DIE ZEIT: Herr Bellut, Sie haben vor 30 Jahren als Volontär beim ZDF angefangen. Gab es damals auch nur einen einzigen Ausländer in der Redaktion?

Thomas Bellut: Nein. Auch in meinem gesamten Volontärsjahrgang war niemand mit Migrationshintergrund. Die kamen erst später, meine Frau zum Beispiel...

ZEIT: ...Hülya Özkan, die bis vor Kurzem noch die Sendung heute – in Europa moderiert hat. Galten Sie als Exot im Sender, als Sie sie heirateten?

Bellut: Ich glaube, dass sich viele darüber gewundert haben, ja. Die Vorurteile waren damals ja noch viel stärker. Manche Kollegen dachten zum Beispiel, dass Moderatoren mit Migrationshintergrund ihre Texte nicht selbst einsprechen können.

ZEIT: Sie wirken wie ein bedächtiger Mann – aber hat Sie da nicht manchmal die nackte Wut gepackt?

Bellut: Doch, natürlich! Damals hat man nicht kapiert, dass jemand Deutscher sein und akzentfrei Deutsch sprechen kann, auch wenn er nicht hier geboren ist.

ZEIT: Ihre Frau hat vor Jahren mit dem Tagesspiegel sehr offen über die Diskriminierung gesprochen, die sie anfangs als Moderatorin erfahren hat. Hat sich seitdem spürbar etwas geändert?

Bellut: Ja, vor allem in den vergangenen zehn Jahren. Die Veränderung hat auch fast die gesamte Gesellschaft ergriffen.

ZEIT: Sprechen Sie denn selbst Türkisch?

Bellut: Ein bisschen. Türkisch ist eine sehr schwere Sprache, die ganze Satzstruktur unterscheidet sich von unserer und den romanischen Sprachen. Ich habe großen Respekt vor den Türken, die hier leben und Deutsch lernen. Für die ist das genauso schwierig, das muss man auch mal sehen – so in Richtung Sarrazin gesagt.

ZEIT: In ihrem Buch Güle Güle Süperland schildert Ihre Frau eine Szene aus Ihrer Ehe: Sie sitzen nebeneinander im Flugzeug, es geht von Istanbul nach Frankfurt, und Ihre Frau teilt Ihnen mit, dass sie Mumbar im Handgepäck habe. Sie bestehen darauf, die gefüllten Lammdärme sofort an die Mitreisenden zu verschenken...

Bellut: Das war zur Zeit der Vogelgrippe, die Einfuhr von Lebensmitteln war nicht erlaubt. Ich bin eben sehr gesetzestreu, man ist ja auch so erzogen als Deutscher. Das ist ein ständiger Anlass für Scherze unter uns beiden. Im Süden sieht man die Dinge lockerer.

ZEIT: Wie darf man sich angesichts der vielen Veränderungen in der Gesellschaft heute den Zuschauer des ZDF vorstellen? Hat der sich auch verändert?

Bellut: Natürlich verändert sich das Publikum. Migranten anzusprechen ist zum Beispiel eine wichtige Aufgabe, nicht nur eine gute Tat. Das Publikum unterscheidet sich aber je nach Sendung sehr stark. Das heute-journal, aber auch die heute-show haben einen größeren Anteil von besser Gebildeten. Facharbeiter und Handwerksmeister sind eine wichtige Gruppe. Ich wehre mich gegen jeden elitären Ansatz. Übrigens ist auch das Publikum von RTL nicht durchgehend schlechter gebildet als unseres; unter den Zuschauern des »Dschungelcamps« sind viele Akademiker.

ZEIT: Warum schauen Akademiker diese Show?

Bellut: Akademiker sind auch nur Menschen. (lacht) Auch sie amüsieren sich gerne über andere. Das ist eine Haltung, die sich durch das Internet immer mehr verbreitet hat. Die Renner bei YouTube sind Normalos, die sich lächerlich machen. Das wäre früher anstößiger gewesen. Ich bin froh, dass ich Kinder habe und viel sehe. Das schützt einen davor, eingefahren zu sein.

