DIE ZEIT: Herr Bellut, Sie haben vor 30 Jahren als Volontär beim ZDF angefangen. Gab es damals auch nur einen einzigen Ausländer in der Redaktion?

Thomas Bellut: Nein. Auch in meinem gesamten Volontärsjahrgang war niemand mit Migrationshintergrund. Die kamen erst später, meine Frau zum Beispiel...

ZEIT: ...Hülya Özkan, die bis vor Kurzem noch die Sendung heute – in Europa moderiert hat. Galten Sie als Exot im Sender, als Sie sie heirateten?

Bellut: Ich glaube, dass sich viele darüber gewundert haben, ja. Die Vorurteile waren damals ja noch viel stärker. Manche Kollegen dachten zum Beispiel, dass Moderatoren mit Migrationshintergrund ihre Texte nicht selbst einsprechen können.

ZEIT: Sie wirken wie ein bedächtiger Mann – aber hat Sie da nicht manchmal die nackte Wut gepackt?

Bellut: Doch, natürlich! Damals hat man nicht kapiert, dass jemand Deutscher sein und akzentfrei Deutsch sprechen kann, auch wenn er nicht hier geboren ist.

ZEIT: Ihre Frau hat vor Jahren mit dem Tagesspiegel sehr offen über die Diskriminierung gesprochen, die sie anfangs als Moderatorin erfahren hat. Hat sich seitdem spürbar etwas geändert?

Bellut: Ja, vor allem in den vergangenen zehn Jahren. Die Veränderung hat auch fast die gesamte Gesellschaft ergriffen.

ZEIT: Sprechen Sie denn selbst Türkisch?

Bellut: Ein bisschen. Türkisch ist eine sehr schwere Sprache, die ganze Satzstruktur unterscheidet sich von unserer und den romanischen Sprachen. Ich habe großen Respekt vor den Türken, die hier leben und Deutsch lernen. Für die ist das genauso schwierig, das muss man auch mal sehen – so in Richtung Sarrazin gesagt.

ZEIT: In ihrem Buch Güle Güle Süperland schildert Ihre Frau eine Szene aus Ihrer Ehe: Sie sitzen nebeneinander im Flugzeug, es geht von Istanbul nach Frankfurt, und Ihre Frau teilt Ihnen mit, dass sie Mumbar im Handgepäck habe. Sie bestehen darauf, die gefüllten Lammdärme sofort an die Mitreisenden zu verschenken...

Bellut: Das war zur Zeit der Vogelgrippe, die Einfuhr von Lebensmitteln war nicht erlaubt. Ich bin eben sehr gesetzestreu, man ist ja auch so erzogen als Deutscher. Das ist ein ständiger Anlass für Scherze unter uns beiden. Im Süden sieht man die Dinge lockerer.

ZEIT: Wie darf man sich angesichts der vielen Veränderungen in der Gesellschaft heute den Zuschauer des ZDF vorstellen? Hat der sich auch verändert?

Bellut: Natürlich verändert sich das Publikum. Migranten anzusprechen ist zum Beispiel eine wichtige Aufgabe, nicht nur eine gute Tat. Das Publikum unterscheidet sich aber je nach Sendung sehr stark. Das heute-journal, aber auch die heute-show haben einen größeren Anteil von besser Gebildeten. Facharbeiter und Handwerksmeister sind eine wichtige Gruppe. Ich wehre mich gegen jeden elitären Ansatz. Übrigens ist auch das Publikum von RTL nicht durchgehend schlechter gebildet als unseres; unter den Zuschauern des »Dschungelcamps« sind viele Akademiker.

ZEIT: Warum schauen Akademiker diese Show?

Bellut: Akademiker sind auch nur Menschen. (lacht) Auch sie amüsieren sich gerne über andere. Das ist eine Haltung, die sich durch das Internet immer mehr verbreitet hat. Die Renner bei YouTube sind Normalos, die sich lächerlich machen. Das wäre früher anstößiger gewesen. Ich bin froh, dass ich Kinder habe und viel sehe. Das schützt einen davor, eingefahren zu sein.

ZEIT: Man kennt Sie vor allem als politischen Journalisten, nicht zuletzt als Moderator des Politbarometers. Welche neuen Impulse können Sie im Unterhaltungsbereich setzen?

Bellut: Die Unterhaltung erlebt im Moment einen Umbruch. Was in den Privatsendern läuft, Castingshows zum Beispiel, hat offenkundig den Zenit überschritten. Bei uns ist die klassische Unterhaltung, zum Beispiel Quiz, auch nicht mehr auf der Höhe, auf der sie früher war. Der Unterhaltungsbereich hat sich noch stärker als andere in Segmente aufgesplittert. Der größte Verein war früher die Volksmusik, aber den gibt’s nicht mehr. Die alten Muster stimmen nicht mehr.