd sei das Land vielmehr, so geht jetzt die Rede im Élysée-Palast und im Außenministerium. Geopolitisch ist das nicht abwegig, so wie Deutschland ja auch eine Kontaktfläche für Osteuropa bietet. Doch wer sich als »Bindeglied« bezeichnet, sieht sich als Vermittler, nicht mehr als engster Partner. In der Diplomatie zählen die Nuancen, denn sie können sich schnell auswachsen, zu Unterschieden, Widersprüchen, Konflikten.