ZEIT: Man kennt Sie vor allem als politischen Journalisten, nicht zuletzt als Moderator des Politbarometers. Welche neuen Impulse können Sie im Unterhaltungsbereich setzen?

Bellut: Die Unterhaltung erlebt im Moment einen Umbruch. Was in den Privatsendern läuft, Castingshows zum Beispiel, hat offenkundig den Zenit überschritten. Bei uns ist die klassische Unterhaltung, zum Beispiel Quiz, auch nicht mehr auf der Höhe, auf der sie früher war. Der Unterhaltungsbereich hat sich noch stärker als andere in Segmente aufgesplittert. Der größte Verein war früher die Volksmusik, aber den gibt’s nicht mehr. Die alten Muster stimmen nicht mehr.

"Ich habe auch Bravo TV in den Sand gesetzt"

ZEIT: Woran machen Sie das fest?

Bellut: Neulich war ich auf einem Konzert von Joe Cocker – und wäre fast von Rollatoren überfahren worden! Nein, Spaß beiseite. Man konnte da gut sehen: Die Älteren leben heute anders als früher, sie versuchen, fit zu bleiben, Sport zu machen, sich der Mode zu öffnen. Wir haben es bislang nicht geschafft, diese Veränderungen in unserem Programm umzusetzen. Die große Show muss neue Impulse bekommen.

ZEIT: Kommen die Redakteure in Mainz auf genug gute Einfälle?

Bellut: Erstens wird Mainz unterschätzt. Zweitens sind meine Redakteure ständig unterwegs. Aber Sie haben schon recht, eine Talkshow würde ich nicht hier ansiedeln.

ZEIT: Ist es eine bewusste Entscheidung des ZDF, es bei einer politischen Talkshow in der Woche zu belassen?

Bellut: Ja, auf jeden Fall. Ich hätte schon noch ein paar zusätzliche Moderatoren einstellen können.

ZEIT: Hat der eine oder andere ARD-Talker bei Ihnen anheuern wollen?

Bellut: Die Situation ist doch für die Kollegen auch unbefriedigend. Aber das ist ein Thema für die ARD.

ZEIT: Nervt Sie das große Angebot von Talkshows in der ARD?

Bellut: Ich finde die Aufregung darüber völlig übertrieben. Aber mir persönlich reicht eine politische Talkshow pro Woche.

ZEIT: Gibt es Formate, die Sie selbst beim ZDF verantwortet haben, an denen heute noch Ihr Herz hängt, obwohl sie gefloppt sind?

Bellut: Reichlich. Ich habe zum Beispiel mal versucht, am Vorabend mit Sitcoms zu experimentieren. Ich war begeistert vom amerikanischen Vorbild und dachte: Verdammt noch mal, das muss doch auch hier möglich sein! Aber so läuft es im Bereich Humor bei uns einfach nicht. Ich habe auch Bravo TV in den Sand gesetzt.

ZEIT: Wollen Sie den Unterhaltungsdampfer ZDF in Ihrer Amtszeit stärker journalistisch ausrichten?

Bellut: Ich bin überrascht, dass Sie Unterhaltungsdampfer sagen, wir sind schon lange der Informationssender. Und ich möchte sogar noch mehr hart recherchierte Dokumentationen im Programm haben und bin bereit, dafür mal geringere Quoten hinzunehmen. Aber ich will auch Erfolg haben. Das Öffentlich-Rechtliche darf sich nicht in die verlockende, bequeme Hängematte der gezielten Erfolglosigkeit begeben.

ZEIT: Wenn Sie ein gutes Programm machen, aber die Quote nicht stimmt – welche Dynamik kommt dann in Gang?

