Siedlungspolitik : Mein ungerechtes Land

Israel bestraft Demonstranten – und schont Siedler, die Gesetze verletzen
In Tel Aviv treffen Protestierer auf Polizeikräfte (Bild vom 22. Juni 2012) © Roni Schutzer/AFP/GettyImages

Mein Vater ist in diesem Frühjahr gestorben. In den letzten Monaten vor seinem Tod hatte ich das Glück, sehr viel Zeit mit ihm zu verbringen. In diesen Wochen führten wir viele Gespräche. Wir redeten darüber, was er über den Staat Israel dachte, als er nach dem Zweiten Weltkrieg hier ankam – und was er nun, kurz vor seinem Tod, über dieses Israel dachte.

In vielen dieser Geschichten erzählte mein Vater, wie schwierig er es in den 1950er und 1960er Jahren in Israel hatte. Er war Mitglied einer rechten Partei. Israel wurde damals von der Linken dominiert, von der Arbeitspartei des Staatsgründers David Ben Gurion. Es war eine Zeit, in der man Bürger zweiter Klasse war, wenn man keinen Mitgliedsausweis für die Gewerkschaft Histadrut in der Tasche hatte, die den regierenden Sozialdemokraten nahestand. Man verzichtete auf viele Privilegien, die einem das Leben leichter machten.

Nicht nur er habe aufgrund seiner Überzeugungen gelitten, sagte mein Vater, sondern seine ganze Familie. Er erinnerte sich an eines dieser frustrierenden Erlebnisse. Meine Mutter und er wollten mich an einer öffentlichen Grundschule in der Nähe von unserem Zuhause anmelden. Sie schrieben unzählige Briefe und Beschwerden, aber die Stadtverwaltung schickte mich am Ende trotzdem in eine weniger angesehene Grundschule, die weiter weg lag.

»Dieses Land war nie wirklich ein Land der Gleichheit«, erklärte mir mein Vater. »Und wenn es um unsere politischen Ansichten ging, hat unsere Familie aus irgendeinem Grund immer für die weniger gleiche Seite gestimmt.«

Etgar Keret

ist ein israelischer Schriftsteller, seine Bücher wurden in neun Sprachen übersetzt. Auf Deutsch erscheint jetzt Plötzlich klopft es an der Tür, S. Fischer Verlag, 2012.

Vor zehn Tagen sah ich Daphni Leef, eine junge Frau, die vor einem Jahr die sozialen Proteste in Israel angeführt hatte. Nun stand sie wieder auf dem Rothschild-Boulevard in Tel Aviv und versuchte, ein Zelt aufzubauen. Sie rief Parolen, die man aus dem vorigen Jahr kannte, sie forderte lautstark bezahlbare Wohnungen – und während sie dafür von Polizisten geschlagen wurde, musste ich an meinen Vater denken.

Aber ich dachte auch über eine Gruppe von Siedlern nach, von denen dieser Tage viel die Rede war, die in ihren Häusern auf privatem palästinensischen Boden lebten und erst jetzt, nachdem Palästinenser einen langen und ermüdenden Prozess schließlich gewonnen hatten, ihre Häuser räumen mussten, auf Anordnung des Obersten Gerichts.

Wenn diese Daphni Leef ein Siedler gewesen wäre – ohne Zweifel würden die israelische Polizei und unser Regierungschef sich darum bemühen, mehr Geduld und Sensibilität im Umgang mit ihr zu zeigen; selbst dann, wenn sie Gesetze gebrochen hätte. Premierminister Netanjahu hätte ihr sehr wahrscheinlich eine alternative Unterkunft auf einem nahe gelegenen militärischen Gelände angeboten, so wie er es den Siedlern angeboten hatte, um diese »menschlich sehr empfindliche« Situation zu bewältigen. Und er hätte das auch dann getan, wenn das Oberste Gericht sie verurteilt hätte. Aber Daphni Leef ist keine Siedlerin, sondern eine Aktivistin. Und deshalb wird sie geschlagen.

Das Volk fordert soziale Gerechtigkeit

Als mein Vater ein junger Mann war, trug die israelische Elite die rote Mitgliedskarte des Gewerkschaftsbundes; heute beherrscht eine neue Elite das Land.

