Das gotische Mittelschiff des Ulmer Münsters ist 41 Meter hoch. © Ulm/Neu-Ulm Tourismus/R. Mayer

DIE ZEIT: Frau Frey, Sie sind Tourismuspfarrerin und betreuen Besucher, die das Ulmer Münster besichtigen. Warum brauchen Menschen, die sich für gotische Baukunst interessieren, Ihren Beistand?

Tabea Frey: Wir erleben das oft: Ein Tourist betritt die Kirche, will nur die Kunstwerke betrachten. Und dann bricht etwas in ihm auf, Tränen laufen ihm übers Gesicht. Man kann nicht so einen Wahnsinnsbau errichten und die Menschen mit seiner Wirkung allein lassen.

ZEIT: Was ist so eindrucksvoll?

Frey: Die Größe. Das Ulmer Münster ist höher als der Kölner Dom. Manchmal stelle ich mich vor den Hauptturm und schaue nach oben. Da wird mir schwindelig. Dann diese lichte Weite im Innern. Es gibt wenig, das das Auge ablenkt. Nur hinter dem Hauptaltar die mittelalterlichen Chorfenster, das Leuchten am Ende des Ganges. Anfangs schüchterte mich das Münster ein. Ich dachte: Mensch, was bist du klein. Aber oft fühle ich hier auch eine große Freiheit. Das ist ein Raum, in dem man aufatmen kann.

ZEIT: Offenbar wussten die Erbauer der Kirche im 14. Jahrhundert genau, wie sie die Menschen aus ihrem Alltag reißen können.

Frey: Ja, das ist raffiniert inszeniert. Die Gotik wollte Himmelssäle abbilden, einen Vorgeschmack auf das Jenseits geben.

ZEIT: Wie findet der Besucher zu Ihnen?

Frey: Ich sitze an einem Tisch im Seitenschiff. Neben mir steht eine Tafel, die erklärt, was ich mache. Meist ist noch eine Ehrenamtliche dabei. Zusammen warten wir dann, ob jemand mit uns reden will.

ZEIT: Und wer sucht Sie auf?

Frey: Viele Männer. Oft solche, die zu Hause nie eine Kirche betreten. Einmal kam einer zu mir, in Radlerhose, der sagte: "Eigentlich bete ich nie. Kann ich nichts mit anfangen. Aber jetzt, spontan, möchte ich gerne mit Ihnen für mein Enkelkind beten, das im Krankenhaus liegt." Manchmal sprechen uns auch Leute an, die sich schuldig fühlen. Da gab es einen Mann, der zehn Jahre zuvor einen schlimmen Reitunfall verursacht hatte. Auf einmal brach das aus ihm heraus. Er machte sich Vorwürfe, weil er sein Pferd nicht hatte bändigen können. Oft möchten Menschen über ihre Beziehungsprobleme reden. Hin und wieder kommen Schüler, die auf Klassenfahrt sind. Die erzählen, wie groß der Druck im Unterricht ist.

ZEIT: Sie sind also Therapeutin und Theologin.

Frey: Es ist ein Zwischenbereich. Wir versuchen klarzumachen: Dein Wert hängt nicht daran, ob du liiert bist oder gut in Mathe. Übrigens kommen die Leute nicht nur mit Krisen zu uns. Toll fand ich eine Frau, die sagte: "Ich ärgere mich so oft über das, was ich nicht habe im Leben. Etwa einen Partner. Hier wurde mir klar, wie glücklich ich bin. Ich bin gesund, habe einen Job und Freundinnen. Dieser Ort hat meine Weltsicht zurechtgerückt."