Bellut: Eine Dynamik, an deren Ende etwas wie das öffentlich-rechtliche Fernsehen in den USA steht. Dessen Marktanteil ist kaum noch messbar, dieses Fernsehen wird nur noch mit Beiträgen aus dem Staatshaushalt am Leben gehalten. Ich werde, solange ich hier bin, dafür kämpfen, dass das ZDF bedeutend bleibt.

ZEIT: Sie messen Bedeutung auch an der Quote?

Bellut: Ja. Das heute-journal hat täglich drei bis vier Millionen Zuschauer, und ich halte das für wichtig. Die Moderatoren der Sendung sind ausnahmslos herausragend, und die Inhalte stimmen. Zu sagen, man will das große Publikum nicht mehr erreichen, halte ich für außerordentlich gefährlich. Genauso falsch wäre es aber, die Griechenland-Doku, bei der wir neulich nur sieben Prozent Marktanteil erreicht haben, künftig nicht mehr um 20.15 Uhr zu zeigen.

ZEIT: Sind Sie mit der heute- Sendung um 19 Uhr ebenso zufrieden wie mit dem heute-journal?

Bellut: Die 19-Uhr-Sendung hat es deutlich schwerer, sie folgt direkt auf die Nachrichten bei RTL und sendet eine Zeit lang sogar parallel. Nächste Woche besuche ich die Redaktion. Erst einmal werde ich die Kollegen loben, ihnen sagen, dass sie eine sachlich ausgewogene, überparteiliche Berichterstattung machen. Ich werde ihnen aber auch sagen, dass sie über die Zukunft nachdenken müssen. Die klassischen Tagesnachrichtensendungen stehen viel stärker in Konkurrenz zu den Internetanbietern. Sie müssen beweisen, dass sie für die Zuschauer trotzdem wichtig bleiben. Die 19-Uhr-Sendung muss sich gewiss auch erneuern.

ZEIT: Vermissen Sie Steffen Seibert, der die Moderation der heute- Sendung für das Amt des Regierungssprechers aufgegeben hat?

Bellut: Ich vermisse ihn sehr. Es war ein schwerer Verlust für uns, dass er weggegangen ist.

"Grundsätzlich will ich mit der ARD stärker zusammenarbeiten"

ZEIT: Als er ins Kanzleramt wechselte, haben ihn einige in Ihrem Haus so angesehen, als schlösse er sich einer Gruppe von Hütchenspielern an...

Bellut: Ich glaube, wir sind zu deutsch in diesen Fragen: Ist doch prima, wenn man wechselt, dann sieht man mal was Neues. Ich fürchte, Steffen Seibert wird gar nicht mehr zurückkommen wollen, nachdem er diese andere Welt kennengelernt hat.

ZEIT: Vermissen Sie auch Thomas Gottschalk?

Bellut: Ja. Er hatte von mir ja auch ein Angebot bekommen, aber es war seine Entscheidung, zur ARD zu gehen. Ich habe ihm davon abgeraten.

ZEIT: Von dem Abenteuer in der ARD hatten Sie ihm abgeraten?

Bellut: Ja, von dem Format und vor allem von dem Sendeplatz. Aber er wird gedacht haben: Der Mann ist befangen, der will mich halten.

ZEIT: Ihre Wahl zum Intendanten hat ein durchweg positives Echo ausgelöst, alle schienen sich einig zu sein: Das ist der richtige Mann zur richtigen Zeit. Auf der anderen Seite gab es die peinlich wirkende Hängepartie bei der Suche nach einem Nachfolger von Gottschalk für Wetten, dass...?.

Bellut: Das habe ich absichtlich gemacht. Denn hätte ich vor Gottschalks endgültigem Abschied jemanden präsentiert, dann wäre derjenige schon vor dem Start zerrissen worden. Gottschalk stand ja blendend da, er hatte super Quoten. Dann kam der große Abschiedsschmerz. Ich schwöre Ihnen, hätte ich in dieser Phase irgendeinen Namen genannt, die betreffende Person wäre runtergeschrieben worden.