Wirklich, dies ist kein Land der Gleichheit: Wenn man einen Blick darauf wirft, wie das Gesetz sich zum illegalen Bauen hier in Israel und in den besetzten Gebieten stellt, dann ist klar: Du bist besser dran, wenn du in den besetzten Gebieten illegal baust. Wenn du ultraorthodox bist, wirst du es sehr viel einfacher als andere haben, die Voraussetzungen für eine Unterkunft zu erfüllen, die vom Minister für Wohnung und Bau festgelegt worden sind – der Mann ist Mitglied der ultraorthodoxen religiösen Schas-Partei. Und wenn du ein Großindustrieller bist, wirst du sehr bald herausfinden, dass umfassendes Steuerzahlen nur Gegenstand einer Empfehlung ist.

Und wenn du dich dafür entscheiden solltest, das Gesetz zu brechen und fremdes Eigentum zu beschädigen, Autos etwa, dann wärst du besser dran, wenn du an die Fahrzeuge, die du zerstörst, siedlerfreundliche Parolen kritzeltest statt, sagen wir: »Das Volk fordert soziale Gerechtigkeit«. Denn irgendwie scheint es, dass die Polizei bei politisch motiviertem Vandalismus nur widerwillig Personen festnimmt – außer es geht um »linke« Themen.

Ich möchte keinen Zweifel daran lassen, dass ich es für anstößig halte, Fenster von Bankfilialen einzuwerfen, so wie es bei den Demonstrationen für soziale Gerechtigkeit geschehen ist. Aber es kommt mir immer noch weniger anstößig vor, als ausländische Arbeiter zu verprügeln oder Steine zu werfen gegen Sicherheitskräfte, die Siedlungen in den besetzten Gebieten räumen. Es kommt mir auch weniger anstößig vor, als das Land zu bebauen, das jemand anderem gehört. Trotzdem bleibt es ein Verstoß, der bestraft gehört.

Klima der Gewalt

Doch die moralische Empörung dieses Sozialprotests, die in Wut gekippt ist, lässt sich nicht von dem allgegenwärtigen Klima der Gewalt um uns herum trennen. Deren hässliche Auswüchse gedeihen nicht nur in den dunklen Ecken unserer israelischen Demokratie, sondern auch in der Knesset, dem israelischen Parlament.

Wenn eine politische Führung versucht, Gesetze zu verabschieden, um die Regelungen des Obersten Gerichtes zu umgehen; wenn sie alle möglichen Wege findet, um das Illegale zu legalisieren; wenn Mitglieder der Regierung und der Knesset ausländische Arbeiter als Krebsgeschwüre bezeichnen und verächtliche Behauptungen über Schwule und Lesben machen, dann verändert sich die allgemeine Atmosphäre. Dann ist es nicht mehr so einfach, zu unterscheiden, was zulässig ist und was nicht.

Die Gesetzesbrecher, die die Fenster einer Bank zerstörten, sollten bestraft werden, genauso wie die Polizisten bestraft werden sollten, die in YouTube-Videos dabei zu sehen sind, wie sie Demonstranten schlagen, die sie keinesfalls provoziert hatten. Sie gehören genauso zur Rechenschaft gezogen wie viele andere Gesetzesbrecher, die auf den Rechten der Palästinenser herumtrampeln und täglich aufs Neue von dem Israel, wie wir es heute kennen, entschuldigt werden.

"Wenn wir niemandem etwas Böses tun, wird auch uns niemand Böses tun, oder?"

Vor ein paar Tagen, nur eine Woche nach der Demonstration für soziale Gerechtigkeit, bei der nahezu 90 Demonstranten festgenommen und Dutzende heftig geschlagen wurden, marschierten zehntausend Israelis wieder dieselbe Straße in Tel Aviv entlang. Einige hatten noch immer Prellungen und Wunden von der letzten Demonstration, aber sie hatten alle eines verstanden: Wenn das Recht, auf die Straßen zu gehen, wenn das Recht zu demonstrieren bedroht wird, dann wird die Teilnahme zur Pflicht.

Als ich in der Zeitung las, dass die Polizei sich mit Elektroschockpistolen ausrüsten will, erklärte ich meinem kleinen Sohn, dass er dieses Jahr nicht mit uns marschieren wird. Letztes Jahr war er mit dabei, aber dieses Jahr wird er nicht fröhlich mit uns in einer familienähnlichen Demonstration für soziale Gerechtigkeit marschieren, denn dieses Mal könnte es gefährlich werden.

»Aber warum darf ich nicht mit?«, fragte er. »Wenn wir niemandem etwas Böses tun, wird auch uns niemand Böses tun, oder?« Ich wusste nicht, was ich ihm antworten sollte. Wie erklärt man einem Sechsjährigen, dass das Leben manchmal ungerecht ist? Und dass das Leben einem noch ungerechter vorkommt, wenn man die weniger gleiche Seite unterstützt.

Aus dem Englischen von Kübra Gümüsay

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