ZEIT: Aber konnten Sie diesen Prozess denn steuern? Es gab doch Absagen!

Bellut: Es gab eine einzige Absage, von Hape Kerkeling. Ich hatte mich mit ihm verabredet, und er hat sich zunächst dafür erwärmen können, die Sendung zu moderieren. Dann hat er es sich anders überlegt.

ZEIT: War das wirklich die einzige Absage? Man las viel von Kollegen, die den Job nicht machen wollten, wie zum Beispiel Jörg Pilawa.

Bellut: Von einer Absage kann erst dann die Rede sein, wenn es ein klares Vertragsangebot gibt. Ich habe mit mehreren Menschen gesprochen, um mir ein klares Bild zu machen. Jörg Pilawa hätte ich mir vorstellen können. Ich konnte mir aber auch von Beginn an Markus Lanz vorstellen.

ZEIT: Eine Frage an Sie als Katholiken und als Intendanten: Können Sie Moderatoren verzeihen, über die Sie sich geärgert haben?

Bellut: Ja.

ZEIT: Würden Sie Thomas Gottschalk, Johannes B. Kerner und Elke Heidenreich wieder in Ihr Programm aufnehmen?

Bellut: Kerner und Gottschalk wollten den Arbeitgeber wechseln, das ist kein Problem, Programmentscheidungen fallen nüchtern. Von Frau Heidenreich war ich enttäuscht, weil wir eine gute Arbeitsbeziehung hatten und ich ihre scharfen Attacken gegen das ZDF nicht nachvollziehen konnte.

ZEIT: Sprechen Sie noch mit ihr?

Bellut: Seitdem habe ich nicht mehr mit ihr gesprochen.

ZEIT: Gibt es bei der Honorierung von Moderatoren Grenzen beim ZDF?

Bellut: Ja. Der große Wettbewerb zwischen den Privaten und den Öffentlich-Rechtlichen hatte dazu geführt, dass wir wirklich sehr hohe Honorare hatten. Ich finde aber, dass wir mittlerweile wieder ein vernünftiges Honorarniveau erreicht haben.

ZEIT: Wann sind die Honorargrenzen für Ihre Starmoderatoren überschritten?

Bellut: Wenn ich es vor mir selbst und meinen Gremien nicht mehr rechtfertigen könnte.

ZEIT: Ist es in Ordnung, dass ein Moderator seine eigene Sendung produziert?

Bellut: Ja, aber auch das muss Grenzen haben. Ich möchte nicht, dass politische Sendungen fremdproduziert werden, also die redaktionelle Verantwortung rausgegeben wird.

ZEIT: ARD und ZDF haben bei den Vormittagsnachrichten jahrelang kooperiert, um neun und um zwölf Uhr gab es im wöchentlichen Wechsel entweder die tagesschau oder heute. Im vergangenen Jahr hat das ZDF diese Arbeitsteilung aufgekündigt und sendet seit Januar jeden Vormittag eigene Nachrichten. Wie erklären Sie das den vielen Menschen, die sich wünschen, dass ihre Gebühren nicht verschwendet werden?

Bellut: Grundsätzlich will ich mit der ARD stärker zusammenarbeiten, wie gerade erst bei der Europameisterschaft. Die beiden kurzen heute- Ausgaben am Vormittag brauchen wir, um eine eigene Informationsstruktur aufrechtzuerhalten. Sie liefern beispielsweise Nachrichtenfilme für die heute- Onlineredaktion.

ZEIT: Die Entscheidung damals ist nicht Ihre gewesen, und der Ausstieg aus der Nachrichtenkooperation gilt erst einmal nur für ein Jahr. Wollen Sie ihn wieder rückgängig machen?

Bellut: Nein. In den Wochen, in denen die ARD die Nachrichten übernommen hat, hatten wir von der letzten Nachtsendung bis mittags keine Nachrichtenredaktion mehr in Betrieb. Es wird aber von einem Sender wie dem ZDF erwartet, dass er bei Weltereignissen wie Fukushima sofort am Ball ist.

"Nein, die Grenze ist erreicht, das gebe ich gerne zu"

ZEIT: Wie war es denn bei Fukushima?

Bellut: Da hatten wir Glück: Es war eine heute- Woche.

ZEIT: Warum braucht man heute überhaupt noch einen zweiten öffentlich-rechtlichen Fernsehsender?

Bellut: Als die öffentlich-rechtlichen Anstalten nach der Nazizeit gegründet wurden, ging es darum, ein unabhängiges, freies und vielfältiges Rundfunksystem aufzubauen, die Macht aufzuteilen. Wir sind ein Beitrag zur Vielfalt. Es ist gut, dass es Alternativen gibt, auch für den Qualitätswettbewerb untereinander.

ZEIT: Es gab auch noch einen anderen politischen Grund, das ZDF zu gründen: Der Sender sollte parteipolitisch zuverlässiger sein als die zerklüftete ARD-Landschaft.

Bellut: Mag sein. Aber das ist mehr als 50 Jahre her. Ich glaube nicht, dass die letzten Bundesregierungen uns immer als zuverlässig eingeschätzt haben...

ZEIT: Als es um die Vertragsverlängerung von dem ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender ging, hatte man den Eindruck, dass der Zugriff der Parteien noch funktioniert wie in alten Zeiten...

Bellut: Es ist ein Direktor nicht wiedergewählt worden, der vom Intendanten vorgeschlagen wurde. Natürlich hat uns der Vorgang geschadet. Er führt aber jetzt auch zu einer Klärung vor dem Bundesverfassungsgericht.

ZEIT: Halten Sie das für sinnvoll?

Bellut: Allerdings.

ZEIT: Als Zuschauer hat man manchmal den Eindruck, dass es beim ZDF den ganzen Nachmittag lang zischt und dampft. Muss das sein?

Bellut:(lacht) Unsere Kochsendungen! Ehrliche Antwort: Erstens ist das Tagesprogramm schwer zu bestreiten für öffentlich-rechtliche Sender, sie kontrastieren ja gegen diese relativ brutalen Tagesprogramme bei den Privaten mit ihren Doku-Entertainment-Formaten. Dokumentationen werden, mehr als früher üblich, in den Digitalkanälen und bei Phoenix erfolgreich eingesetzt. Was macht man also, wenn man ein attraktives Programm machen, aber nicht zu viel Geld ausgeben will? Kochshows haben ein junges Publikum, sind relativ erfolgreich und sehr günstig.

ZEIT: Das heißt, es wird noch mehr Kochsendungen geben?

Bellut: Nein, die Grenze ist erreicht, das gebe ich gerne zu. Aber ich persönlich entspanne mich ganz gerne bei einer Kochsendung.

ZEIT: Auch wenn Sie mit Leib und Seele ein Mann des öffentlich-rechtlichen Fernsehens sind: Gibt es eine Haltung, die Sie dort nicht mögen?

Bellut: Ja, Bequemlichkeit. Die Haltung: Wir haben Gebühren, die Zuschauer müssen schlucken, was wir machen. Früher gab es mehr Menschen, die nichts beigetragen haben zum Erfolg des Unternehmens. Das ist besser geworden. Sie würden überrascht sein, wenn Sie wüssten, wie viele engagierte Leute hier auf allen Stufen arbeiten! Ich kann das gut beurteilen, weil ich ja schon lange hier bin: Das Paradies ist schon lange geschlossen.

ZEIT: Können Sie denn etwas gegen diese Haltung tun, wenn sie Ihnen trotzdem noch begegnet?

Bellut: Ich gehe da Hand in Hand mit dem Personalrat, das läuft bei mir unter dem Gesichtspunkt der Gerechtigkeit. Jeder, der sich vor der Arbeit drückt und keine Leistung bringt, verhält sich ungerecht gegenüber den anderen, die mehr bringen als das, was sie müssten. Es gibt natürlich die Möglichkeit, jemanden zu ermahnen, nicht zu befördern oder bei fortgesetzter Arbeitsverweigerung auch spürbarere Maßnahmen.

ZEIT: Braucht ein öffentlich-rechtliches Fernsehen, das sich erneuern muss, um konkurrenzfähig zu bleiben, nicht auch eine Reform der Kontrollgremien?

Bellut: Beim ZDF gibt es 77 Fernsehräte und 14 Verwaltungsräte. Das ist schon eine große Gruppe. Aber die Zusammenarbeit läuft prima. Das Verfassungsgericht wird die Zusammensetzung prüfen. Ich habe vor der Wahl zum Intendanten mit fast allen Gremienmitgliedern gesprochen, der Wunsch nach Unabhängigkeit des Intendanten war überall da.

ZEIT: Finden Sie es hilfreich, wenn Mitglieder der ARD-Gremien einen bestimmten Talkshow-Moderator und dessen Fragetechnik kritisieren – und das anderen Medien zugespielt wird?

Bellut: Ich finde es richtig, dass die Gremien sich mit solchen Themen beschäftigen, und ich finde es bedauerlich, wenn interne Papiere öffentlich gemacht werden.

ZEIT: Ihr Ziel, das Durchschnittsalter der Zuschauer von 61 auf 60 Jahre zu senken, wirkt in seiner Bescheidenheit ein wenig seltsam.

Bellut: Aber es ist trotzdem ein ehrgeiziges Ziel. Fernsehen funktioniert nicht mit einem abrupten Ruck. Wir Sender sind Tankschiffe, die ganz vorsichtig umjustiert werden. Das Verjüngungsziel werde ich erreichen. ZDFneo war schon gut, und der Erfolg von ZDFinfo bei Jüngeren ist rasant, es hat auf Anhieb nur mit Dokumentationen 0,5 Prozent bei den jüngeren Zuschauern erreicht.

"Trotzdem habe ich auch ein Herz für ZDFkultur"

ZEIT: Werden Sie für alle drei Digitalkanäle des ZDF kämpfen?

Bellut: Wir müssen uns schon fragen, wie viele Digitalkanäle wir stemmen können. Wir sind ja von der Gebührenkommission KEF angehalten, in erheblichem Umfang Personal abzubauen, deshalb müssen wir uns stärker fokussieren. Ich kann ZDFneo in den nächsten Jahren nicht mit großen Beträgen aufbauen, aber was dem Hauptprogramm guttut, muss ZDFneo noch besser tun. ZDFneo kauft Programme, die im Hauptprogramm reüssieren. Zum Beispiel Downton Abbey. Für mich eine der besten Serien! Kennen Sie die? Finden Sie die auch gut?

ZEIT: Am Anfang ja, dann aber zu flach.

Bellut: Das ist doch eine wunderbare, schlichte Darstellung von Alltag! Vielleicht sind Sie zu ungeduldig dafür.

ZEIT: Ungeduld wird auch Ihnen nachgesagt.

Bellut: Ja, das stimmt. Ich versuche aber, mich zu mäßigen. Denn mit Ungeduld kommt man hier im Sender nicht weiter.

ZEIT: Wenn wir Ihre Antwort zu den Digitalkanälen mal interpretieren dürfen: ZDFneo und der Infokanal haben für Sie Priorität?

Bellut: Ja. Trotzdem habe ich auch ein Herz für ZDFkultur. Viele Angebote gefallen mir gut. Kultur ist das dickste Brett, das man bohren kann im Medienbereich. Aber ich muss die Diskussion führen. Wir haben uns vorgenommen, nach dem ersten Halbjahr Bilanz zu ziehen und darüber im Herbst auch mit den Gremien zu beraten.

ZEIT: Es fällt auf, dass das Onlineangebot des ZDF weniger textlastig ist als das der ARD. Wird der Intendant Thomas Bellut bei dieser Linie bleiben?

Bellut: Ja, eindeutig. In dieser Frage möchte ich alles versuchen, um gemeinsam mit der ARD eine Einigung mit den Verlegern hinzubekommen. Bewegte Bilder werden in den nächsten Jahren das Internet beflügeln. Auch die Verlage werden stärker darauf setzen, ein Beispiel ist Springer mit seiner Bezahl-Bundesliga-App. Das finde ich nachvollziehbar, das bringt mich nicht zum Klagen. Schon die Vernunft gebietet mir, zu sagen: Lasst die ausführlichen Textangebote den Verlagen, den Zeitungen und Zeitschriften! Wir sind die Spezialisten für bewegte Bilder. Es wird andere Konflikte geben auf diesem so wilden Medienmarkt, mit anderen Veranstaltern. Und ich glaube wirklich an die Allianz der Qualitätsmedien. Wir werden froh sein über jeden, der sich noch intensiv mit Inhalten beschäftigt.

ZEIT: Wenn große Verlagshäuser beschließen sollten, eine Paywall für ihre journalistischen Onlineangebote einzurichten – würden die Öffentlich-Rechtlichen ihre Textangebote dann nicht aufstocken?

Bellut: Ich bezweifle, dass es dazu kommt, aber selbst wenn: Unser Onlineangebot orientiert sich am Bewegtbild. Und das bleibt auch so. ZEIT ONLINE oder Spiegel Online werden nicht von heute.de ersetzt werden können.

ZEIT: Und wenn ein großes Geschrei darüber losgeht, dass die Informationsfreiheit ein Grundrecht ist?

Bellut: Die Forderung, alles umsonst haben zu wollen, wird uns ja genauso treffen, wie sie die Verlage jetzt schon trifft. Ich mache mir keine Illusionen, dass das, was die Piraten propagieren, eine Richtung einschlägt, die für Bezahlmodelle außerordentlich gefährlich ist. Und das macht mich auch eher bescheiden, was die Zukunft angeht, und zufrieden mit dem, was ich habe.

ZEIT: Manche Kinder sagen, das Öffentlich-Rechtliche sei das, was die Großeltern immer gucken, andere halten Fernsehen für kaputtes YouTube. Wie macht man die überhaupt darauf aufmerksam, dass da interessante Programme laufen?

Bellut: Diese Gruppe ist natürlich extrem schwer zu bekommen. Die haben wir eher bei ZDFneo mit Joko und Klaas. Aus unseren Befragungen wissen wir, dass junge Leute nicht nur ein Medium nutzen, dass Internet und Fernsehen sich nicht gegenseitig ausschließen. Es gibt natürlich den, der sich nur im Netz bewegt und dort auch TV-Inhalte sieht. Und genau da gehen wir mit unseren Inhalten auch hin, zum Beispiel mit eigenen YouTube-Kanälen.

ZEIT: Sind Sie selbst auch im Netz unterwegs?

Bellut: Ja, aber ich habe kein Facebook-Profil. Das lehne ich ab. Ich will auch nicht sehen, was meine Kinder dort treiben. Es gibt Eltern, die sich bei ihren Kids als »friends« anmelden wollen und dann abgewiesen werden. Das habe ich nie versucht. Meine Eltern wollten auch nicht immer wissen, was ich getrieben habe.

ZEIT: Haben Sie schon mal raubkopiert?

Bellut: Nein.

ZEIT: Aber nur, weil Sie nicht wissen, wie’s geht!

Bellut:(lacht) Da haben Sie recht. Ich habe einfach keine Zeit, mich da reinzufinden. Aber ich kenne einige, die das schon gemacht haben, auch mit Filmen – Gott sei Dank ist die Qualität oft schlecht.